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Dōgens Leben

Eihei Dōgen Kigen (1200-1253) gilt als einer der bedeutendsten Denker Japans.

Dōgen war Lehrer und Schriftsteller, Abt, Dichter und Kalligraph.

Sein Hauptwerk, Shōbōgenzō, ist ein Stück Weltliteratur. Dōgen wird als Begründer der Sōtō Zen-Schule bezeichnet, deren Haupttempel bis heute das von ihm gegründete Kloster Eihei-ji darstellt. Dōgen selbst nannte sich meist "Mönch Dōgen".

Dōgen wurde in einer Zeit des Umbruchs in Kyoto geboren, Japans Hauptstadt seit über 400 Jahren. Die Heian-Ära (794-1185), Blütezeit der höfischen Kultur in Kyoto, war gerade übergegangen in die Kamakura-Ära (1185-1333), die vom Aufstieg der Samuraiklasse geprägt war. Es fand ein Wertewandel statt: vom kultivierten Hofleben mit vielfältigen Künsten hin zur Strenge und Disziplin der Samurai, von der Eleganz und Gepflegtheit der Stadt hin zu der schlichten, rauen Einfachheit des Landlebens.

Der japanische Buddhismus, welcher sich seit über 600 Jahren entwickelt hatte, war im Niedergang begriffen. Zeremonien wurden an Wohlhabende verkauft und die größeren Klöster hatten Mönche, die sich an Kriegshandlungen beteiligten.


Dōgen entstammte einer Familie des Hochadels. Sein Vater war wahrscheinlich Michichika Koga, der einflussreichste Minister am Hofe zur Jahrhundertwende. Seine Mutter war vermutlich die Tochter eines der früheren Regenten bei Hofe, Motofusa Fujijawa.


Dōgens Vater starb, als er drei Jahre alt war, beim Tode seiner Mutter war er acht. Der Tod der Mutter traf ihn tief. Er begann, Buddhas Lehre zu suchen und mied fortan die hohe Position bei Hofe, zu der er eigentlich vorbestimmt war. Im Alter von 13 Jahren floh Dōgen in einem Tempel am Berg Hiei, dem damaligen Zentrum für buddhistischen Studien. Kōen, Oberhaupt der Tendai-Schule, gab ihm 1213 die Mönchsweihe. Er er erhielt den Mönchsnamen "Dōgen" (Grund des Weges).


Nach intensivem Schriftstudium quälte ihn die Frage, wieso wir Menschen, die wir unserem Wesen nach BuddhaNatur innehaben, uns dann - in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft - auf einen spirituellen Weg begeben müssen und nach allen uns zur Verfügung stehenden Kräften üben müssen?


Dōgen konnte auf dem Berge Hiei keine befriedigende Antwort finden und begab sich schon nach zwei Jahren wieder auf Wanderschaft. Er besuchte Kōin, Abt des Onjō Klosters, dem anderen Zentrum der Tendai-Schule. Kōin riet ihm, nach China zu gehen und dort Zen zu studieren und schickte ihn zu Eisai, einem älteren Tendai-Mönch, der China ausführlich bereist hatte. Der Grund von Eisais Reisen nach China war der Versuch, die verkrustete Tendai-Schule mit dem blühenden chinesischen Chan (Zen) wiederzubeleben. Im Jahr 1214 kehrte Dōgen nach Kyoto zurück, um mit Eisai am Kennin Kloster (Rinzai Zen) zu studieren. Nach dessen Tode 1215 setzte er sein Studium mit Eisais Meisterschüler und Dharma-Nachfolger Myōzen fort, welcher ihm 1221 die Lehrbefugnis erteilte. Im Jahre 1223 reisten beide nach China.


Studium in China


In China besuchte Dōgen sofort die Hauptklöster im Süden des Landes. In den meisten von ihnen wurde ein rigoroses Kōan-Training betrieben. Seine eigene intensive Beschäftigung mit den Kōan-Sammlungen führte hingegen zu einem zunehmenden Missfallen. Er fand die Neigung der meisten Lehrer, unlogische Sätze und Verhaltensweisen zu befürworten und als einzige Ausdrucksform des Zen zu betrachten, verwegen. Ihm wurde abermals eine Lehrbefugnis angetragen, aber er lehnte sie höflich ab. Tief enttäuscht ob der Tatsache, auch nach zwei Jahren intensiver Suche im Land des blühenden Zen keinen passenden Lehrer gefunden zu haben, erinnerte sich Dōgen daran, dass ein Mönch dereinst den hervorragenden Rujing erwähnt hatte. Also machte er sich auf, um den damals 66 jährigen Rujing zu treffen, den Abt des Tiantong Klosters.


Später erinnerte sich Dōgen an diese für ihn entscheidende Begegnung:

Zunächst bot ich eine Räucherkerze dar und verbeugte mich formal vor meinem Meister, dem alten Buddha Tiantong, im Zimmer des Abtes am ersten Tag, fünften Monat des ersten Jahres von Baoqing im großen Reich der Song. Auch er sah mich zum ersten Male. Bei dieser Gelegenheit übertrug er das Dharma, Finger zu Finger, Gesicht zu Gesicht und sprach: "Das Dharma-Tor der direkten Übertragung (Angesicht zu Angesicht) von Buddha zu Buddha, Vorfahre zu Vorfahre, hat sich jetzt verwirklicht."

