Du Jane, ich Goethe
Eine
Geschichte der Sprache
von
Guy Deutscher
Aus dem Englischen von
Martin Pfeiffer
C.H.Beck
REZENSIONEN
(Auswahl)
Süddeutsche
Zeitung 4.2.2009 (pdf)
Neue
Zürcher Zeitung 28.12.2008 (pdf)
Deutschlandradio
– Sendung 21.11.2008 – mp3 hören
Schweizer
Radio 11.1.2009 -mp3 hören
Großer
rhetorischer Sport. Ausgesprochen lesenswert. Hendrik
Werner,
Die Welt,
31.1.2009
Guy
Deutscher veranstaltet hier eine Safari durch sein Fachgebiet, die
regelrecht mitreißend ist und vor witzigen Beispielen
schier birst. Johannes
Saltzwedel,
Der
Spiegel, Dezember
2008
Das
Buch hat das Zeug zum Grundbuch einer ganzen Disziplin: Es fasst
ein weites Wissensgebiet in anschaulicher, straff strukturierter
und souveräner Weise zusammen; es ist von einer starken These
getragen, die das Bekannte in anderem Licht erscheinen lässt;
es widerspricht auf diskrete, aber bestimmte Art einer großen
Zahl bisheriger Forschungen. Und zwar geschieht dies in einer
Weise, die alle dilettierenden Liebhaber der Sprachwissenschaft
entzücken müsste. ... Denn in dem, was Guy Deutscher
hier treibt, mit Tausenden von Beispielen aus den verschiedensten
Sprachen, vom Englischen über das Türkische bis zum
Kuschitischen, einer in Äthiopien gesprochenen Sprache, ist
tatsächlich eine linguistische Universaltheorie. ... Mit
dieser Geschichte der Sprache könnte die öffentliche
Laufbahn der Sprachwissenschaft neu beginnen. THOMAS
STEINFELD, Süddeutsche
Zeitung,
4.2.2009
Deutschers Verdienst
ist es, die Geschichte der Sprache mit leichter Feder zu erzählen
und sie so zu einem Faszinosum für alle zu machen. Stefana
Sabin, Frankfurter
Rundschau, 30.1.2009
Der
Sprachforscher Guy Deutscher schafft es, die Komplexitäten
der Grammatik lebensnah und humorvoll aufzudröseln und die
Kräfte dazustellen, die bis heute in der Sprache wirken.
D.N.,
Der
Tagesspiegel,
15.
Dezember 2008
Sehr
empfehlenswert. Knut
Cordsen, Bayrischer Rundfunk, Sozusagen!,
Oktober
2008
Ein
Buch jedenfalls, das mit witzigen Beispielen linguistische
Spitzfindigkeiten erklärt und das sich jedem, der Sprache
liebt oder für den Sprache Teil seiner Profession ist,
empfiehlt. Sibylle
Fritsch, Der
Standard,
31.01.2009
*
* *
Guy
Deutscher (...) veranstaltet hier eine Safari durch sein
Fachgebiet, die regelrecht mitreißend ist und vor witzigen
Beispielen schier birst. Vom tschechischen Zungenbrecher (...)
über das „Riff“ absterbender Metaphern und die je
nach Sprachform höchst verschiedenen Arten, etwas zu „haben“,
bis zu Slang, Dialekt und der ewigen Frage nach Korrektheit reicht
dieser fröhliche Rundblick nach neuestem Forschungsstand.
