Ryokans Schale

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Gedichte
  09.08.09


Ryōkan heute

Gedanken zu Ryōkan-san


Seit vielen Generationen wird dieser Bettelmönch des frühen neunzehnten Jahrhunderts als "Ryōkan-san" bezeichnet, wobei der Anhang "san" liebevolle Zuwendung und Respekt ausdrückt.

In Japan ist Ryōkan ein Nationalheld. Zeitweise bestand ein wahrer "Ryōkan būmu", ein Ryōkan-Boom. Kein Buchladen ohne Werke von ihm, kein Tag ohne eine Veröffentlichung über ihn. Die Ryōkan-Studiengesellschaft wurde 1978 gegründet (Ryōkan kai), ihre Mitglieder verteilten sich rasch über das gesamte Land. Die japanweite Ryōkan-Gesellschaft, der alle beitreten können, organisiert regelmäßig Konferenzen und Ausstellungen, gibt Schriften heraus, und sammelt für Forschungsprojekte.

Ryōkan ist bis heute wohl derjenige unter den Zen-Mönchen, der den Herzen der Japaner an nächsten steht. Zunächst mag das beim Betrachten des heutigen Japan widersprüchlich erscheinen. Ein derartiger Nationalheld in einer Kultur, die von vielen Japanern selbst als zwanghaft konformistisch bezeichnet wird? Und dennoch wird Ryōkan in Japan als "sehr japanisch" und auch als "sehr Zen" bewundert. Er hat keine Traktate verfasst, formale Schüler gehabt oder Klöster gegründet. Sein Leben bezeugt weitgehende Freiheit von sozialen und religiösen Konventionen. Seine Fürsorge für die Umgebung, ob es ein alter Pinsel ist, den er mit seinem Atem wärmt, oder ein Liebesgedicht an eine neue Vase, berühren. Seine Gedichte sprechen immer wieder von zutiefst menschlichen Sorgen und Nöten.
Die Werte, die Ryōkan verkörpert - Einfachheit, Güte, Vertrauen - sind tief im japanischen Kulturgut verwurzelt. Sie mögen in der Realität genauso häufig oder selten anzutreffen sein wie anderswo auch, aber es sind Ideale, die das Selbstbildnis der Japaner entscheidend geprägt haben.

Ryōkan ist in vielem eine Ausnahmeerscheinung. Der Erstgeborene, aus wohlhabendem Hause stammend, entzog sich schon früh den von ihm erwarteten Pflichten und verließ seine Familie noch in jungen Jahren, um Mönch zu werden. Nach dem Tode seines Meisters mit der Nachfolge des renommierten Soto-Klosters Entsūji betraut, zog er ein raues Wanderleben vor, bis er sich in einer Waldhütte niederließ. Obschon Ryōkan lebenslang ein feuriger Verehrer des Begründers seiner Zen-Schule, Dōgen Zenji, blieb, war seine buddhistische Übung bei weitem nicht auf reine Zen-Texte beschränkt. So liebte er das Lotus-Sutra, ein bekannter Text, der im Soto-Zen nicht besonders betont wird, aber als wichtigste Schrift der Tendai- und Nichiren-Schule gilt. Er las Konfuzius, Tao und mochte Buddha Amida, der in der Reine Land-Schule verehrt wird.

Ryōkan tat nichts, um seine eigene Zen-Linie fortzusetzen. Er nahm zeitlebens keine offiziellen Schüler an, noch wissen wir von Vorträgen oder Predigten, die er gehalten hätte, um sein Leben als Bettelmönch zu unterstützen. Er nannte sich selbst nie einen Lehrer, wurde aber früh von anderen als solcher anerkannt. Ryōkan scheint es sein Leben lang sorgfältig vermieden zu haben, über Zen zu sprechen. Anstatt dessen drückte er sich durch Gedichte aus, die er eigenhändig schrieb und welche bereits zu Lebzeiten von seiner Umgebung hochgeschätzt wurden.
Ryōkan hat seine Gedichte überwiegend für sich selbst und zu seinem Vergnügen verfasst, ein größeres Publikum für seine Werke hat er nie gesucht. Während er lebte, wurde nichts von ihm veröffentlicht. Nach seinem Tode tauchten Gedichtsammlungen in der Gegend von Echigo auf und gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erschienen erste "kanshi" und "waka" in Druck.

Ryōkans freier Lebensstil bildet einen großem Kontrast zur klösterlichen Strenge des japanischen Zen. Insbesondere nach dem Verlassen von Entsūji stand er der Soto Zen-Hierarchie und den traditionellen Klosterregularien sehr zurückhaltend gegenüber. Dem Buddhismus und seinem Mönchtum hingegen blieb er lebenslang zutiefst verpflichtet. Er beklagte sich oft, dass die Lehren Dōgens nicht mehr richtig verstanden würden. Biographen und vor allem seinen Gedichten zufolge liebte er Zazen und übte äußerst regelmäßig, auch auf seinen oft ausgedehnten Reisen, oder wenn er bei Freunden übernachtete.