(Shōbōgenzō, 57, Menju: Übertragung von Angesicht zu Angesicht)


Rujing gibt Dōgen Erlaubnis, jederzeit zu ihm zum Einzelgespräch kommen zu dürfen.

Meister Rujing (1163-1228) gehörte der Caodong-Schule (Jap. Sōtō) des Zen Buddhismus an. Er lehnte die damals verbreitete Auffassung ab, dass eine jede der "Fünf Schulen des Zen" ihre eigene Lehre hätte (die fünf großen Schulen des Zen nach der späten Tang Dynastie in China: Fayan, Guiyang, Caodong, Yunmen und Linji). Er nannte seine Lehre "Den großen Weg aller Buddhas" und lehnte selbst eine Bezeichnung als "Zen Schule" ab. Ruijing war auch ein Gegner der weitverbreiteten Definition von Zen als eine "getrennte Übertragung außerhalb der Schriften". Er sagte, der Große Weg kenne weder innerhalb noch außerhalb. Ruijing trug nie die Brokatrobe, die er von seinem berühmten Lehrer Daokai geerbt hatte und verbat seinen Schülern ein zu enges Verhältnis mit den Machthabenden. Er lehrte (laut Dōgen: Hōkyō-ki: Bericht der Baoquin Zeit), dass Zen das "Abfallen von Körper und Geist" ist sowie eine Methode, die er zhigan dazuo nannte, heute besser als Shikantaza bekannt.


Bald nach der Ankunft Dōgens am Berge Tiantong starb sein Weggefährte Myōzen. Im Jahre 1227, dem gleichen Jahr seiner Ankunft bei Ruijing, erhielt Dōgen von ihm die Lehrbefugnis, welche das "direkte Durchdringen zusammenkommender Erkenntnisse" bezeugt. In seinen späteren ausführlichen Schriften findet sich nur ein Satz über diese Erleuchtungserfahrung: "Es gelang mir, die Übertragung von Angesicht zu Angesicht durch das Abfallen von Körper und Geist zu verwirklichen und ich habe diese Übertragung in Japan eingeführt."

(Shōbōgenzō, 57, Menju: Übertragung von Angesicht zu Angesicht)



Rückkehr nach Japan


Im Jahre 1227 kehrte Dōgen nach Japan zurück. Er blieb zunächst im Kennin-Kloster in Kyoto, jenem Ort, an dem er dem Zen erstmalig begegnet war. Während seines Aufenthaltes im Kennen-ji schrieb er 1227 seine "Anleitung zur Übung des Zazen", das Fukanzazengi, auf Chinesisch. Hierin beschrieb er seine Absicht, sich auf die Lehre des Zen zu konzentrieren, im Gegensatz zu den verschiedenen Formen der Übung, wie sie noch Eisai gelehrt hatte.


Die Tendai-Schule setzte ihre Kampagne zur Unterdrückung einzelner buddhistischer Übungsformen wie des Zen und der Reine-Land-Schule (Jōdoshū) fort. Dies gipfelte 1227 in der Exhumierung des Grabes von Hōnen, einem der höchstverehrtesten Meister der Reine-Land-Schule. Dies zwang auch Dōgen auch dazu, Kyoto zu verlassen und 1230 in einen seiner Vororte zu ziehen, nach Fukakusa. Dort schieb er Bendōwa- Über das Unterfangen des Weges. Es war sein erster Versuch, die Lehre des Zen auf Japanisch zu erläutern. In ihr erneuerte er seine Entschlossenheit, Zen in Japan zu verbreiten, obschon er gleichzeitig zu bedenken gab, dass die Zeit hierfür noch nicht reif sein könnte. In Bendōwa wendete er sich auch entschieden gegen die damals verbreitete Lehrmeinung, das Dharma bestünde aus verschiedenen Zeitabschnitten: reines Dharma, imitierendes Dharma, im Untergang begriffenes Dharma. Alle Menschen, so bekräftigte er, unabhängig von der Zeit, in die sie geboren werden, können den Weg erlangen.


1233 begann Dōgen mit seinem Lebenswerk, Shōbōgenzō.

Erstes Buch hierin ist Maka Hannaya Haramitsu - Vollendung der Großen Weisheit. Ebenfalls 1233 gründete Dōgen ein kleines Übungszentrum in Fukakusa namens Kannondōri Tempel. Kurz darauf beendete er Genjō Kōan - Die Verwirklichung des Augenblicks, eines der schönsten Werke japanischer Prosa. Er widmet es einem Laienschüler.