Besonders zu rühmen ist der Übersetzer Martin Pfeiffer,
der oft erheblich am Spaß beteiligt gewesen sein muss, ohne
dass man es dem Ergebnis anmerkt. Johannes
Saltzwedel,
Der
Spiegel,
Dezember
2008


Die
Kino-Stammel-Sequenz "Ich Tarzan, du Jane" wählt
israelische Linguist Guy Deutscher als ironisch markierten
Ausgangspunkt für seine spannende Suche nach der verlorenen
Wort-Zeit. Seine bescheiden als "eine Geschichte der Sprache"
verpackte Studie fragt nach Ursprüngen und Zielen, nach
Tendenzen und Tendenziösem dessen, was unser loses Mundwerk
im Innersten zusammenhält. "Die Sprache ist die größte
Erfindung der Menschheit", notiert Deutscher, "obwohl
sie natürlich nie erfunden wurde." Deutscher treibt die
Menschheitsfrage um, wie die differenzierte Ausbildung eines
globalen Verständigungsmediums möglich werden konnte. Er
behilft sich auf seiner Ursprungsrecherche in eleganter Manier:
Statt eine weitere steinzeitliche These zu gutturalen Urlauten zu
wagen, spricht er lieber von Handfestem. Seinen historisch genauen
und dennoch unterhaltsamen Duktus hält Deutscher durch: bei
Erörterungen über Nutzen und Nachteil des deutschen
Futur II für das Leben ebenso wie hinsichtlich der Frage,
warum die Türken vermeintlich rückwärts sprechen.
Großer rhetorischer Sport. Ausgesprochen lesenswert.
Hendrik
Werner,
Die Welt,
31.1.2009
Der
Sprachforscher Guy Deutscher schafft es, die Komplexitäten
der Grammatik lebensnah und humorvoll aufzudröseln und die
Kräfte dazustellen, die bis heute in der Sprache wirken.
Nebenbei erfahren wir, was das türkische
"sehirlilestiremediklerimizdensiniz" bedeutet und warum
es überhaupt so lange Wörter gibt. D.N.,
Der
Tagesspiegel,
15.
Dezember 2008
Es
geht also durchaus nicht nur abwärts mit der Sprache.
Deutscher zeigt auf, dass es neben der allgegenwärtigen
Erosion auch immer wieder neue Wörter oder Wortkombinationen
gibt. Das befürchtete Endstadium in der Einsilbigkeit wird
uns erspart bleiben. Geneviève
Lüscher, Neue
Züricher Zeitung,
28.
Dezember 2008
Dieses
Buch zeichnet den Sprachwandel seit Urzeiten nach und welche
Kräfte dahintersteckten. Und es zeigt: Sprachen sind immer im
Fluss." wom,
Die
Welt,
16.
Dezember 2008
Formeln
sind der Feind der Leser, sagt man von Sachbüchern über
Mathematik. Gleiches gilt für Fachbegriffe in der Linguistik.
Guy Deutscher tut deshalb gut daran, sie nur dort einzusetzen, wo
sie unvermeidbar sind. Nicht nur das macht seine Geschichte über
die Sprache besonders für Nicht-Linguisten zu einem großen
Lesevergnügen. Dem israelischen Sprachwissenschaftler gelingt
es, die hochkomplexe und längst noch nicht erschöpfend
erforschte Entwicklung der menschlichen Sprache unterhaltend,
originell und in weiten Teilen verblüffend suggestiv
darzustellen. Sei Kniff besteht darin, dem Leser sprachliche
Kuriositäten zu entdecken: Warum heißt es „das
Mädchen“ und nicht „die“? Was hat der
englische Löffel („spoon“) mit deutschem Holz zu
tun? Und wieso schreibt Luther im Alten Testament, dass Gott den
Propheten Jeremia ausgerechnet „auf schlechtem Wege“
leiten wolle? (...) die Leistung Guy Deutschers, so
mitreißend in die Geschichte der Sprache einzuführen,
dass der Leser am Ende der gut vierhundert Seiten kaum bemerkt
haben dürfte, dass er soeben ein kleines Proseminar über
die moderne Linguistik besucht hat. André
Hatting, Deutschlandradio
Kultur,
21. November
Ginge es in den Geisteswissenschaften mit rechten Dingen zu, so hätte es darin in den vergangenen Monaten beträchtliches Gemurmel gegeben: Denn das Buch des israelischen Linguisten Guy Deutscher mit dem leider etwas albernen Titel „Du Jane, ich Goethe" - im englischen Original heißt es, viel angemessener, „The Unfolding of Language" - hat das Zeug zum Grundbuch einer ganzen Disziplin: Es fasst ein weites Wissensgebiet in anschaulicher, straff strukturierter und souveräner Weise zusammen; es ist von einer starken These getragen, die das Bekannte in anderem Licht erscheinen lässt; es widerspricht auf diskrete, aber bestimmte Art einer großen Zahl bisheriger Forschungen. Und es ist mehr, als was es zu sein ankündigt: Denn es bietet nicht nur eine Geschichte der Sprache (und zuweilen auch: eine Geschichte der Sprachen), sondern auch eine Wortbildungslehre, eine Morphologie, und eine ebenso kompakte wie plausible Theorie zur Satzlehre, zur Syntax.
