Dieser Text ist erschienen in: plumbum Nr.7, Frühjahr 2006


Piotrs Party

Polen ist dunkel. Aber Polen hat seine lichten Momente. Im  Winter ist Polen ganz besonders dunkel. Und auch im Sommer, wenn die Sonne früh morgens strahlend auf- und spät abends mit einem furiosen Schauspiel flüssigen Goldes und leuchtenden Rotes untergeht, auch an diesen Sommertagen ist Polen dunkel. Wo sonst auf der Welt wird ein Wein mit einer scharfen, kratzigen Zigarette im Korken verkauft, an der man nach jedem Schluck einen Zug nimmt, um den schlechten Geschmack des Weines los zu werden?


Anfang der Achtziger Jahre, während des Kriegsrechts, in der Zeit der Schikanen und Repressionen, war die Polnische Dunkelheit noch schwerer, und die Menschen haben in ihren engen, miserablen Wohnungen gesessen und noch mehr getrunken als sie es ohnehin immer tun. Es gab eine Sperrstunde, so dass sich ab acht Uhr abends niemand mehr auf der Straße blicken lassen durfte. Natürlich haben wir trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen unsere Partys gefeiert. Ich erinnere mich an eine dieser Partys, und zwar erinnere ich mich wegen Piotr daran, der erst später dazu kam. Piotr war ein professioneller Clown. Er war spitteldürr und schmal, und seine dünnen, farblos hellen Haare sahen immer so aus, als hätte er sie eben mit der Nagelschere geschnitten. Im Grunde war er hässlich, die Augen ein bisschen zu weit auseinander, die Lippen ganz fleischlos wie Striche und meistens hatte er ein paar Pickel in seinem blassen Gesicht. Aber die Frauen liebten ihn und die Männer liebten ihn auch. Das beste an ihm war, dass er niemandem jemals etwas vorgemacht hat. Hätte er gar nicht können. Seine wenigen mittelmäßigen Nummern kriegte er nie richtig hin. Er war ein aufrichtiger Versager, und bei seinen Auftritten zeigte er dem Publikum, wie ein Versager aussieht, und das Publikum fand sich darin wieder. Im allgemeinen, und ganz besonders in Bezug auf seine Darbietungen war er antriebsarm und einfallslos, ja, nahezu apathisch. Nur mühsam ließ er sich dazu überreden, Neuerungen oder Änderungen in sein Programm aufzunehmen, und wenn man ihn soweit hatte, sagte er mit einem schweren Seufzer, also gut, ich versuchs, um dir einen Gefallen zu tun, aber das ist schwierig, zu schwierig, ich glaube nicht, dass es gehen wird. Wenn man sich aber mit ihm in einem Lebensmittelgeschäft anstellte, oder in eine Polizeikontrolle geriet, dann hatte er glänzende Einfälle, die er allerdings genauso lustlos und apathisch ausführte wie seine Auftritte, aber am Ende umspielte ganz kurz ein schüchternes Lächeln seine Lippen, und während man noch damit beschäftigt war, das Lachen zu unterdrücken, war der Anflug von Zufriedenheit in seinen Augen schon wieder erloschen.

An diesem Abend bei Witek bemerkte ich um halb neun, dass Piotr nicht da war, und ich fragte ihn, wo ist Piotr?, aber er wusste auch nichts. Der Alkoholpegel stieg stetig, die Luft war zum Schneiden, die Musik und die Unterhaltungen waren wie immer leise, weil die miserablen Wohnungen in den beschissenen Nachkriegs-Siedlungsbauten, in denen wir wohnten und unsere Partys feierten, so verdammt hellhörig waren. Ein Zen-Buddhist im Trainingsanzug führte mit einer eingefleischten Atheistin in sehr engen Jeans intellektuelle Diskussionen, deren Sinnzusammenhänge sich allmählich kosmischen Dimensionen annäherten. In einer Ecke wurde sogar ein wenig getanzt und ich hörte Andrzej und Witek und noch einen zum hundertsten Male über Annas Hintern reden, der für sie immer unerreichbar bleiben würde. Elzbieta war inzwischen von Wodka auf Bier umgestiegen. Sie sagte, mein russischer Großvater hat immer gesagt, zum Wodka Bier zu trinken ist so gut wie Geld zum Fenster rauswerfen. Und was soll ich jetzt machen? Ich kann keinen Wodka mehr trinken, das ist unmöglich, ich habe genug, ich muss jetzt Bier trinken, Wodka geht nicht mehr und Aufhören geht auch nicht. Jemand kicherte, und als sie die Flasche an die Lippen ansetzte, war der russische Großvater vergessen.

