Arbeits-Bericht-Cismar Ich danke dem Land Schleswig-Holstein für das Stipendium im Kloster Cismar. 2.1.2009: Arbeitsziele für das Stipendium: 1) Jeden Tag einen langen Spaziergang machen. 2) Das aktuelle Projekt so weit wie möglich voran bringen. 4.1.2009: Ich habe Markus vom Baum in der Mitte des Innenhofes erzählt, nicht nur, wie schön und ehrwürdig er dasteht, wie er den Platz zusammenhält, sondern auch, dass er nachts beleuchtet wird. Markus postwendend: »Auf jeden Fall unterschreibe ich die Petition zur ersatzlosen Streichung der Baumbeleuchtung!« Von einer Petition hatte ich gar nicht gesprochen, aber da sie nun einmal in der Welt ist, unterschreibe auch ich. 13.1.2009: Heute war alles war grau in grau. Der Himmel, eine gleichförmige Suppe, die Erde Ton in Ton, keine Spur von der Sonne. Es ist wärmer geworden in den letzten zwei Tagen. Wo eben noch alles frisch winterlich weiß war, bedeckt von einer satten Schicht Schnee, waren heute wieder die Felder zu sehen und der junge grüne Farn im Wassergraben neben dem Damm. Es war lau und schön, warme Füße zu haben. Mild war es, ich hielt beim Gehen die Hände auf dem Rücken verschränkt, das entlastet die Wirbelsäule, und hatte keine Handschuhe an. 15.1.2009: Es war auf dem Rückweg. Zu meiner Linken der Wald (Staatsforst Wildkoppel), zur Rechten der Wassergraben und das hohe gelbe Schilf, dahinter ein Feld, und plötzlich raschelts im Schilf, und etwas hoppelt weg, und ich seh grad noch, mensch, das war ja ein Reh! Aber das Reh macht nur zwei, drei Sätze und bleibt wo es ist, nämlich im Schilf, und ich geh ein paar Schritte weiter, und das Reh steht da und wartet, und ich bleib auch stehn, und wir beide, das Reh und ich, schauen uns Auge in Auge. Toll. Und so nah. Ich dachte, die seien so furchtbar schüchtern. Keine Spur. So, aha, wer bist denn du? Natürlich war es bildhübsch und zuckersüß und umwerfend charmant, und ich hab es angelächelt. 23.1.2009: Die Zeit läuft mir weg wie nix. 25.1.2009: Es wird hier jeden Tag milder, heute war es geradezu frühlingshaft. Ein sehr helles zartes Licht verlieh der Landschaft etwas regelrecht Unwirkliches. Mir fiel dieser Satz von Christa Wolf wieder ein, ein Satz aus ihrem Ein-Tag-im-Jahr-Tagebuch. Da schreibt sie über ihre Spaziergänge bei Klein-Machnow und sagt: »Die Himmel hier sind unglaubwürdig.« Das ist so ein Satz, der hängen bleibt. Da ist nichts beschrieben, und doch sieht man diese Himmel sofort, und man weiß, das ist diese Sorte Himmel, die einen kompromisslos ergriffen macht mit ihrem verschwenderischen Bombast an Farben und Wolkenformationen und Beleuchtungen. Schau an, dachte ich, hier ist es nicht bloß der Himmel, hier ist es das Ganze. Aber während die Himmel, die Christa Wolf dann doch beschreibt, sich im Sensationellen ergehen, liegt der Reiz meines Weges zum Strand gerade im Unspektakulären. 1. Februar 2009: Der Wind war furchtbar laut und machte sich wichtig mit Tosen und Brausen und duldete keinen Spott, indem er mir ad hoc die Nase wegfror. 7. Februar 2009: Pauline ist zu Besuch. Wir fuhren zum Mittagessen nach Grömitz und aßen Fisch beim Klabautermann, ich Matjes, sie Lachs. Dann gingen wir einmal kurz die Seebrücke raus und gleich wieder zurück. Nicht nur wollten wir in den Ziegelhof zum Tortenessen gehen, es war auch viel zu kaltfeucht zum Spazieren, und Pauline ist ohnehin leicht erkältet. Es regnet. Im Ziegelhof fühlen wir uns schon fast wie Stammpublikum, bloß weil man uns nicht mehr sagen muss, dass die Torte am Tresen ausgesucht aber nicht bestellt wird. (»Bestellungen nehmen wir nur am Tisch entgegen!