Aber die Sprachwissenschaften sind, nach ihrem enormen Aufstieg zu einer scheinbar radikal professionalisierten, fast schon kybernetischen Weltlehre in den sechziger und siebziger Jahren, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit gefallen, und nicht nur aus diesem - sie scheinen auch aus dem Bewusstsein ihrer selbst gefallen zu sein. Der wichtigste Grund für diesen Bedeutungsverlust ist derselbe, der dieses Werk so beeindruckend macht: Guy Deutscher nimmt, als wäre es völlig selbstverständlich, die Trennung von historischer und systematischer Sprachwissenschaft, von Diachronie und Synchronie zurück, die vor einigen Jahrzehnten die Voraussetzung für den Aufstieg der Linguistik zu einer gleichsam mathematisch operierenden Welterklärungswissenschaft gewesen war: Für Guy Deutscher ist Wilhelm von Humboldts Schrift „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus" aus dem Jahr 1836 von unendlich viel größerer Bedeutung als alle Modelle und Strukturen der Generativen Linguistik zusammengenommen. Drei große Prinzipien gibt es, so der an der niederländischen Universität Leiden lehrende Guy Deutscher, von denen die Entwicklung der Sprachen vorangetrieben wird: das Prinzip der Faulheit oder des geringsten Aufwands, das Prinzip der formalen Gleichheit und das Prinzip der Expressivität. Das Prinzip der Ökonomie sorgt dafür, dass ältere, kompliziertere Formen der Grammatik abgeschliffen werden und schließlich verschwinden, wobei zuerst die Verb und Kaususendungen lädiert werden. Dem Genitiv geht es im Deutschen zum Beispiel nicht mehr sonderlich gut, Dativ und Akkusativ haben auch schon gelitten, am deutlichsten in der Deklination von Substantiven und Eigennamen -„Neulich hatten wir Goethen zu Gast" -, und von Futur und Plusquamperfekt oder gar vom Konjunktiv wollen wir gar nicht erst anfangen. Das Englische etwa ist in Angelegenheiten der Vereinfachung grammatischer Formen schon deutlich weiter, und es scheint gewiss zu sein, dass sich das Deutsche in diese Richtung entwickeln wird. Alle Sprachen sind, so Guy Deutscher, diesem zerstörerischen Prinzip unterworfen, und es war schon immer so. Deswegen sind die Klagen über den Sprachverfall, von den Lateinern bis in die Gegenwart, auch immer richtig. Aber es gibt Rettung, und auch sie ist immer da: Denn das Prinzip der Expressivität wirkt der Zerstörung der Formen entgegen, weil es: an abgeschliffenen, verfallenen, toten Formen sein Ungenügen hat und diese durch allerhand Extravaganzen zu revitalisieren trachtet. Das tut es, indem es Elemente hinzufügt, die auf andere, neue Weise wiederherstellen, was erloschen war. Und wenn es der Übertreibungen zu viele werden, geht es wieder mit den Nachlässigkeiten los, und so geht es weiter bis zum Jüngsten Tag. So wird aus dem „hoc die" („an diesem Tag") ein „hodie" („heute"), und dann wird im Französischen ein „hui" daraus, was sich nicht mit Nachdruck aussprechen lässt, worauf das „au jour d'hui" entsteht, was auch irgendwann schlapp macht, so dass man heute immer öfter ein „au