Später hörte ich wie aus weiten Fernen die Klingel. Ich versuchte, dieses Geräusch, das mir irgendwie bekannt vorkam, in seiner Bedeutung zu verstehen, und nach dem ich es zum ich weiß nicht wievielten Mal gehört hatte, sagte ich zu Witek, der neben mir saß, du, hast du das gehört, es hat geklingelt. Witek sagte, soso, geklingelt hat es, und dann geschah nichts. Durch die leise Musik und das leise Gerede und durch den ganzen Rauch hindurch hörte ich wieder und wieder das Geräusch der Klingel. Nach einer Weile erhob ich mich vorsichtig und balancierte zwischen sitzenden und stehenden Leuten hindurch, an Aschenbechern, Flaschen und Gläsern vorbei zur Tür. Du glaubst es nicht, aber es war so, hörte ich jemanden sagen, und etwas weiter hieß es, ach Gott, wenn alles so einfach wäre, und dann war ich an der Tür. Der Sperrstunde wegen schaute ich gewohnheitsgemäß erst durch den Spion. Ich sah Farben in Aufruhr. Es war ein Tanz, eine wahnsinnige Choreographie farbiger Figuren. Es leuchtete. Mal so und mal so. Es hüpfte. Es floss. Ich klebte mit dem rechten Auge an dem Spion, das linke zugekniffen, während die Figuren in dem Rund des Spions rhythmisch Form und Farbe und Position wechselten, und in Wirklichkeit waren es Sterne in den Tiefen von Galaxien, und dann waren es Engel, Heiligenscheine gab es, und die Heiligen, denen sie gehörten, kicherten im Chor. Hinter mir hörte ich noch jemanden sagen, aber es ist so einfach, und dann schien der Lautstärkenregler nach unten gedreht zu werden, auch das Kichern der Heiligen wurde leiser und die Farben wurden leuchtender und bewegten sich schneller.

Ich klebte wie angenagelt an der Tür. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich dachte, ich bin auf der Party bei Witek, eben hat es geklingelt, ich stehe an der Tür und schaue durch den Spion. Auf der anderen Seite des Spions ist das Treppenhaus. Witek hat gesagt, soso, geklingelt hat es. Wenn es geklingelt hat, steht jemand vor der Tür. In diesem Augenblick gab es orangefarbene, gleichschenklige Dreiecke, und es war kein Zweifel, dass diese Dreiecke Äxte waren, lauter kraftvoll geschwungene Äxte. Vor der Tür stand dieser alberne Psychiater, den sie geschickt hatten, aber das war erst, nachdem ich die Axt schon eine Weile aus der Hand gelegt hatte, und nachdem die Polizisten abgezogen waren. Obwohl es in der Wohnung meiner Großmutter war, die über der unseren lag, hatte es nichts mit ihr zu tun. Es war ganz einfach, es gab nichts daran zu verstehen oder zu erklären. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten, es war zu viel, das Fass war übergelaufen. Das war alles. Ich nahm die Axt und ging in die Wohnung meiner Großmutter und hieb die Axt in alles, in das sie sich schlagen ließ. Es dauerte vielleicht anderthalb Stunden. Dann riefen Polizisten, ich solle heraus kommen, das Haus sei umstellt. Ich trat ans Fenster und zeigte ihnen den Vogel. Sie berieten sich, und es war vielleicht wegen der Stellung meines Vaters, dass sie den sanften Weg vorzogen und mir diesen albernen Psychiater mit der orangefarbenen Jacke schickten. Er klopfte an die Tür und sagte, möchtest du vielleicht aufmachen und mit mir reden. Ich ließ etwas Haushaltsbenzin unter dem Türspalt durchlaufen, der Steinfußboden dahinter war abschüssig, und bevor ich die Tür öffnete, ließ ich ein brennendes Streichholz fallen. Dann legte ich mich mitten in die Verwüstung und erholte mich von der schweren körperlichen Arbeit, und als mir klar wurde, dass ich nicht bis zum jüngsten Tag hier würde liegen bleiben können, klopfte es wieder an der Tür. Ich fragte, wer ist da? Ich bin’s, sagte Piotr. Ich ließ ihn ein. Piotr, spitteldürr und antriebsarm, strich sich eine Strähne seines farblosen Haares aus der Stirn und nahm mit seinem apathischen Blick nur sehr marginal von der Verwüstung Notiz. Was er auch in diesem Augenblick von mir gedacht haben mag, er benahm sich wie immer. Er sagte, hast du was für mich zu trinken, und ich goss uns Wodka ein, und dann saßen wir auf dem Boden zwischen Glas- und Porzellanscherben, zerfetzten Blusen und Röcken, zersplittertem Holz,aufgeribbelter, zerhackter Wolle, zwischen mit der Axt geteilten Büchern und den Innereien eines Ohrensessels und plauderten eine Weile. Nachdem es dunkel geworden war, sagte ich, lass uns gehen, nahm die Axt, und wir verließen das Dorf in Richtung Wald. Auf dem Weg hieb ich die Axt in jedes Auto, an dem wir vorbei kamen. Piotr schien sich nicht daran zu stören, keine Menschenseele war unterwegs und nur wenige Fenster erleuchtet. Die Luft war kühl und feucht, irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Dann tauchten wir in den blaugrün grauen, schwarzen Wald ein und gingen und gingen.

