Paul Wegener gehört zu den ganz Großen der deutschen Theater- und
Filmgeschichte. Der Schauspieler und Regisseur nimmt als einer der
ersten etablierten Theaterkünstler das neue Medium Film überaus ernst.
In den Frühtagen des Kinos, als dieses noch in rauchigen Kneipen und
schmalen Räumen der Vorstädte leichte Attraktionen bietet, will er den
Film zur Kunstform erheben. Mit DER STUDENT VON PRAG (1913) und DER GOLEM, WIE ER AUF DIE WELT KAM (1920) schafft er Meilensteine der Filmkunst.
Paul Wegener wird am 11. Dezember 1874 in Jerrentowitz/Arnoldsdorf
geboren. Sein Vater ist der Tuchfabrikanten Otto Wegener, der seine
Kinder in ostpreußischer Tradition aufzieht. Paul Wegener hat noch vier
Geschwister und ist das jüngste Kind der Familie.
Ab 1883 besucht er das katholische Gymnasium in Rössel, legt sein
Examen 1885 in Königsberg ab. Danach beginnt er eine Ausbildung am
Kneiphofschen Gymnasiums. Dort gründet er mit Gleichgesinnten den
dramatischen Verein "Melpomene" und schreibt für dessen Zeitschrift
Gedichte, Balladen und Stücke, in denen er auch selbst spielt. Auf
Wunsch seines Vaters beginnt er 1894 ein Jura-Studium in Freiburg, im
Breisgau. Zugleich besucht er auch Seminare in Philosophie und
Kunstgeschichte. 1985 wechselt er die Universität und geht nach
Leipzig, aber im selben Jahr noch bricht er das Studium ab. Daraufhin
entzieht ihm sein Vater den Unterhalt. Paul Wegener aber nimmt
Schauspielunterricht und erhält ein erstes Engagement am "Sommertheater
Stadt Nürnberg" in Leipzig; später im Stadttheater Rostock für die
Monatsgage von 75 Mark.
1896 heiratet Paul Wegener ohne Einverständnis seines Vater - er ist
noch minderjährig - Ida Ahlers, die sich seinetwegen scheiden läßt. Ein
Sommerengagements führt ihn zu den Vereinigten Theatern von Swinemünde,
Ahlbeck und Heringsdorf. Im Jahr darauf spielt er am Stadttheater
Aachen und am Wilhelm-Theater Lübeck. Ein kurzes Engagement bekommt er
in Berlin am Neuen Theater am Schiffbauerdamm. Von dort kehrt er aber
erfolglos zurück nach Aachen für zwei weitere Spielzeiten. Bereits 1898
- zwei Jahre nach seiner Heirat - läßt er sich von seiner Frau scheiden.
1900 wird Paul Wegener zu einem einjährigen Militärdienst bei dem
Füsilier-Regiment von Gersdorff eingezogen. Erst danach beginnt seine
eigentliche Theaterkarriere. Ein wichtiges und endlich gutbezahltes
Engagement - immerhin 9000 Mark im Jahr - führt ihn nach Hamburg. Dort
tritt er in "Nachtasyl" von Maxim Gorki auf. In der Folge wird er in
Hamburg zu einem erfolgreichen Schauspieler. Max Reinhardt
holt ihn 1906 an das Deutsche Theater nach Berlin. Er wird zum Star der
Bühne, berichtet wird von seinen Erfolgen u.a. als Jago und Othello. Er
unternimmt ausgedehnte Theater-Tourneen durch Europa; spielt in
Holland, der Schweiz, tritt in Rumänien, Wien, Budapest auf. 1929
unternimmt Wegener eine einjährige Süd-Amerika-Tournee, die in u.a.
nach Chile führt. Er wird Zeit seines Lebens auf der Theaterbühne
stehen. 1937 wird er vom Indentanten Heinrich George ans Schillertheater in Berlin geholt. Das verläßt er 1943, um am Staatlichen Schauspielhaus unter dem Generalintendant Gustaf Gründgens zu spielen.