1234, im Alter von 35 Jahren, besuchte ihn ein Mönch namens Ejō (1198-1280). Zwei Jahre älter als Dōgen und bereits als Lehrer der Dahui-Linie aus dem Linji-Zen (Bodhidharma-Schule), bittet Ejō um Aufnahme als sein Schüler. Das Werk Dōgens ist ohne Ejō nicht vorstellbar. 1235 wurde eine Mönchshalle in Kannondōri errichtet und Dōgen machte Ejō zu seinem Mönchsältesten und Tempelvorsteher. Zwei Jahre später schrieb Dōgen "Tenzo Kyōkun" - Anleitungen für den Tenzō (Chefkoch). Es war ein Versuch, Klosterregeln für sein Haus zu erstellen, das nun Kōshō Hōrin-Kloster hieß. Zur gleichen Zeit beendete Ejō Shōbōgenzō: Berichte von Gehörten Dingen, Abschriften von Dōgens Reden, an seine Mönche. 1239 wurde ein Anbau zur Mönchshalle fertig und Dōgen schrieb die Jū-undō-shiki -Regeln für die Halle der Schweren Wolke. 1240 entstanden sieben weitere Bücher, unter ihnen Uji - Sein-Zeit und Sansui Gyo - Das Sutra der Berge und Wasser.

Im folgenden Jahr wurde Ekan zusammen mit vier anderen Mönchen seiner Gemeinde Dōgens Schüler. Ekan war ein ehemaliger Mitschüler Ejōs und Mönch des Hōjaku Klosters in der Echizen Provinz. Im Jahre 1242 schrieb Dōgen 17 Bücher des Shōbōgenzō und stellte die meisten davon seiner Gemeinde vor. Eines davon, "Zenki" - Ungeteilte Handlung, wurde erstmalig in Kyoto im Anwesen des Grafen Yoshishige Hatano von Shibi vorgetragen.



In den Bergen


Das nahegelegene Kyoto entwickelte sich zu einem Zentrum der Rinzai-Schule.

Zunehmender Neid und Feindseligkeit der Tendai -Hierachie des Hiei-Berges bewegten Dōgen schließlich dazu, die Einladung seines Freundes, Graf Hatano, anzunehmen, der ihm ein herrliches Grundstück für den Neubau eines Zen-Klosters zur Verfügung gestellt hatte. 1243 zog er mit seinen Mönchen in die Provinz Echizen um. Die Gegend, nordöstlich von Kyoto, in der Nähe des Meeres, war durch ihre strengen Winter bekannt. Seine Schüler begannen in dem bergigen Gebiet sofort mit dem Bau eines kompletten Klostergeländes namens Daibutsu. Zwischenzeitlich lehrte Dōgen entweder in einer Einsiedelei am Fuße des Yamashi-Gipfels oder im Yoshimine Tempel, einem alten Kloster. Ejō kopierte und redigierte alle seiner Reden und fügte sie in Shōbōgenzō ein.

1244 wurde die Vortragshalle fertig, der Bau der Mönchshalle begann kurz darauf. 1246 benannte Dōgen Daibutsu um in Eihei-ji (Tempel des ewigen Friedens). Das letzte datierte Buch der fünfundziebzig Bücher umfassenden Version des Shōbōgenzō wurde 1246 gelehrt.


Im Sommer des Jahres 1247 machte sich Dōgen auf die lange Reise nach Kamakura, wo er, einer Einladung des feudalen Herrschers Tokiyori Hōjo folgend, eine Reihe von Vorträgen hielt. Nach der Vergabe der Laien-Weihe an Tokiyori kehrte Dōgen im Frühjahr 1248 nach Eihei-ji zurück. Zwischen 1247 und dem Todesjahre Dōgens gibt es keine datierten Bücher mehr. Die meisten dieser zwölf nicht datierten Bücher sind Ejō zufolge in jener Zeit entstanden. Sie betonen Mönchstum und klösterliche Übung in einer abgeschiedenen Umgebung.


Dōgen erkrankte im Herbst 1252. In den ersten Monaten des Jahres 1253 beendete er mit "Hachi Dai Nin Gaku Do" - Die Acht Einsichten eines Großen Menschen seine 22 Jahre lange Arbeit an Shōbōgenzō. Dōgen wurde im siebten Monat des Jahres 1253 schwerstkrank. Er ernannte Ejō zu seinem Nachfolger, dem zweiten Abt von Eihei-ji und gab ihm eine Robe, welche er eigenhändig genäht hatte. Auf inständiges Bitten von Graf Hatano hin begab sich Dōgen, gemeinsam mit seinem Vertrauten Ejō, im darauffolgenden Monat nach fast 10-jähriger Abwesenheit nach Kyoto, um ärztliche Hilfe einzuholen.



Beim Anblick des vollen Mondes zur Herbstmitte schrieb er:



Mata mino

Omoishi toki no

Aki dani mo

Koyoi no tsuki ni

Nerare yawa suru


Im Herbst

Obschon er

wieder gesehen werden mag

Wie können wir schlafen

Mit dem Mond heute Abend?




Dōgen verstarb am achtundzwanzigsten Tag desselben Monates in seiner Heimatstadt Kyoto, im Hause seines Laien-Schülers Kakunen.



Nach:

Kazuaki Tanahashi, Moon in a Dewdrop,

North Point Press 1985


© Wind-und-Wolken-Sangha, 2007