«) Wir waren nur einmal hier, aber das genügte, um die Jacke an der Garderobe aufzuhängen wie zu Hause. Dann direkt zu den Torten. Pauline (»Also ich bin ein totaler Apfelfan«) wählt Apfelwein, und ich kann mich noch nicht ganz sicher zwischen Nuss-Marzipan einerseits und andererseits Quark-Joghurt entscheiden. Wir setzen uns an den gleichen Tisch wie letztes Mal, wir sitzen auf einem tiptop erhaltenen Biedermeiersofa, schauen ins Kaminfeuer gegenüber und streichen mit den Händen über die gebügelte, frisch aufgelegte Baumwolltischdecke, die schon immer frisch aufgelegt wurde und immer frisch aufgelegt werden wird. An unseren Tisch kommt die Chefin. Sie schenkt uns ein norddeutsch sphinxhaftes Lächeln, in das ich hinein interpretiere, dass sie uns wiedererkennt, dass sie sich über das Kompliment unseres Wiederkommens freut, was beides nicht ganz deutlich gezeigt werden darf, und dass es im Übrigen eine Gnade ist, ihrer Torten teilhaftig zu werden. »Darf ich Sie mal was zu der Nuss-Marzipan-Torte fragen?« Einen größeren Gefallen hätte ich ihr gar nicht tun können. Die sei wohl eher schwer, mächtig, oder nicht? Sie nickt und lächelt. Darauf hat sie gewartet. Keineswegs. Man mache das ja oft: Nuss und dann so anderthalb Zentimeter Marzipan oben drauf. Sie winkt ab. Ihre Marzipanschicht dagegen sei richtig dünn, die Torte aus ganz leichtem Nuss-Biskuit mit Sahne dazwischen, »und wissen Sie, deshalb machen wir ja unten das Johannisbeergelee rein, das nimmt mit seiner Säure die Schwere von den Nüssen auf.« Ich sage sofort ja. Natürlich stimmt alles, was sie sagt. Die Marzipanschicht ist weniger als ein Hauch, das Nuss-Biskuit federleicht, das Johannisbeergelee nimmt die (gar nicht so recht vorhandene) Schwere der Nüsse auf, und das Ganze zergeht auf der Zunge. Die Rechnung in der Hand will sie wissen, ob es geschmeckt habe. »Ja, selbstverständlich. Aber sagen Sie mal, haben sie jetzt im Ernst etwas anderes erwartet?« - »Nein«, sagt sie da, »aber man fragt ja dann doch, weil mans hören will.« Keine Spur mehr von Sphinxhaftigkeit im Lächeln. 3.3.2009: Heute früh raus, runter zum Meer. Warm, blau, dunstig, die Zartheit im Licht. Ohne Daunenweste und Handschuhe. Am Strand lag ein toter Fisch, weiß, mit Löchern im Bauch. 4.3.2009: Am Strand lagen Schnittblumen. Sie lagen vereinzelt, in großen und größeren Abständen, Tulpen, Rosen, eine Sonnen- und andere Blumen, von Grömitz bis zur Schleuse hinauf, alle auf einer Linie, nämlich da wo die an den Strand gespülten Algen liegen bleiben. Einzelne Blütenblätter auch, gelb, knallorange, was eben die Schnittblumenzüchter so züchten. 8.3.2009: Internationaler Frauentag. Ein Kollege erzählte mir mal, wie in seiner Kindergarten- und Schulzeit in Polen der internationale Frauentag amtlich zelebriert wurde. Die Kinder mussten Gedichte und Lieder vortragen, in denen die Frauen geehrt wurden. Den Frauen wurden Blumensträuße überreicht. Ich fühlte mich erinnert an den Muttertag. In den achtziger Jahren, so der Kollege, habe es in Polen einen Aktionskünstler gegeben, der zum internationalen Frauentag haufenweise Tampons organisiert hatte. Tampons waren nämlich Mangelware und nirgends zu kriegen. Der Aktionskünstler verteilte die Tampons auf der Straße an Frauen, die Frauen waren begeistert, und jeder verstand, was von Blumensträußen, Gedichten und Liedern in Kindergärten und Parteizentralen zu halten war. 25.3.2009: Genau in dem Moment, in dem ich in die Dusche steig, geht die Klingel. Ich nix wie raus aus der Dusche, rein in den Bademantel, runter zur Tür. Vor der Tür der Postbote mit dem Paket. »Bart, ja, das bin ich. Vielen Dank.« Lieferung quittieren, Treppe nach oben zwei Stufen auf einmal, Griff in die Schublade, her mit der Schere, zwei Schnitte Verschnürung, zwei Klebeband, und ich halte mein erstes, eigenes Buch in der Hand. Claimer: Alle hier wiedergegebenen Texte und Bilder sind - wenn es nicht anders vermerkt ist - urheberrechtlich geschützt und dürfen
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