Der Berg Kugami wurde für 26 Jahre zu seinem zuhause. Obschon die meisten seiner Gedichte undatiert sind, beziehen sich viele wörtlich auf die dortige Umgebung und sind wahrscheinlich hier entstanden. Allerdings bleibt dies, wie so vieles in seinem Leben, spekulativ. Selbst der genaue Ort seiner Hütte Gogō-an am Berg Kugami ist unbekannt.

Ryōkan liebte das Leben in seiner Einsiedelei, pflegte aber auch einen regen sozialen Austausch. Seine tägliche Routine war wetterabhängig. An verregneten Tagen oder wenn seine Hütte unter Schnee begraben war, blieb er drinnen, las buddhistische Texte, die japanischen und chinesischen Klassiker, meditierte, übte Kalligraphie und schrieb Gedichte.

An klaren Tagen machte er sich zu Tagesanbruch auf mit seiner Schale und seinem Stab, den steilen Pfad hinunter ins Dorf. Da er ein Mönch ohne Kloster oder Schüler war, war Betteln die einzige Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aus seinen Gedichten wird klar, dass das Betteln für ihn nicht nur eine Notwendigkeit darstellte, sondern eine Quelle besonderen Stolzes und der Freude war, welche ihm die Möglichkeit gab, Buddhas Erleuchtung mit anderen zu teilen. Im Gegensatz zum traditionellen Betteln der Mönche, welche in einer Prozession durch die Ortschaften ziehen, war Ryōkan stets dazu bereit, seine Runde für ein Gläschen Reiswein, einen Plausch mit den Bauern oder ein Spiel mit den Kindern zu unterbrechen.

Oftmals vergaß er dabei seine kostbare Schale oder andere seiner Habseligkeiten. Ryōkans chronische Vergesslichkeit, seine Neigung, selbst die liebsten Gegenstände zu verlieren, waren legendär. Er vergaß seine geliebte Schale, seinen Stab, seine Gedichtbände, seine Bücher, seine Kleidung. In zahlreichen Briefen beschreibt er seine Versuche, diesem Übel Einhalt zu gebieten: auf manches schrieb er "das gehört mir" oder, auf Anraten seiner Freunde hin, fertigte er eine Liste der Dinge an, die er immer bei sich trug - wie Schale, Geld und Spielball, um die gesamte Liste sofort liegen zu lassen. Sie kann noch heute im Hause seines Freundes Suzuki Bundai betrachtet werden.

Ryōkans Verhältnis zu seiner Umgebung war nicht nur auf Betteln beschränkt. Unbenommen seiner hohen religiösen und künstlerischen Bildung verspürte er eine tiefe Zuneigung zu den einfachen Menschen seiner Umgebung und sie scheinen ihn, wo immer er auch hinkam, herzlich willkommen geheißen zu haben. Als fester Bestandteil des Lebens einer Dorfgemeinde konnte man Ryōkan bei Dorffesten tanzend finden oder wie er in Schänken mit den Bauern zusammensaß, erzählte, Pfeife rauchte, spielte und trank. Er pflegte einen weiten Freundeskreis: einfache Bauern, Amateurliteraten, Ryōkans Bruder Yoshiyuki, chinesische Gelehrte wie Suzuki Bundai und dessen Bruder Ryūzō, die Reisweinbauern Abe Sadayoshi und Yamada Tokō, viele Ärzte und Händler. Er besuchte sie oft und freute sich auf deren Besuch in seiner Hütte.

Trotz dieser Annehmlichkeiten war das Leben auf dem Berge Kugami äußerst beschwerlich. Wasser und Holz mussten auf den verschlungenen Pfaden herangeschafft werden, im Winter war Ryōkan oft wochenlang eingeschneit. Von Almosen abhängig, war er ständig, wie auch seine Dorfbewohner, von Hungersnöten bedroht.

Zeitgenossen beschreiben ihn als "dünn wie eine Sardine im Frühling", die Haut vom Leben in der Natur pechschwarz, was ihm den Beinamen "Rabe" eintrug. Die meisten seiner etwa zweihundert noch erhaltenen Briefe sind Dankes-, oder Bittbriefe an Freunde, die ihn auf vielfältige Weise mit Nahrung, Kleidung, Möbeln und manchmal auch etwas Geld unterstützten. Als vielbegehrter Kalligraph und bereits zu Lebzeiten renommierter Dichter war Ryōkan in ständiger Materialenge. Sein Freund und Biograph Bundai erinnert sich an Besuche in Ryōkans Hütte, wo er an dem kleinen Tisch mehrere völlig abgenützte Pinsel findet und Stapel von Papier, das so dicht beschrieben war, dass es fast ganz schwarz wirkte.