jour d'aujourd'hui" hört, wörtlich:; „am Tag von am-Tag-von-diesem-Tag". Oder anderes Beispiel: Wo im Englischen das grammatisch Futur erlischt, tritt ein „going to" - und zunehmend, in Gestalt nur eines Wortes, ein „gonna" in die Bresche. Das Prinzip der Expressivität ist also nur die andere Seite des Prinzips der Faulheit, und wo das eine Prinzip ist, ist das andere auch. Dieselben Kräfte, die uns heute als Ausdruck mangelhafter Sprachbeherrschung erscheinen, bringen morgen die komplexesten sprachlichen Strukturen hervor. Der dritte Bewegungsgrund in der Entwicklung der Sprache schließlich ist das Bedürfnis nach formaler Gleichheit. Es sorgt zum Beispiel dafür, dass Verben wie „backen" heute schwach konjugiert werden und auch das Präteritum „er boll" (von „bellen") verschwunden ist -überhaupt geht ja die Neigung heute eher zum schwachen Verb, wie sie im sechzehnten Jahrhundert zum starken ging. Es ist das Bedürfnis nach Ordnung, was hier waltet, aber so sehr es vor einem Übermaß an grammatischen Nachrichten schützt, so sehr treibt es Ausnahmen hervor - und Übertragungen auf Bereiche der Sprache, die anderen Ordnungen gehorchen. Ein großer Teil unseres Wortschatzes ist so entstanden, indem aus Verben („deuten") Adjektive („deutlich") und aus diesen wieder Verben („verdeutlichen") werden.
Es ist ein einfaches Modell, mit dem Guy Deutscher hier arbeitet, aber es hat weitreichende Folgen: Vor allem unterläuft es die kategoriale Trennung von Bedeutungs- und Satzlehre, von Semantik und Syntax. Und zwar geschieht dies in einer Weise, die alle dilettierenden Liebhaber der Sprachwissenschaft entzücken müsste: in Gestalt einer grammatischen Wortherkunftslehre, einer Etymologie. Insbesondere widmet sich Guy Deutscher dabei der Entwicklung der Wortendungen sowie der Entstehung von Präpositionen aus den Bezeichnungen für Körperteile - und der Entstehung eines Wortschatzes für Abstrakta aus Metaphern, deren ursprüngliche, einfache Bedeutung schlicht sinnlich ist. Guy Deutscher hat dieses Buch in Form einer langen, enthusiastisch gehaltenen Vorlesung verfasst, die von einem Dramolett unterbrochen wird. Das mag pädagogisch sinnvoll sein, wirkt aber auf die Dauer als überflüssige Anbiederung an den Leser. Aber es mag Gründe für diese forcierte Leichtigkeit geben, die nichts mit einem Publikum von Amateuren, um so mehr aber mit der akademischen Disziplin des Verfassers, mit der Linguistik zu tun haben. Denn in dem, was Guy Deutscher hier treibt, mit Tausenden von Beispielen aus den verschiedensten Sprachen, vom Englischen über das Türkische bis zum Kuschitischen, einer in Äthiopien gesprochenen Sprache, ist tatsächlich eine linguistische Universaltheorie. Und auch wenn er eingangs behauptet, mit der ebenso lang andauernden wie heftigen Diskussion darüber, ob die Fähigkeit zur Sprache und ihre grundlegenden Strukturen angeboren sind, nichts zu schaffen haben zu wollen, ist diese Sprachgeschichte ein offener Widerspruch zu den Lehren des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky.