Die Farben in dem Spion begannen mich zu verwirren. Ich dachte, jemand hat gesagt, ach Gott, wenn es so einfach wäre, und dann hatte jemand gesagt, aber es ist so einfach. Ich wandte mich ab und ging zurück. Auf dem Weg sagte ich zu Elzbieta, schau mal durch den Spion. Als ich endlich wieder neben Witek saß, schrie sie durch die ganze mit Leuten und Rauch und Gesprächsfetzen und Alkohol gefüllte Wohnung, schaut euch das an, kommt alle zur Tür, der Erlöser ist da, er ist im Spion, kommt, schaut es euch an, und da sie nicht aufhörte, begannen die Leute wirklich zur Tür zu gehen. Witek sagte, soso, geklingelt hat es. Die Leute sagten, na nu schieb doch nicht so!, und, Elzbieta immer mit ihrem Erlöserquatsch, die soll sich lieber an ihren russischen Großvater halten, und, doch, da ist wirklich was, und, es sollen Farben sein, und, ob es ein Wunder?, und, olle Kifferbande, lasst mich mal, und irgendwann kam Elzbieta zurück ins Zimmer. Sie schluchzte und sang und begann sich zu wiegen und zu tanzen und zog hinter sich her die Atheistin in den sehr engen Jeans, die leicht schielend zu ihr sagte, vergiss deinen Erlöser, das ist der Anfang der einzig wahren Revolution. Die beiden Frauen schlangen die Arme umeinander und tanzten. An der Tür gab es einen kleinen Tumult. Jemand fiel zu Boden, wurde wieder aufgehoben, jetzt aber!, man lugte durch den Spion, lass mich auch mal, wurde weggedrängt, ließ andere dran, versuchte es noch einmal und allmählich kamen die ersten wieder zurück.

Der Buddhist im Trainingsanzug war völlig ungerührt, aber er lächelte väterlich in die Runde, und Witek, der die ganze Zeit sitzen geblieben war, sah mich etwas irritiert von der Seite an. Elzbieta und die Atheistin fanden sich mit der Zeit in den Rhythmus der Musik, so dass es eine Freude war, ihnen beim Tanzen zu zu schauen. Elzbieta ging zu einem singsangartigen Sprechgesang über, der nicht immer ganz verständlich war, und in dem irgendwie der Erlöser und ihr russischer Großvater zusammen eine Revolution machten, in der nicht, wie üblich, Ströme von Blut sondern von Milch und Honig und Wodka flossen, in der nicht Reden gehalten, Forderungen gestellt und Regierungen gestürzt wurden, sondern Festmahle und Orgien veranstaltet und Kunst inszeniert wurde, und in der es nahezu täglich ein Wunder gab, sei es, dass die Gottesmutter Maria wahrhaftig erschien, um zu verkünden, dass das mit der unbefleckten Empfängnis ein hübscher literarischer Einfall gewesen sei, sei es, dass Joseph persönlich Hand an die verrotteten Dächer der beschissenen Nachkriegs-Siedlungsbauten legte, die von da an für immer dicht waren. Witek sah den beiden tanzenden Frauen ebenso hingerissen zu wie ich. Er lächelte versonnen vor sich hin, und als sich das Lied seinem Ende zuneigte, sprang er behände auf, ei, wie er das konnte, und legte rechtzeitig eine neue Kassette ein, damit sie weitertanzten. Der Buddhist hatte sich hinter mir im Lotussitz niedergelassen und summte ein Mantra, das perfekt mit der Musik und dem Tanz der Frauen verschmolz. Die Leute, die von dem Spion zurückkamen, schickten die Trägen, die sitzen geblieben waren dorthin und erzählten, was sie gesehen hatten. In diesem ganzen aufgeregten Geschnatter und Aufstehen und Zurückkommen tanzten die zwei wie in Trance weiter, ich sage dir, sagte einer, während sich seine Augen an den Hüften der Atheistin festsaugten, ich sage dir, das ist wie, wie, ja, genau so ist das, und dann wieder, ja, da, und da er nicht von den Hüften der Atheistin abließ, drehte sich auch der Angesprochene um und schaute auf das wippende Fleisch über dem Hosenbund, und dann standen sie da und sagten nichts mehr und schauten und begannen zu tanzen, und andere folgten ihnen.

