Dieser Text ist am 29.8.08 im Freitag (Nr.35) unter dem Titel »Ein gefährliches Land« erschienen. Hier ist das Original:


Heimat der Tapferen

Das Krankenhaus, in dem die Mutter meiner Lebensgefährtin liegt, befindet sich an einer sechsspurigen Straße, die, wie zahlreiche andere sechsspurige Straßen, die Vororte Detroits im Bundesstaat Michigan durchzieht. Die Mutter meiner Lebensgefährtin hat einen Schlaganfall erlitten, dessen Umstände und Folgen ein trauriges Licht auf die medizinische Versorgung der weißen Mittelschicht werfen, und man möchte nicht darüber nachdenken, wie es Leuten ergeht, die von den Privilegien der weißen Mittelschicht ausgeschlossen sind. Zum Krankenhaus gehört ein Parkhaus, das direkt nebenan ist und nur mit dem sogenannten Valet Parking genutzt werden kann. Man muss also sein Auto einem Service-Mann übergeben, der es im Parkhaus abstellt, und man erhält einen Bon, für den man nachher sein Auto wieder vorgefahren bekommt. Es scheint absurd, das Auto von Personal im Parkhaus abstellen zu lassen, aber Valet Parking, das es auch auf offenen Parkplätzen gibt, gilt immerhin als sicher.

Wir wollen die Mutter, weil sie so mehr davon hat, zwei mal täglich etwas kürzer besuchen, anstatt nur einmal täglich etwas länger. Selbstverständlich können wir das Krankenhaus nicht anders als mit dem Auto erreichen und müssen uns fragen, wo wir während der Besuchszeit parken. Das Parkhaus kommt nicht in Frage, es ist viel zu teuer.

Die sechsspurige Straße, an der das Krankenhaus steht, ist kein Vergleich mit sechsspurigen Straßen in Deutschland. Viel leiser und langsamer als bei uns kommt sie nicht anders daher, als jede zweispurige Straße in diesen Vororten auch, weil es sowieso nirgendwo Fußgänger gibt, auch Radfahrer nicht, und alles einen Aspekt von Unzugänglichkeit hat. Auf der anderen Seite dieser Straße ist ein Wohngebiet.

Die Vororte von Detroit, die Blocks in den Vororten, manchmal sogar einzelne Straßen, unterscheiden sich glasklar nach messerscharfen Kriterien der Besitzverhältnisse und des Herkommens ihrer Bewohner. Kaum muss erwähnt werden, dass, je ärmer und dunkelhäutiger die Bewohner sind, um so unsicherer, wenn nicht gefährlicher, ihre Wohngegend gilt. Natürlich gibt es auch eine schwarze Mittelschicht und ein paar gebildete, wohlhabende Schwarze, und bei denen ist es dann wieder sicher. Aber bestimmte Gegenden sind verbotenes Land, nicht per Gesetz verboten, sondern sich selber verbietend. Man begibt sich dort nicht hin, weil es viel zu gefährlich ist, und wenn man doch durch ein solches Gebiet fahren muss, hat man auf jeden Fall ausreichend Sprit im Tank.

Der Frisör von der kranken Mutter zum Beispiel hat mal einen Chinesen mitgenommen, der mit einer Autopanne am Straßenrand in einer gefährlichen Gegend stand, das heißt auf verlorenem Posten. Im Prinzip wars um den schon geschehen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendwelche kriminellen Elemente versuchen würden, sich an dem zu bereichern oder vielleicht einfach so sein Auto zerdeppern und ihn hops gehen lassen würden. Aber der Frisör hatte ein schlafendes Baby im Auto und dachte: »Der arme Kerl hat ne Panne, der hat keine Chance hier, und wenn ich da jetzt ranfahr, dann muss der ja denken, dass ich ihm übel will, wenn der dann mal bloß nicht ne Schusswaffe zieht, ich fahr so ran, dass er sofort das Baby sieht, dann weiß er, dass ich ihm helfe und greift mich nicht an. Schon erstaunlich was für eine Sicherheit so ein wehrloses Ding bieten kann.« Das dachte der Frisör und so machte er's auch. Brachte also den, übrigens ärmlich aussehenden, Chinesen wohin dieser wollte, und am nächsten Tag kam der in seinen Frisörsalon und fragte, wie viel ein Haarschnitt koste. Der Frisör sagte routiniert seinen Preis an und dachte sich nichts dabei. Dann verließ der Chinese den Laden, kam gleich darauf mit seiner etwa zwanzigköpfigen Sippe zurück, in der vom Säugling bis zum Greis keiner fehlte, und ließ jedem die Haare schneiden. Angebotenen Rabatt verweigerte er stur, und als die letzte Strähne gefallen und alles bezahlt war, dankten die Chinesen für die Haarschnitte und gingen.

