Welche Voraussetzungen hat der Dialog zwischen Christen verschiedener Denominationen? Zur Frage der EINHEIT Im folgenden Abschnitt wollen wir uns einem weiteren wichtigen Thema widmen: der Einheit unter den Christen.
Taizé-Verständnis von Einheit Aus den Artikeln der Taizé-Webseite mit oben genannten Überschriften haben wir versucht, dem Taizé-Verständnis von Einheit unter Christen bzw. des Weges dorthin auf den Grund zu gehen. Wie bei anderen Taizé-Texten auch bleibt leider Vieles unklar, weil die Aussagen recht allgemein formuliert sind und mit Andeutungen gearbeitet wird, die viel Freiraum für eigene Interpretationen lassen. Es drängt sich der Gedanke auf, dass das auch so gewollt ist, damit sich Jeder mit seinem eigenen Verständnis wiederfinden kann und auf diese Weise schon ein Gefühl von Einheit erzeugt wird. In seinem „Aufruf zur Versöhnung der Christen" schrieb Fr. Alois: „Wie können wir auf die neuen Herausforderungen unserer Gesellschaft antworten ... ohne die Gaben des Heiligen Geistes zusammenzulegen, die in alle christlichen Familien gelegt wurden? Wie können wir allen Menschen den Frieden Christi weitergeben, wenn wir getrennt bleiben?“ In gewisser Weise kann man sagen, dass das Hauptanliegen der Taizé-Bruderschaft darin besteht, für die Einheit unter den Christen zu arbeiten (als Vorbereitung für die Versöhnung der ganzen Menschheit). Aus den genannten Texten haben wir folgenden Schluss gezogen: Die verschiedenen Denominationen werden als „christliche Familien“ bezeichnet, die erkennen müssen, dass sie eigentlich sowieso schon zusammengehören. Dafür wird vor allem 1 Korinther 12 angeführt, wo Paulus vom Bild des Leibes spricht, der zwar verschiedene Glieder hat, die aber alle zusammengehören und die einander brauchen in der Verschiedenheit, die dem jeweils Anderen eigen ist. Weiter kann man aus ihren Texten entnehmen, Ziel solle es sein, die Wahrheit beim Anderen zu suchen, ohne die eigenen Besonderheiten aufgeben zu müssen. Frühere Bemühungen um Annäherung der Konfessionen werden so charakterisiert, dass es darum ging, „um jeden Preis eine Gegenmeinung zu vertreten“, was dazu führte, „die eigene Tradition entstellt wahrzunehmen“. Jetzt solle man in einen Dialog treten und für die Ansichten des Anderen offen sein. Dabei solle man sich an das Wesentliche (Was meinen sie damit?) halten und keine Angst davor haben, Verschiedenheiten hinzunehmen. Einheit in der Bibel Da wir diese Gedanken im Licht der Bibel betrachten wollen, soll zuerst auf die zwei einzigen genannten Bibelstellen eingegangen werden: 1 Kor 12 und Röm 12,4-6. Ohne nähere Betrachtung des Zusammenhangs und sonstige Begründungen wird davon ausgegangen, das Bild vom Leib würde für die verschiedenen christlichen Konfessionen oder Traditionen stehen. Man braucht nun nicht sehr viel Einblick in die Geschichte der frühen Kirche um zu wissen, dass diese Deutung ein Anachronismus1 und daher ausgeschlossen ist. Wenn wir einen Text von Paulus so verstehen wollen, wie er ihn gemeint hat, dann müssen wir versuchen, uns soweit wie möglich in seine Zeit und Situation hineinzuversetzen. Es ist ein Missbrauch der Schrift, einfach unsere heutige Situation da hinein zu deuten. Zu Paulus' Zeit gab es die verschiedenen Denominationen nicht. Es gab in verschiedenen Orten Gemeinden, die oftmals durch die Predigt des Paulus oder einen seiner Mitarbeiter ins Leben gerufen worden waren. Die Einheit in der Lehre, in der Gesinnung und dem daraus folgenden Leben war sehr wichtig. Es gibt nur EIN Evangelium, so wie es nur EINEN Gott und EINE Wahrheit gibt, die es zu bewahren gilt:
Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. Epheser 4,1-6
Daher
gibt es auch nur EINE Kirche, die sich an verschiedenen Orten
versammelt und „die Säule und Grundfeste der Wahrheit“ ist (1
Tim 3,15). Paulus schreibt den Korintherbrief an eine konkrete Gemeinde, wo ein konkretes Problem bestand (die Überbetonung bestimmter Geistesgaben, z.B. Zungenrede). Das hat Paulus veranlasst, sie mit dem Bild des Leibes zu ermahnen und zurechtzubringen. Er sah die Einheit und Liebe bedroht, die das Normale unter Christen ist. Er betont, dass Jeder vielmehr die Erbauung des Leibes, d.h. der Brüder und Schwestern in der Gemeinde, im Blick haben soll und nicht vor allem die eigene. In Vers 27 schreibt er: "Ihr aber seid der Leib Christi und jeder einzelne ist ein Glied an ihm." Jeder einzelne Christ ist ein Glied an dem einen Leib Christi. Jeder Einzelne soll dienen mit den ihm anvertrauten Gaben und so seinen Platz in der Gemeinde Gottes einnehmen. Auch in der angeführten Stelle im Römerbrief ist diese Deutung eindeutig. Paulus konkretisiert hier auch die Gaben: prophetische