Witek fragte, du warst an der Tür? Ja, sagte ich, und er fragte, was ist mit dem Spion? Farben, sagte ich, Tanz, Engel, Sterne, Äxte, und dann umfasste ich die ganze Party mit einer großen Geste und sagte, und viele andere Dinge. Alles in deinem Spion. Alles in Bewegung. Geh hin und sieh. Witek lehnte sich zurück, damit er zur Tür sehen konnte, legte für einen Augenblick seinen Kopf auf der Schulter des Buddhisten ab, der vollkommen reglos im Lotussitz verharrte und sein Mantra automatenhaft weitersang, sah, dass sich immer noch Leute am Spion drängelten, gestikulierend, schnatternd, sich hin und her schiebend, richtete sich wieder auf und sagte, ich warte noch ein bisschen. Allmählich waren die meisten am Spion gewesen und endlich beruhigte sich das Geschnatter und Aufstehen und Kommen und Gehen. Es gab strahlende Gesichter hier und da, anderen war es egal und ein Physiker deklamierte aus den Erkenntnissen der postmodernen Physik, nach denen wir alle in Wahrheit gar nichts gesehen hatten und überhaupt, diese Tür, der Spion, ja letzten Endes eigentlich auch die Knüppel der Miliz tatsächlich nicht existierten, sondern bloß dazu tendierten. Witek sagte, ich geh jetzt mal, legte die Rechte auf den Kopf des Buddhisten, der vollkommen reglos im Lotussitz verharrte und sein Mantra automatenhaft weitersang, stützte sich darauf ab, erhob sich und ging langsam zum Spion, wo er blieb. Elzbieta und die Atheistin tanzten immer noch, aber Elzbietas Sprechgesang war versickert, nur gelegentlich tröpfelte noch das ein oder andere aus ihrem halb geöffneten Mund hervor, und die Atheistin fuhr ihr zärtlich mit der Hand durchs blonde Haar. Das wippende Fleisch über ihrem Hosenbund sah ich zwischen all den anderen Hüften und Hintern auftauchen und wieder verschwinden.

Und dann war das Lied zu Ende, und Witek war am Spion festgeklebt, und niemand legte neue Musik auf. Ich schloss die Augen. Das Mantra des Buddhisten konnte sich jetzt voll entfalten. Seine warme Bassstimme schnurrte nur so vor sich hin in dem Gesabbel der Leute, schnurgerade und so beständig, dass ich mich fragte, wie er das eigentlich mit dem Luftholen mache. Die sanften Vibrationen seiner Stimme fühlend ließ ich mich darin versinken, und irgendwann waren es zwei Stimmen, denen sich immer weitere anschlossen, und auch ich ließ mich von diesem Mantra tragen, dessen Bedeutung mir unbekannt war, ich dachte noch, dass es übersetzt womöglich „lang lebe der Kaiser“ heißen könne, und dass das aber auch recht und völlig egal wäre, ließ mich also auch von diesem Mantra tragen und sang es mit, wenn ich auch des Luftholens wegen unpassende Pausen machen musste. Es dauerte nicht lange, bis das Gesabbel der Leute ganz erstorben war. Der Raum, in dem eben noch eine gewöhnliche Party stattgefunden hatte, in dem die Luft zum Schneiden war, in dem Alkohol dunstete, in dem wir hart ums Vergessen gekämpft hatten, dieser Raum schien jetzt durch unseren gemeinsamen Gesang zu schweben, und das Vergessen, um das wir so zäh gerungen hatten, war gar nicht mehr wichtig. Schwebend also dachte ich, dass ich, wenn dieses Mantra wirklich „lang lebe der Kaiser“ hieße, dass ich dann gerne die Silben, die Kaiser bedeuten, durch Piotr ersetzen würde, dass das Mantra dann also „lang lebe Piotr“ heißen würde, und dass mir das gefiele. Ich öffnete die Augen. Dann fing es in meinem rechten Bein unangenehm zu kribbeln an und es schlief mir ein, so dass ich aufstehen musste und es ausschütteln.