Die Wohngegend gegenüber des Krankenhauses, auf der anderen Seite der sechsspurigen Straße, in der viel Platz zum Parken ist, gilt als zweifelhaft. Zweifelhaft ist beileibe nicht so schlimm wie nicht sicher, ist immerhin deutlich besser als unsicher und regelrecht gemütlich im Vergleich zu gefährlich. Von denjenigen Gegenden, die durch Nachrichten über Gewalt und Kriminalität bekannt sind, ist hier noch gar nicht die Rede. Es nützt aber nichts, dass zweifelhaft in der Tat deutlich sicherer ist als gefährlich, unsicher und nicht sicher, denn zweifelhaft bedeutet auf jeden Fall die Möglichkeit, möglicherweise aber sogar die Wahrscheinlichkeit eines Raubüberfalls oder des Vandalismus am geparkten Auto, vielleicht auch dessen Diebstahl. Ein Risiko liegt in der Luft dieser Wohngegend, das einzugehen eigentlich unsinnig ist. Die Tante meiner Lebensgefährtin, befremdet, dass wir so etwas überhaupt erwägen, sagt, nein, da könne man nicht parken, wir sollten das bleiben lassen. Der Cousin zuckt die Schultern, aber er rümpft auch die Nase und zieht die Augenbrauen zusammen, er wisse nichts über die Gegend, parken würde er da nicht. Eine Freundin der kranken Mutter schüttelt den Kopf: »Macht was ihr wollt, dies ist ein freies Land, aber ich würde da nicht mal für Geld parken.« Der Vater meiner Lebensgefährtin sagt: »Das könnt ihr nicht machen.«

Es stellt sich heraus, dass niemand irgend etwas über diese Wohngegend weiß. Keiner kennt jemand, der jemand kennt der da wohnt. Man hat noch nie etwas über dieses Viertel gehört, man wusste gar nicht, dass es existiert, bis die Mutter ins Krankenhaus kam, aber alle sind sicher, dass das Risiko, das Auto dort für ein Stündchen stehen zu lassen, zu hoch ist. Im Übrigen hat keiner, von der Tante bis zum Vater, auch nur eine Sekunde lang darüber nachdenken müssen, was zu sagen sei, denn diese Sätze sind normale amerikanische Konversation: Ob man, in Bezug auf die Sicherheit, wo parken kann oder nicht.

Die sechsspurige Straße hat in der Mitte einen behäbigen Grünstreifen und links und rechts einen kleinen grasbepflanzten, nahezu unkrautlosen Graben. Dann kommt je ein schmaler Gehweg aus großformatigen Platten und dann noch mal ein Stückchen Rasen. Und jetzt beginnt auf der anderen Seite das zweifelhafte Wohngebiet, in dem man nicht parken kann, mit einem halb hohen luftigen Maschendrahtzaun. Flach ist die Gegend hier, und die Straßen, an denen die Grundstücke liegen, stoßen exakt im rechten Winkel auf die große sechsspurige Straße. Die zweigeschossigen Häuser sind, ganz wie es hier überall üblich ist, aus Gipskarton und Spanplatten erbaut, verkleidet mit teuren Plastiklamellen oder billigen Holzbrettern, hin und wieder sieht man ein richtiges Backsteinhaus, und gedeckt sind sie alle mit Dachpappe, deren Musterung Schindeln imitiert. »Das muss mal eine ziemlich gute Gegend gewesen sein«, sagt meine Lebensgefährtin. Aber jetzt ist unübersehbar, dass die Häuser nicht mehr im Stolz ihrer Besitzer erstrahlen. Würde nicht das dritte von links mit der Holzverkleidung recht gut einen neuen Anstrich vertragen? Etwas Müdes geht aus von dem nebenan, es beugt sich unter der Last seiner wenigen Jahre, diese Leichtbauweise ist nicht für die Dauer gemacht, man müsste mal richtig durchrenovieren oder gleich ganz neu bauen. Um die vereinzelten Autos, die am Straßenrand stehen, ist es auch nicht anders bestellt. Keineswegs alt oder heruntergekommen, könnten sie aber doch neuer, größer und schöner sein. Vorhin hat man mal einen Weißen gesehen, aber jetzt verlässt grad eine Schwarze ihr Haus, was nichts Gutes verheißt, vermutlich können die Weißen sich's einfach nicht leisten, wegzuziehen.