Ab 1912 interessiert sich Paul Wegener für den Film. Nach eigenen Aussagen hat ihn sein erster Film Der Verführte,
den er im neuerrichteten Bioscop-Studio Neubabelsberg dreht, nicht
zugesagt und er wird vernichtet. Mit seinem folgenden Film schreibt er
Filmgeschichte. Für DER STUDENT VON PRAG (1913) finden sich Paul Wegener, der junge, dänische Regie-Star der Bioscop GmbH Stellan Rye, der damals populäre Schriftsteller Hanns Heinz Ewers und der innovative Kameramann Guido Seeber
zusammen. Es handelt sich um den ersten Doppelgängerfilm der
Filmgeschichte, in dem das fotografische Prinzip - die Teilung der
Bildfläche - auf die neue Filmkunst übertragen wird. Paul Wegener
spielt auch in anderen Filmen häufig Gegenpartrollen, wie etwa in DER YOGHI,
in dem er einen jungen und einen alten Yoghi verkörpert. Zudem greift
er immer wieder auf märchen- und sagenhafte Stoffe zurück, um das
literatische Motive des Doppelgängers - sei es in Form des
Spiegelbildes (DER STUDENT VON PRAG), des Schattens (DER VERLORENE SCHATTEN) oder im Verhältnis von Jung/Alt (DER YOGHI)
- zu bearbeiten. Die verschiedenen phantastischen Sujets sind immer dem
Filmkonzept von Paul Wegener verhaftet, Filmkultur zu entwickeln, die
Technik des Films für den Inhalt des Films bedeutsam werden zu lassen
und das Kinetische an sich zu erschließen, auf "eine kinetische Lyrik"
hinzuarbeiten. Er beschäftigt sich auch theoretisch mit dem Film und
hält den vielbeachteten Vortrag "Die künstlerischen Möglichkeiten des
Films" (1916), in dem er sich für die neue Kunst ausspricht: "Der
eigentliche Dichter des Films muß die Kamera sein."
Nach dem nationalen und internationalen Erfolg von DER STUDENT VON PRAG (1913) dreht er gemeinsam mit dem Regisseur Henrik Galeen einen weiteren. Mit DER GOLEM (1915)
wird das Gesicht des Schauspielers über Deutschland hinaus bekannt und
gilt nun unbestritten als prominiester Initator eines Deutschen
Kunstfilms. Nochmals greift Paul Wegener die jüdische Geschichte des
Golems auf und dreht 5 Jahre später DER GOLEM, WIE ER AUF DIE WELT KAM (1920). Der Film zählt zu den größten Erfolgen deutscher Filmkultur. Die Filmdekorationen, die die Architekten Hans Poelzig, Kurt Richter und Rochus Gliese
schaffen - besonders die aus Ton gefertigte Stadt oder die Stein-Figur
des Golem selbst - zählen zu den berühmtesten Bauten der
Filmgeschichte.
Bei Ausbruch des I. Weltkrieges meldet sich Paul Wegener freiwillig als
Unteroffizier an die Westfront. Nach Schlaganfällen wird er ins
Lazarett eingewiesen und beendet den aktiven Kriegsdienst. Seiner
Erinnerungen hat er im "Flandrischen Tagebuch 1914" notiert.
1923 gründet Wegener seine eigene Produktionsfirma, die "Paul-Wegener-Film AG", die aber nach der Produktion des Films LEBENDE BUDDHAS
(1924) bereits Konkurs anmelden muß. Im selben Jahr interessiert sich
Hollywood für den deutschen Schauspieler. Er reist nach Amerika, aber
sein dort hergestellter Film DER DÄMON (1928) wird in Deutschland ein Flopp. Nach seiner Rückkehr hat er keine Probleme, an seine Filmkarriere weiter zu verfolgen.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bleibt Paul Wegener in
Deutschland. Ganz kann er sich der nationalsozialistischen
Filmproduktion nicht entziehen. So spielt er z.B. in DER GROßE KÖNIG einen russischen Offizier. Auch in dem nationalsozialistischen Durchhaltefilm KOLBERG unter der Regie von Veit Harlan spielt Paul Wegener mit. Seine eigenen Regie-Arbeiten tragen ebenso die Zeichen der Zeit in sich.
Paul Wegener ist 5mal verheiratet. Nach seiner ersten Ehe heiratet Paul
Wegener 1903 Änny Hindermann, einer Koloratursängerin an der Hamburger
Oper. 1924 trennt sich Paul Wegener von seiner zweiten Frau und
heiratet die Schauspielerin Lyda Salmonova,
mit der er in zahlreichen frühen Filmen auftritt. Allerdings lassen
sich beide zwei Jahre später wieder scheiden und Paul Wegener geht
seine vierte Ehe mit der Theaterschauspielerin Greta Schröder ein. Nach der Scheidung heiratet er die Theaterschauspielerin Elisabeth Rohwer.
Nach dem Ende des II. Weltkrieges, daß Paul Wegener in seinem Haus in
Berlin-Wilmersdorf erlebt, tritt der sowjetische Oberkommandierende
General Bersarin an den Schauspieler heran. Dieser läßt vor Paul Wegeners Haus ein Schild zum Schutz aufstellen mit folgender Aufschrift: "HIER WOHNT PAUL WEGENER, DER GROSSE KÜNSTLER! GELIEBT UND VEREHRT AUF DER GANZEN WELT." Er wird Präsident der
"Kammer der Kunstschaffenden" und übernimmt die Hauptrolle in "Nathan
der Weise", dessen Inszenierung am 07.09.1945 in Berlin Premiere
feiert. Über 60mal spielt er das Stück noch, aber von einem
Schwächeanfall auf der Bühne des Deutschen Theaters erholt er sich
nicht mehr.
Paul Wegener stirbt am 13. September 1948 in Berlin. |