Die Aufspaltung der Sprachwissenschaft in einer vor allem empirisch arbeitende historische Sprachwissenschaft auf der einen und in eine hoch spekulative, hermetisch operierende systematische Linguistik auf der anderen Seite hatte zu Folge, dass diese Disziplin auch die letzten Reste eines Publikums außerhalb des eigenen Faches verlor. Die akademische Sprachwissenschaft hat - trotz Ausnahmen wie Jürgen Träbants Werk über „Europäisches Sprachdenken" - keine Leser mehr, ein Umstand, der offenbar auch die öffentliche Wahrnehmung Guy Deutschers behindert. Das aber hat er nicht verdient. Denn mit dieser Geschichte der Sprache könnte die öffentliche Laufbahn der Sprachwissenschaft neu beginnen. THOMAS STEINFELD, Süddeutsche Zeitung, 4.2.2009
Die Sprache ist die
größte Erfindung der Menschheit", schreibt der
israelisch-britisch-niederländische Linguist Guy Deutscher
und fügt sogleich hinzu, dass Sprache "natürlich
nie erfunden wurde", sondern in einem langen und verwickelten
Zivilisationsprozess entstanden ist. Von diesem Entstehungsprozess
erzählt Deutscher in seiner Geschichte der Sprache, die 2004
auf englisch und jetzt unter dem poppigen Titel "Du Jane, ich
Goethe" in deutscher Übersetzung erschienen ist.
Deutscher zeigt auch, dass die Entwicklung der Sprache nicht als
Fortschritt, sondern als Wandel zu deuten ist. Dieser Wandel
manifestiert sich im ständigen Verfall und in ebenso
ständiger Neuerung von lexikalischen und syntaktischen
Formen. Dabei treiben sich Regelmäßigkeit und
Unregelmäßigkeit gegenseitig; die Unregelmäßigkeiten,
die das Sprachenlernen so erschweren, sind meist Überreste
alter Regelmäßigkeiten, und wenn hier Formen
ausgeglichen und regelmäßig werden, entstehen dort neue
Unregelmäßigkeiten. Vereinfachung an einer Stelle wird
durch Komplizierung an einer anderen kompensiert. Während im
Lateinischen die Tempora durch Endungen gebildet werden, die
schwer zu lernen, aber dafür knapper sind, werden sie im
Deutschen mit selbstständigen (Hilfs)Verben wie "werden"
oder "haben" gebildet. Vom Verfall besonders gefährdet
sind Kasussysteme. So waren von den acht indogermanischen Kasus im
Lateinischen noch fünf übrig, und das Französische
und das Englische unterscheiden gar keine Kasusendungen mehr, das
Deutsche höchstens drei: "der/den Tag", "des
Tages", "dem Tage". Durch metaphorischen Gebrauch
vorhandener Wörter erweitert sich der Wortschatz einer
Sprache ständig, etwa in Ausdrücken wie "bahnbrechende
Pläne", "härtere Gesetze": Aufgrund einer
Analogie nehmen Wörter, die eigentlich etwas Konkretes
bezeichnen, neue abstrakte Bedeutungen an. Wie lautliche,
grammatische und semantische Entwicklungen entstehen, macht
Deutscher an Beispielen aus vielen Sprachen explizit, ohne in
dilettantische Vereinfachung zu verfallen. Die Adaptation der
Beispiele für deutsche Leser verdient mehr Anerkennung als
die eigentliche Übersetzung, die den Plauderton des Originals
übertreibt. Deutschers Verdienst ist es, die Geschichte der
Sprache mit leichter Feder zu erzählen und sie so zu einem
Faszinosum für alle zu machen. Stefana
Sabin, Frankfurter
Rundschau, 30.1.2009
Was ist das: Die
größte Erfindung der Menschheit, die nie erfunden
wurde? Die außerdem die hohe Kunst, die in ihr steckt, in
Selbstverständlichkeiten hüllt? Das wichtigste
Instrument der Kommunikation, das sich zur Gänze verschließt,
wenn man sich unvorbereitet an fremden, fernen Orten bewegt? Die
Lösung des Rätsels ist einfach und komplex zugleich: die