Rede, Unterweisen, Trösten, Ermahnen, Vorstehen ... Wie soll man das den einzelnen Konfessionen zuordnen? Die verschiedenen Glieder oder Gaben sind also nicht die verschiedenen Denominationen mit ihren verschiedenen Lehren, Strukturen, Liturgien und Praktiken, mit verschiedenen Auslegungen der Schrift, einem unterschiedlichen Verständnis von Gottes Wesen, Nachfolge, Kirche, Erlösung und Ewigkeit. Die Wirklichkeit, was die Denominationen betrifft, ist, dass es keine Einheit gibt. Über diese Wirklichkeit kann man sich nur hinwegtäuschen, wenn man die Schrift nicht kennt oder nicht ernst nimmt oder sich für die Glaubensinhalte nicht interessiert und über die Unterschiede nicht redet. Die Einheit, so wie Paulus sie durch das Bild des Leibes zum Ausdruck bringt, kann auch nicht entstehen, wenn Jeder an seinen Eigenheiten, der "eigenen Wahrheit", festhalten will, wie es die Taizé-Bruderschaft vorschlägt: "Ich muss lernen hinzuhören; dabei muss ich nicht auf meine Wahrheit verzichten und mit allem einverstanden sein. Vielleicht aber bin ich aufgerufen anzuerkennen, dass man die Probleme auch aus einem anderen Winkel sehen kann, dass es andere berechtigte Ausgangspunkte und Zielpunkte gibt, andere Begriffe im Dienst am Glauben. Je klarer ich mich an das Wesentliche halte, desto weniger habe ich Angst, Verschiedenheiten hinzunehmen, die das Wesentliche nicht infrage stellen" (Zitat aus: Welche Voraussetzungen hat der Dialog ...) Schon der Ausdruck "meine Wahrheit" macht deutlich, dass es nicht um die von Jesus offenbarte und jedem Menschen erkennbare Wahrheit geht, die allein zu von Gott gewirkter tiefer Einheit führen kann. Der "Aufruf zur Versöhnung" von Fr. Alois ist in keiner Weise ein Aufruf zur Einheit im Sinn der Bibel. Es ist ein Aufruf zum Zusammenlegen der Verschiedenheiten und Gegensätze mit der Begründung, dass sowieso niemand die ganze Wahrheit hat („keine Tradition kann behaupten, alles von Christus zu besitzen“, Zitat aus „Welche Voraussetzungen hat ...“). Niemand muss sein Denken ändern, man soll das Positive beim Andern suchen. Der klare Maßstab des Wortes Gottes fehlt und die Wahrheit des Evangeliums wird damit untergraben.
Was die christliche Lehre und "Tradition" betrifft, finden wir in der Schrift sehr klare Worte: Ich ermahne euch, meine Brüder, auf die Acht zu geben, die im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt, Spaltung und Verwirrung verursachen: Haltet euch von ihnen fern! Denn diese Leute dienen nicht Christus, unserem Herrn, sondern ihrem Bauch und sie verführen durch ihre schönen und gewandten Reden das Herz der Arglosen. Röm 16,17+18
Falsche Lehre kann durch „schöne und gewandte Reden“ sehr verführerisch sein. Die Christen sollten sich davor hüten und an dem, was sie von den Aposteln gelernt hatten, festhalten. Die christliche Tradition besteht daher in der Lehre der Apostel – nicht in Lehren oder Dogmen, die erst viele Jahrhunderte später festgelegt wurden. Das Evangelium, das Paulus verkündet hat, ist das, was wir heute in der Bibel finden. Wer sich nicht an das halten will, was die Schrift sagt, für den gelten ebenso diese von Paulus geschriebenen Worte:
Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. Doch es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen. Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel. Was ich gesagt habe, das sage ich noch einmal: Wer euch ein anderes Evangelium verkündigt, als ihr angenommen habt, der sei verflucht. Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen, oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi. Gal 1,6-10 Denn was die falschen Brüder betrifft, jene Eindringlinge, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, argwöhnisch zu beobachten und uns zu Sklaven zu machen, so haben wir uns keinen Augenblick unterworfen; wir haben ihnen nicht nachgegeben, damit euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe. Gal 2,4+5
Im Galaterbrief geht es im Zusammenhang um die Gefahr durch Juden, die zwar Jesus als Messias sahen, aber darauf bestanden, dass Heidenchristen das mosaische Gesetz halten müssen, um zu Gottes Volk gehören zu können. An dieser Frage können wir auch sehr gut sehen, wie wichtig den Christen die Einheit in der Lehre war. Sie fanden sich in Jerusalem zusammen und haben Gottes Antwort darauf gesucht und gefunden (s. Apostelgeschichte 15). Wer das dann nicht angenommen hat, war forthin ein "falscher Bruder" bzw. ein Irrlehrer. Er sollte nicht als Bruder betrachtet werden, der "seine eigene Wahrheit" hat. Liebe zur Wahrheit als Voraussetzung für wahre Einheit So mancher würde wohl das, was Paulus schreibt, als intolerant bezeichnen. Es bringt aber seine große