Ich ging zur Tür. Witek wandte sich gerade vom Spion ab und sagte zu mir, als er mich kommen sah, schau mal durch den Spion. Warum nicht, dachte ich, ich habe zwar schon durch den Spion geschaut, aber das passt sicher ganz gut zu dem Mantra, warum also nicht, kniff mein linkes Auge zu, legte das rechte an den Spion und die Stirn an die Tür. Ja, und da waren wieder oder immer noch diese Farben und Formen in ihrem Tanz, schön wie ein Feuerwerk, bloß dass sie nicht erloschen. Und auch die Äxte kamen nach einer Weile wieder, diesmal in blau und in der Hand meines Sohnes, in Warschau. Wir hatten die Wohnungstür abgeschlossen. Elzbieta war mit ihrer sechsjährigen Tochter zu Besuch, und die Kleine war wie ein Vögelchen oder ein junger Hund, wenn man sie nicht an der Hand hielt, lief sie weg, um die Welt zu erkunden, aber ihr Orientierungssinn war schwach, so gut wie nicht vorhanden. Ein paar andere Freunde und Elzbieta und ich wollten an diesem Abend ausgehen, ein kurzes Bierchen ohne die Kinder, hatten wir gesagt, mehr nicht, und so lange sollten wir die Wohnungstür abschließen, hatten wir gesagt, denn was, wenn das Töchterchen unterdessen die Wohnung verließe? Meinen Sohn zu ihrem Aufpasser zu machen hätte wenig Sinn gehabt, das Mädchen wäre weggelaufen, sobald er für eine Minute auf die Toilette verschwunden wäre. Ich hatte also den Schlüssel im Schloss gedreht und dabei gedacht, wir sind gegenüber und bald zurück, ein kurzes Bierchen nur im Club an der Ecke. Und nach dem kurzen Bierchen, gerade als ich sagte, komm, lass uns zahlen, kam Janusz herein. Er sagte, dass er was Feines dabei habe. Wenig später waren wir alle auf unseren Trips, unerwartet, damit hatten wir nicht gerechnet, das Zeug war teuflisch, und dann fanden wir uns plötzlich im Freien wieder, mit dem Gesicht gegen Autos gedrückt, die Arme auf den Rücken gedreht, der Schmerz dehnte sich unaufhaltsam im ganzen Körper aus, und dann rasselten mir Fäuste und Fragen ins Genick, die ich nicht beantworten konnte, und schließlich saßen wir in einer unglaublich engen Gemeinschaftszelle. Ich dachte an die Kinder, und es war, als ob ich stürbe, denn sie ließen uns nicht telefonieren. Sie ließen uns auch nicht aufs Klo und gaben uns keinen Eimer. In diesem Augenblick mischten sich in meinen Ohren der Gesang von den Leuten im Zimmer hinter mir mit dem Gesang in der Gemeinschaftszelle, denn der Buddhist war damals auch dabei gewesen und hatte angefangen zu singen, worauf sich das Verhalten der Milizen schlagartig geändert hatte, wir bekamen einen Eimer, und Elzbieta durfte telefonieren. Als ich am Ende die Wohnungstür öffnete, stand mir mein Sohn gegenüber, klein, verängstigt und hielt mit beiden Händen die Axt, die er mit seiner ganzen zehnjährigen Kraft in die Wohnungstür und die anderen Türen und ins Parkett gehauen hatte. Die Äxte im Spion, die blauen und die orangefarbenen, sammelten sich jetzt zu einem Formationsflug, hoben ab, flogen ein paar Runden wie um Anlauf zu nehmen, und in dem Augenblick, in dem sie das Rund des Spions verließen, zerriss die Klingel den Mantragesang aus dem Zimmer, und ich öffnete die Tür. Vor mir stand Piotr, spitteldürr und apathisch, mit hängenden Armen, in der Linken hielt er ein Kaleidoskop, in der Rechten eine Taschenlampe, und ein schüchternes Lächeln umspielte ganz kurz seine Lippen. Er sagte, na endlich, habt ihr was für mich zu trinken, und schon war der Anflug von Zufriedenheit in seinen Augen wieder erloschen.






Claimer:
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