Wir sind in der Wohnung der Mutter untergebracht und nutzen ihr Auto. Am nächsten Vormittag machen wir uns fertig, denn wir wollen ins Krankenhaus, sie besuchen. »Wir probieren's, wir parken gegenüber«, sagt meine Lebensgefährtin und fügt hinzu, »diese amerikanische Paranoia ist unerträglich, wenn man sie nicht gewohnt ist, bist du soweit?« – »Ja«, sag ich, »ach, den Geldbeutel muss ich noch einstecken«, und stecke den Geldbeutel ein. »Aber warte, das geht nicht, du kannst nicht die ganzen dreihundert Dollar mit dir rumtragen, wenn wir da ...« – »Ach ja«, sag ich und nehme sie raus und will den Geldbeutel mit zwei Dollar einstecken, aber sie sagt: »Nee, nee, so geht's auch nicht, etwas musst du schon drin lassen, wenn wir jetzt überfallen werden und der Täter findet kein Geld, dann könnte er richtig böse werden, und das wollen wir überhaupt nicht.« – »Okay«, sag ich, »was braucht man da, wie viel soll ich denn? Zehn? Zwanzig? Dreißig?« – »Ich glaube zehn ist zu wenig«, sagt sie, »fünfzehn ist besser.« Ich stell mir kurz vor, wie es ist, wenn dem Täter fünfzehn nicht reichen und sage: »Vielleicht doch lieber zwanzig.« – »Nö«, sagt sie, »das ist zu viel«, und dann sagen wir beide einen Augenblick nichts und denken dasselbe, dass nämlich, obwohl wir nichts zu verschenken haben, fünf Dollar extra für körperliche Unversehrtheit doch nicht zu viel sind und nehmen zwanzig. An was man hier alles denken muss. Dann gehen wir los.

Es ist ein aberwitzig schöner Tag. Vereinzelt hängt ein malerisches Deko-Wölkchen hier und da im blendend blauen Himmel. Die Bäume schlagen Pfauenräder mit ihren wie frisch polierten, vollen, satten Blättern und plustern sich in leuchtend roten, gelben, ach was: in goldnen! Farben, und manche späten Bäume sind noch grün. Die Sonne, wohlig wärmend, lacht bis über beide Ohren und taucht alles in ein helles, mildes, sanftes Licht, aus dem zurück gelächelt wird. Sogar das Garagentor strahlt. Wir steigen ins Auto, fahren die Einfahrt vor, warten, bis die Straße frei ist, und dann fahren wir in diesen irre schönen Tag hinein. In dem Augenblick, in dem die Automatik vom ersten Gang in den zweiten schaltet, macht es ein schnalzendes Geräusch, mit dem die Knöpfe der Türverriegelungen selbsttätig runter gehen. Alle amerikanischen Autos haben das, damit nämlich nicht, wenn man an einer roten Ampel steht, jemand mit bösen Absichten die Türen aufreißen und womöglich noch zusteigen kann. Und jetzt fahren wir eine Weile im verriegelten Auto durch die Vororte, und alle anderen Autos auf den Straßen sind auch verriegelt, und dann biegen wir in die sechsspurige Straße ein, an der ein paar Meilen weiter das Krankenhaus steht.









Claimer:
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