Liebe zur Wahrheit der Offenbarung Gottes und die Sorge um die Einheit der Gläubigen zum Ausdruck, die der Welt zum Zeichen der Gegenwart und Liebe Gottes dienen soll: Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. Joh 17,20-23 Wirkliche Einheit ist nicht eine menschlich herbeigeführte dadurch, dass ein "Stellvertreter Gottes auf Erden" sagt, was Jeder glauben muss oder dadurch, dass einfach Jeder mit seiner Meinung akzeptiert wird oder man über die Unterschiede nicht spricht. Sie hat auch nichts mit einer bestimmten Atmosphäre bei ähnlich erlebten Gefühlen durch meditative Gesänge mit seichten, allgemeinen, sich immer wiederholenden Texten zu tun. Was durch die Bemühungen der Taizé-Bruderschaft tatsächlich entsteht ist eine verführerische Karikatur von Einheit. Sie kommt all denen entgegen, die ihr Leben nicht verlieren wollen, die nicht nach der Wahrheit fragen wollen, die den Scheinfrieden der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit (was als Toleranz bezeichnet wird) dem trennenden Schwert des Evangeliums vorziehen. Jesus sagt:
Denkt
nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin
nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich
bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die
Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer
Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine
Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich ist meiner
nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich ist
meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir
nachfolgt ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird
es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es
gewinnen. Matth
10,34-39
Aus
der Schrift wird deutlich, dass die Einheit unter den Gläubigen nur
auf der Grundlage der Wahrheit entstehen und bestehen kann. Gott hat
in jeden Menschen die Liebe zur Wahrheit gelegt, die ihn zur rechten
Gotteserkenntnis und zum Heil führen soll (2 Thess 2,10-12). Alle
die Menschen, die nicht ihr eigenes Leben und ihre eigene "Tradition"
über die Schrift stellen, sondern sich in ihrem Denken und Leben, in
ihrem Glauben und ihren Werten von Gottes Wort korrigieren lassen,
erfahren die einigende Kraft Gottes. Er bewirkt, dass sie "ein
Herz und eine Seele" werden (Apg 4,32). Achtet auf euch, damit ihr nicht preisgebt, was wir erarbeitet haben, sondern damit ihr den vollen Lohn empfangt. Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht. Wer aber in der Lehre bleibt, hat den Vater und den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß. Denn wer ihm den Gruß bietet, macht sich mitschuldig an seinen bösen Taten. 2 Joh 8-11
In der damaligen Gesellschaft beinhaltete das Entbieten des Grußes Interesse für den Anderen, ein Fragen nach dem Woher und Wohin und war oft mit einem Beherbergen verbunden. Und da erfahrene Gastfreundschaft den Wanderpredigern half, ihre Botschaft zu verbreiten, trug der, der ihnen Gastfreundschaft gewährte, zur Verbreitung der Irrlehre bei.
Beugt
euch nicht mit Ungläubigen unter das gleiche Joch! Was haben denn
Gerechtigkeit und Gesetzwidrigkeit miteinander zu tun? Was haben
Licht und Finsternis gemeinsam? Was für ein Einklang herrscht
zwischen Christus und Beliar? Was hat ein Gläubiger mit einem
Ungläubigen gemeinsam? Wie verträgt sich der Tempel Gottes mit
Götzenbildern? Wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes; denn
Gott hat gesprochen: Ich will unter ihnen wohnen und mit ihnen gehen.
Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein. Zieht darum
weg aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr, und fasst
nichts Unreines an. Dann will ich euch aufnehmen und euer Vater sein
und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der
Herrscher über die ganze Schöpfung. 2
Kor 6,14-18
Wir
sind sehr dankbar für die Einheit in Lehre und Leben, die Gottes
Geist unter uns wirkt. Er hat einen Jeden von uns verändert, uns
seine guten Maßstäbe in der Schrift bewahrt und uns ein gemeinsames
Leben geschenkt. So können wir aufeinander Acht haben und einander
helfen, nicht von der Wahrheit abzuirren. Wir laden jeden Menschen
ein, der ernsthaft nach der Einheit mit allen Gläubigen sucht, mit
uns seine Gedanken oder Fragen zu teilen. 1 Das Wort Anachronismus geht auf griechische Wurzeln zurück und heißt wörtlich übersetzt gegen die Zeit. Damit sind Dinge oder Begriffe gemeint, die fälschlicherweise einer Zeit zugehörig dargestellt werden, in der sie nicht mehr oder noch nicht existierten. Z.B. wäre es ein Anachronismus zu schreiben, dass Paulus eine E-Mail an Timotheus geschrieben hat.
Alle Bibeltexte, soweit nichts angemerkt ist, sind aus der Einheitsübersetzung zitiert. |