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Glückspillen unter Beschuss |
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u.k., 13.06.01 |
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als Wundermittel gegen Depressionen gepriesenen SSRI machen einem
aktuellen Bericht zu folge abhängig. Erst ein spektakulärer Mordfall
hatte einen Gutachter auf die Spur dieser Daten geführt. |
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In den USA gilt der prominenteste Vertreter Prozac fast schon als
Volksdroge, und auch in Deutschland und Österreich erfreuen sich die
selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer großer Beliebtheit gegen
leichte bis mittelschwere Depressionen. Als die SSRI
(selective-serotonin-reuptake-Inhibitors) genannten revolutionären
Stimmungsaufheller Anfang der Neunziger auf den Markt kamen, garantierte
ein von den Herstellern gepriesener Vorteil den enormen Markterfolg.
"Im Gegensatz zu anderen Antidepressiva", hieß es, "bergen die neuen
Mittel nicht das Risiko der Abhängigkeit."
Starke Entzugserscheinungen
Die Studien, die David Healy, Direktor des North Wales Department of
Psychological Medicine jetzt vorstellte, sprechen jedoch für das
Gegenteil. Diese Einsicht kam dem führenden englischen Experten für
Antidepressiva ausgerechnet bei der Durchsicht der Archive eines der
Hersteller. Bereits in den Achtzigern hatte der Pharmakonzern
GlaxoSmithKline spezielle Untersuchungen durchgeführt, die das
Suchtpotential ihres SSRI-Supersellers Seroxat klären sollten. Das
Ergebnis: Jeder zweite Proband litt nach dem Absetzten des Medikaments
mit dem Wirkstoff Paroxetin unter deutlichen Symptomen eines
körperlichen Entzugs. Typische Beschwerden waren Unruhe, Angstzustände,
Erregung, Alpträume und Schlaflosigkeit. Dabei hatten die freiwilligen
Studienteilnehmer - allesamt Mitarbeiter der Firma ohne geringste
Anzeichen einer Depression - das Antidepressivum nur wenige Wochen
eingenommen.
Keine Warnungen
Nach Auskunft von Healy hat die Firma weder Ärzte noch Patienten vor der
Suchtgefahr gewarnt. Die Firma argumentiert hingegen, dass die Probleme
beim Absetzen nur auftauchen, weil die Depression ohne das Medikament
eben wieder zurück kämen. Dann müsse man eben wieder mit der Einnahme
von Seroxat beginnen, so ihr Ratschlag an die Betroffenen.
Dass es nach dem Absetzen der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
gelegentlich zu Beschwerden kommt, wurde zwar schon öfter beobachtet,
als Hinweis auf eine mögliche Abhängigkeit wurde das aber bisher nicht
gewertet. Dabei sprechen Betroffene in Diskussionsrunden im Internet den
Suchtverdacht schon länger offen aus. "Wenn sich bewahrheitet, dass die
SSRIs suchterzeugend sind, muß man auf jeden Fall einschreiten", meint
Jens Ulferts, Psychopharmakologe an der Uni Gießen, im Gespräch mit surmedNews.
"Die Medikamente sind auch im deutschsprachigen Raum sehr weit
verbreitet."
Konsequenzen gefordert
Zu warten, bis das Suchtpotential in langwierigen Studien zweifelsfrei
bewiesen ist, hält Healy für fahrlässig: "Eine der größten Sorgen der
Patienten ist, dass Seroxat körperlich abhängig machen könnte. Sie
sollten gewarnt werden", fordert er. Möglicherweise seien schon tausende
Menschen in England süchtig ohne es zu wissen. Das Problem beschränkt
sich laut Healy nicht auf Seroxat. "Alle wichtigen SSRIs verursachen
Entzugserscheinungen, auch wenn sie bei Paroxetin möglicherweise am
schlimmsten sind."
Zum Wohl des Profites
Healy wirft dem Hersteller vor, die suchterzeugende Wirkung von Seroxat
für eine profitable Erweiterung des Einsatzbereichs ihres Produkts
ausgenutzt zu haben. Ursprünglich eigentlich nur für die kurzfristige
Behandlung von leichten Depressionen vorgesehen, initiierte
GlaxoSmithKline eine Studie, die untersuchte, was geschieht, wenn ihr
Präparat nach erfolgreicher Behandlung einer Depression wieder abgesetzt
wird. Die Hälfte der Studienteilnehmer nahm weiterhin Seroxat, die
andere Hälfte bekam ein wirkungsloses Placebo. Dass es einigen Patienten
der Placebogruppe deutlich schlechter ging, ließ für Glaxo nur einen
Schluss zu: Das Medikament beugt einer erneuten depressiven Episode vor
und sollte daher auch für die Langzeitbehandlung eine Zulassung
erhalten. "Was sie da präsentierten, war ein Studiendesign, das
Entzugssymptome als Heilerfolg verkaufte", kritisiert Healy. Die
Zulassung hat Glaxo trotzdem bekommen.
Mord und Selbstmord
Auf die alarmierenden Studien über das Suchtpotential stieß Healy durch
einen spektakulären Zufall: Ein Amerikaner hatte im letzten Jahr seine
Frau, seine Tochter sein Enkelkind und zuletzt sich selbst erschossen
nachdem er zwei Tage zuvor mit der Einnahme von Seroxat begonnen hatte.
Die Hinterbliebenen schrieben den Ausbruch von Gewalt dem Enfluss des
Psychopharmakons zu und verklagten den Hersteller. Healy wurde als
Gutachter bestellt und bekam deshalb Einsicht ins Archiv des
Herstellers. GlaxoSmithKline wurde letzte Woche zur Zahlung von 6,4
Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt.
Verschwundene Studien
Healy fand unter anderem eine Studie an 34 gesunden Firmenmitarbeitern,
die der Konzern noch vor der Zulassung durchgeführt hatte. Ein Viertel
der Teilnehmer zeigte unter dem Einfluss von Seroxat auffällige
Erregungszustände. "Einige äußerten offene Selbstmord-Absichten."
Für den Gießener Pharmaexperten Jens Ulferts keine große Überraschung:
"Manche Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wirken in er ersten Zeit der
Behandlung deutlich antriebssteigernd", erklärt er. "Dann besteht
durchaus die Gefahr von Gewaltausbrüchen gegen sich selbst und auch
gegen andere."
Ein Sprecher des Konzerns behauptet, Healy hätte nicht alle Daten
gesehen. Daher wäre die Quote von 25 Prozent Studienteilnehmern mit
Erregungszuständen nicht glaubhaft. Das stimmt, wenn auch nur teilweise,
denn vier psychiatrische Studien waren, als Healy den Fall untersuchte,
rätselhafterweise verschollen. Was blieb war eine Notiz von einem der
Untersuchungsleiter. Er habe, so stand dort geschrieben, "noch nie so
ein hohes Maß an Problemen bei gesunden Probanden erlebt."
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