Ryōkans Liebe zu Kindern ist legendär. Einmal befragt, wieso er so gerne mit ihnen spiele, soll er geantwortet haben: "Ich mag ihre Aufrichtigkeit. Wenn die Kinder glücklich sind, dann bin ich auch glücklich, alle sind glücklich. Es gibt kein besseres Glück als dieses!". Wo immer Ryōkan hinkam, war er sofort von Kindern umgeben. Sie schwärmten um ihn herum, fassten ihn am Ärmel und forderten ihn auf, mit ihnen zu spielen. Manchmal verbrachte er den ganzen Tag damit und vergaß dabei seine Bettelrunde. Manchmal wurde er auch ihrer überdrüssig, dann stellte er sich tot, und wenn sie von ihm abließen, stand er auf und ging einfach weg. Noch heute wachsen japanische Kinder mit zahllosen Anekdoten um Ryōkan auf. Die Spiele, die er mit ihnen spielte, gibt es immer noch.

Im Alter von 69 Jahren lernte Ryōkan die buddhistische Nonne Teishin kennen. Ihre Liebe ließ Ryōkan aufleben. Die Liebesgedichte der beiden gehören mit zu den schönsten der Weltliteratur. Die Freundschaft beider überstrahlte Ryōkans letzte Jahre, die von zunehmenden körperlichen Gebrechen gezeichnet waren. Teishin ist es zu verdanken, dass ein großer Teil von Ryōkans Gedichten erhalten sind, bis zu ihrem Tode wurde sie nicht müde, sein Lebenswerk zu sammeln und herauszugeben.



Was kann uns Ryōkan heute sagen, die wir mit gut gefüllten Kühlschränken leben, warme Kleidung im Überfluss, das Gewünschte nur einen Mausklick entfernt? Was können wir lernen von einem asiatischen Außenseiter im vorletzten Jahrhundert, von einem Priester in einer Religion, in die wir nicht geboren wurden, von einem Menschen, der sich seinen gesellschaftlichen Strukturen weitgehend entzog?
Das kann nur jeder für sich selbst herausfinden, ein Blick auf seine Gedichte ist hierbei ein guter Anfang. Eigenschaften Ryōkans, die bis heute viele Menschen ansprechen, sind zum Beispiel:

Einfachheit.
"Ein einfaches Leben führen" wird in den letzten Schriften von Shakyamuni Buddha und Dōgen Zenji als Vorraussetzung für Glück und Zufriedenheit genannt. Dazu müssen wir heute nicht unbedingt in einer Grashütte im Wald wohnen. Unser Leben zu vereinfachen und immer weiter zu vereinfachen, unsere Prioritäten neu zu setzen und uns danach auszurichten - darin kann Ryōkan ein gutes Beispiel sein.

Kreativität.
Ryōkan war Künstler. Kreativität ist ein ganz wichtiger Ausdruck unseres Menschseins, unserer Spiritualität. Gerade wir hier im Westen, die wir so stark im Kopf verhaftet sind, können viel davon lernen.

Einsamkeit.
Phasen der Einsamkeit und des Rückzugs sind für Menschen, die sich auf einem spirituellen Weg befinden, von ganz entscheidender Bedeutung. Es braucht eine reife Persönlichkeit, um mit dem Alleinesein, mit sich selbst umgehen zu können. Für unseren gemeinsamen Weg ist ein Erwachsenwerden auf diesem Gebiet, auf dem wir alle uns meist besonders unsicher fühlen, lebenswichtig. An vielen seiner diesbezüglichen Schwierigkeiten und Freuden, an seinen Wintertagen und Sommerabenden, hat uns Ryōkan teilhaben lassen und wir können uns immer wieder hierin an ihn wenden.

Ausgeglichenheit.
Ryōkan war viel alleine, und hat darunter auch immer wieder sehr gelitten, ein Einsiedler im klassischen Sinne war er aber nicht. Er traf sich gerne mit Freunden, trank auch mal ein Gläschen, spielte mit den Kindern oder mit seinen Bekannten. Sein Leben lang scheint er, so gut es ihm möglich war, um einen Ausgleich zwischen Einsamkeit und Geselligkeit bemüht gewesen zu sein.

Lebensfreude und Humor.
Viele seiner Gedichte sprechen von großer Freude und Bewunderung für die Natur, für die einfachen Gegenstände, die ihn umgaben. Viele der Anekdoten um ihn sind ausgesprochen lustig und wenngleich sie nicht ganz wahrheitsgetreu sein mögen, so liefern sie doch ein gutes Bild für Ryōkans Fähigkeit, sich selbst und andere leicht zu nehmen.

Hingabe und Entschlossenheit.
Ryōkan war mit Leib und Seele Zen-Mönch. Er liebte Zazen, Meister Dōgen, buddhistische Schriften und war stolz, Priester zu sein. Sein Lebensstil war für ihn hierfür der beste Ausdruck. Allen Widrigkeiten zum Trotze zweifelte er nie an seiner Lebensentscheidung

© Wind & Wolken Sangha, 2007