Sprache. Die Sprache, das sind knapp drei Dutzend unterschiedliche
Lautfetzen und Mundstellungen, die, wie von einer geheimnisvollen
Maschine aneinandergereiht, sämtliche rationalen und
emotionalen Regungen der menschlichen Existenz ebenso offenbaren
können wie die Ordnungen des Universums. ...Guy Deutscher hat
den Versuch unternommen, dem Geheimnis der Sprache und dem
Phänomen von Zusammenbruch und Zerfall ihrer Strukturen auf
unterhaltsame Weise nachzugehen: Der Titel seines Buches "Du
Jane, ich Goethe" will darauf verweisen, dass uns eine
historisch weitverzweigte Durchmessung gesellschaftlicher
Kommunikationsmuster erwartet. Eine Geschichte der Sprache, die
von der Entschlüsselung der Keilschrift ebenso erzählt
wie von der Rolle der Metaphern, die eine tiefere emotionale Ebene
ansprechen und schließlich versteinerte Riffe bilden, aus
denen Sprachstruktur erwächst. Und eine Geschichte, die eine
Fülle von Fragen aufwirft: Warum ist im Türkischen ein
Wort genug, um auszudrücken, wofür andere Sprachen
vieler Worte bedürfen? Warum ist das Mädchen sächlich,
und was hat der "spoon" , der Löffel, im Englischen
mit Holz zu tun? Ein Buch jedenfalls, das mit witzigen Beispielen
linguistische Spitzfindigkeiten erklärt und das sich jedem,
der Sprache liebt oder für den Sprache Teil seiner Profession
ist, empfiehlt. So erfahren wir gleich zu Beginn, dass die
sprachliche Basis unserer Verständigung nur scheinbar eine
gesicherte ist, dass wir uns vielmehr auf dem schwankenden Boden
von Unbeständigkeit und ständiger Veränderung
bewegen. Das zeigt uns Deutscher auch an einer Passage aus dem
neuen Testament: Je weiter man diese Textstelle zurückverfolgt,
desto unverständlicher erscheint sie - das Deutsch um das
Jahr 830 liest sich für Nichtgermanisten wie Kauderwelsch.
Auch erschließt sich wieder einmal die unermessliche
Vielfalt der Welt: Rund 6000 Sprachen existieren und haben, bei
aller Verschiedenheit, in ihren Dynamiken und in ihren
Entwicklungsprinzipien eine Gemeinsamkeit: Wandel, Zerstörung,
Erschaffung und Ordnungsdrang. Denn eines hat die Sprachforschung
von jeher beschäftigt: Wie ist es möglich, dass zunächst
hochkomplexe Sprachgebäude vorhanden bzw. aufgebaut worden
sind und dann der sukzessiven Zerstörung anheimfielen und
starben, wie Altgriechisch oder Latein, um kreative Kräfte
für Neuschöpfungen freizulegen? 5000 Jahre alte
schriftliche Aufzeichnungen wurden gefunden, wobei das Sumerische
als früheste belegte Sprache mit allen zentralen Merkmalen
des modernen Ausdrucks gilt. Aber wann der Homo sapiens begann,
sich auf die Brust trommelnd, "Ich Tarzan" und, mit dem
Finger auf seine Partnerin deutend, "Du Jane" zu sagen,
das verbirgt sich im Dunkel der Frühgeschichte. Theorien zur
Sprachentwicklung entstanden im Laufe der vergangenen Jahrhunderte
genug. Jean-Pierre Brisset beispielsweise wollte um 1900
nachweisen, dass sich Sprache aus dem "Quak" der Frösche
entwickelt habe: In einem Froschteich habe ihn ein Frosch
angesehen und "Quak" gemacht. Brisset entnahm daraus die
verkürzte Fassung der Frage "Quoi que tu dis?" und
begann davon alle möglichen Kombinationen und Permutationen
abzuleiten. Andere gängige Theorien wollen aus Schreien, aus
Gesten und/oder der Zeichensprache, aus Körperpflege, Gesang
und Tanz, Saugen, Kauen oder Lecken sprachlichen Fortschritt
herausfiltern. Für Deutscher sind das alles
"Fantasieprodukte". ...Deutscher konzentriert sich...
auf die Prozesse der kulturellen Entwicklung und räumt mit
Klischees des "Früher war alles besser" auf.
