1. Kapitel: Vorher eins Ulrich Held, 36, Inhaber und alleiniger Betreiber eines Fahrradladens, hat genau in dem Augenblick, in dem er »Schaltaugen« auf die Liste der zu bestellenden Artikel schreibt, Bismarcks blöden Blick im Kopf. Erst aus der Rückschau, in der sich vieles fügt, lässt sich diese Assoziation als Beginn des später mit dem Kürzel »BiBi« bezeichneten Projekts bestimmen. Das Denkmal, an dem er fast täglich vorbeikommt, ist ihm so vertraut, wie einem etwa eine Wohnzimmerlampe vertraut ist, auch wenn das Bismarck-Denkmal in Hamburg mit einer Wohnzimmerlampe ansonsten absolut nichts gemeinsam hat. Eine Wohnzimmerlampe kann immerhin leuchten. Ulrich Held fragt sich manchmal, ob er das Denkmal seiner Nähe zur Karikatur wegen nicht eigentlich doch gut finden soll. Er denkt also an das hoch über den Landungsbrücken stehende Bismarck-Denkmal, er denkt an Bismarcks blöden Blick, als er »Schaltaugen« auf die Liste der zu bestellenden Artikel schreibt, aber mehr denkt er im Augenblick nicht. (...) Ulrich Held ist Einzelkind und entstammt einer wohlhabenden Familie, die er verachtet. Sein Vater ist der bekannte, aber keineswegs brillante Professor für Wirtschaftswissenschaften, Heinrich Held. Dick, feige und selbstgerecht, sich an die Umstände anschmiegend wie die Katze an den Ofen, dünkelhaft sich blähend in seinem Professorenstand, war er seinem Sohn Ulrich immer ein leuchtendes Beispiel dafür gewesen, was es im Leben unbedingt und unter allen Umständen zu vermeiden galt. Seine Frau, die Mutter Ulrichs, Margarete Held, managte den Haushalt und das soziale Leben mit dem rationalen Fleiß und Eifer eines mittelständischen Geschäftsführers. Aus dem Saarland kommend ist sie katholisch und hat eine Neigung zur Frömmelei. Das Akademikertum war in der gesamten Familie weit verbreitet, und man war sicher, dass Ulrich studieren und Professor werden würde. Er dachte gar nicht daran. Nur um seinen Vater zu ärgern, sorgte er auf dem Gymnasium mit Ehrgeiz und Berechnung dafür, dass er in Sport immer eine glatte Eins machte, in allen anderen Fächern aber nie bessere Zensuren erhielt als Dreien. Der Junge, den man neben ihn gesetzt hatte, hieß Jens Dikupp, war keineswegs dumm, aber ausgesprochen faul und machte in allen Klassenarbeiten nur und ausschließlich mit Ulrichs Hilfe Einsen und Zweien. Die beiden schlossen Freundschaft fürs Leben. Einen Tag vor der letzten Abiturprüfung, bisher war alles prima gelaufen, brannte Ulrich Held mit der Seiltänzerin eines bedeutenden Zirkus durch, der eben in Hamburg gastiert hatte und ausgerechnet am Tag vor der letzten Abiturprüfung Ulrich Helds die Stadt verließ. Ulrich und die Seiltänzerin hatten sich unsterblich ineinander verliebt. Die anderen Mitglieder des Zirkus wollten Ulrich nach seiner Entdeckung umgehend nach Hause schicken, aber die Seiltänzerin führte die Liebe ins Feld, handelte ein Ultimatum aus und trainierte mit Ulrich, der nach vier Wochen härtester, schweißtreibender Arbeit das Programm als akrobatischer Pausenclown bereicherte. Es waren bescheidene, anfängergerechte Nummern, und Ulrich, angespornt von der unsterblichen Liebe, machte seine Sache sehr gut. Er war auch geeignet dafür. Vom ungeliebten Vater hat er die ungeliebte Kürze geerbt, noch heute misst er nicht mehr als einen Meter siebenundsechzig, von der Mutter die Drahtigkeit und eine überaus zähe Konstitution, und also ist er leicht und stark, wie Akrobaten es sein sollen. ... 6. Kapitel: Nachher drei Polizeimeister Höllenschmidt ermittelt. Er muss die Anwohner befragen, eine reine Formalität (...) Nach dem er den Dritten befragt hat, merkt Höllenschmidt, dass seine Frage recht ungünstig ist. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990: Klar hat man gerade in dieser Nacht nichts anderes im Sinn gehabt, als mit Opernglas und Apfelsaft am Fenster zu sitzen und die Straße auf auffällige Personen hin zu beobachten. Herr Ohlert zum Beispiel, der Höllenschmidt in Unterhemd und Trainingshose empfängt, will wissen, ob das ein Witz sein solle, er habe jetzt noch einen Kater davon. Höllenschmidt klärt Ohlert über die rechtliche Grundlage der Befragung auf. Ohlert fängt an zu lachen, allerdings nicht wegen der rechtlichen Grundlage. Was ist da passiert? Dolles Ding. Kommen Sie rein, das müssen Sie mir noch mal in Ruhe erzählen, einen Klaren nehmen Sie doch, dann sag ich Ihnen auch alles, was ich gesehen habe. ... Claimer: Alle hier wiedergegebenen Texte und Bilder sind - wenn es nicht anders vermerkt ist - urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden. Verantwortlich für diese Seite ist Stephanie Bart. Disclaimer: Für die Inhalte verlinkter Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich. |