Behauptungen vom Niedergang der Sprache füllen inzwischen
ganze Bibliotheken. Umso amüsanter ist es, zu lesen, dass
diese Klage schon in früheren Jahrhunderten auf der
Tagesordnung stand und Sprachhüter verschiedener Nationen
sich echauffierten: So hieß es 1843 aus der Académie
Française, das Französische verfalle, der Anfang vom
Ende sei auf das Jahr 1789 zu datieren. Académie-Mitglied
Victor Hugo reagierte mit Spott und fragte nach: "A quelle
heure, s'il vous plait?" - " Um welche Uhrzeit denn
genau, bitte?" Sibylle Fritsch, DER
STANDARD, 31.01.2009
Was
hat mich nun an diesem Buch so beeindruckt? Es hat mich endgültig
dazu gebracht zu glauben, dass es so etwas wie Sprachverfall nicht
gibt. Dass Sprache nicht still steht, nicht still stehen kann,
darf nicht als Verfall, sondern muss als Entwicklung begriffen
werden. Sie führt etwa dazu, dass in nur 15 Generationen eine
Sprache wie das Deutsche sich derart verwandelt hat, dass wir
heute, begegneten wir einem Deutschen aus dem 15. Jahrhundert, ihn
kaum noch verstehen würden. Der Effizienzdruck unter dem die
Sprecher stehen, der Drang nach neuen, klaren,
unmissverständlichen Ausdrücken und das nach gusto
erfolgende Bedienen an den Wörtern und Strukturen anderer
Sprachen — ja sogar eigentlich fehlerhafte,
sprachgestaltende Analogiebildungen innerhalb der eigenen Sprache
– sind Prozesse von einer Gewalt, wie man sie ansonsten bei
der Auffaltung und Abtragung von Gebirgen beobachten kann. Und ein
Wanderer auf diesem Berge, der sich die Faltungen verbittet, weil
doch alles so bleiben möge wie es ist, verkennt seine
Position. Das Buch verschafft mir sehr viel mehr Vertrauen, dass
der „Verfall“ nicht wahllos ist, sondern in
Wirklichkeit eine zutiefst kreative und notwendige Anpassung der
Sprache an die von ihren Sprechern gewünschten
Ausdrucksmöglichkeiten darstellt. In diesem Lichte betrachtet
führt keine einzige der laut beklagten sprachlichen
Degenerationen – etwa Anglizismen – tatsächlich
zu einer Verengung der Ausdrucksmöglichkeiten; das erledigen
in Wahrheit die wohlmeinenden Kritiker, die taub für mit
diesen neuen Wörtern eingeführte
Bedeutungsverschiebungen oder -erweiterungen sind. Zudem habe ich
den Eindruck, mit Deutschers Buch einen tiefen Blick in die Seele
der Sprachbewahrer getan zu haben: Der Versuch, Sprache gegen alle
Vernunft und alle Anderen in der als richtig erlernten Form zu
bewahren, muss der von Logik und dem Verständnis für die
eigentlichen Prozesse unberührte Wunsch nach Beständigkeit
in einem wesentlichen Lebensbereich sein, nach den goldenen Tagen
der Kindheit, als das Obst noch gut schmeckte, der Himmel noch
richtig blau war und der Kaiser noch einen Bart hatte. Und als,
zum Beispiel, eben Kontrahenten noch Vertragspartner waren und
keine Gegner – dochdoch, so war das in meiner Jugend. Einen
anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen; denn sachlich und
fachlich ist die Wahrnehmung von Sprachentwicklung als
Sprachverfall haltlos. Nebenbei sind – ganz pragmatisch
betrachtet – die Erfolgsaussichten der Kritiker desaströs
schlecht, man verbringe seine Zeit also besser mit Sinnvollerem.
Zum Beispiel mit der Arbeit an einer Art innerem Toleranzedikt.
Dieses Buch ist eine große Hilfe dabei. Wolfgang
Hömig-Groß,
Bremer
Sprachblog,
26.
November 2008