Ryokans Schale

Neues:
Gedichte
  09.02.09


Gedichte

Eines der vielen Dinge, die unsere Sangha mit Kazuaki Tanahashi verbindet, ist die Liebe zu Ryōkan. So war es nicht verwunderlich, dass wir während seiner Aufenthalte bei uns immer wieder auf ihn zu sprechen kamen. Bald darauf begannen wir, uns gegenseitig unsere Lieblingsgedichte vorzulesen und von dort war es nur ein kurzer Schritt zu den ersten Übersetzungen.

Wir waren mit ganzem Herzen und viel Eifer dabei und wenn sich eine Wiederholungsmöglichkeit ergibt, werden wir weiter an unseren gegenseitigen Ost-West-Annäherungen arbeiten. Einstweilen viel Spaß beim Lesen.


Link zu Gedichten Ryōkans im "Chinesischen Stil"




Gedichte von Daigu Ryōkan


Im leisen Schneefall
steht
eine billionenfache Welt
in ihr fällt leise Schnee


Awayuki no
naka ni tachi taru
michi ōchi.
Mata sono naka ni
awayuki zo furu.


Auf welchem Weg hast Du hergefunden
in meinem Traumpfad der Nacht
obschon tiefer Schnee liegt
in den Bergen


Izuku yori
yoru no yumeji wo
tadori ko shi.
Miyama wa imada
yuki no fukaki ni.


Warte auf das Licht
des aufgehenden Mondes
Dann geh
wo stachelige Kastanienschalen
auf dem Bergpfad ausliegen


Tsukuyomi no
hikari wo machi te
kaeri mase.
Yamaji wa kuri no
iga no otsu re ba.


Obschon ich kam
um Reis zu betteln
im Frühlingsfeld
ist die Zeit vergangen
beim Veilchenpflücken


Ii kou to
waga koshika do mo
haru no no ni
sumire tsumi tsutsu
toki wo he ni keri.


Der wolkenbedeckte Himmel
ist aufgeklart
Takuhatsus Herz
so wie es ist
ein Geschenk des Himmels


Kumo ide shi
sora wa hare keri.
Takuhatsu no
kokoro no mama ni
ten no atae wo.


Meine liebe Bettelschale
ich habe sie vergessen
aber keiner hat sie genommen
keiner würde sie nehmen
meine arme Bettelschale


Hachi no ko wo
waga wasuru re domo
toru hito wa nashi.
Toru hito wa nashi.
Hachi no ko aware.


Tintenverfärbt
die Ärmel meiner Robe
wenn sie doch nur weit genug wären
ich würde sie ausbreiten über
Menschen in Armut


Sumizome no
waga koromo-de no
yuta nara ba
mazushiki tami wo
ōwa mashi mono wo.


mein alternder Körper
welch Elend
wem soll ich berichten
von meinem vergessenen Stock
auf dem Nachhauseweg
in der Abenddämmerung


Oi ga mi no
aware wo tare ni
katara mashi.
Tsue wo wasure te
kaeru yūgure.


Eine frische Brise
unter dem hellen Mond
komm lass uns tanzen
durch die ganze Nacht
gedenk meines hohen Alters


Kaze wa kiyoshi.
Tsuki wa sayakeshi.
Iiza tomoni.
Odori-akasa n
oi no nogori ni.


nichts besonderes
mein Herz in Aufruhr
schlaflos
weil ich an morgen denke
Frühlingsanfang


Nani to naku
kokoro sayag ite
ine rare zu.
Ashita wa haru no
hajime to omoe ba.


Wenn jemand fragt
ob Ryōkan ein Sterbegedicht hat
antworte dass er sagen wird
„Zuflucht in Amitabha Buddha“


Ryōkan ni
jisei aru ka to
hito towa ba
Namu-Amida-Butsu to
iu to kotae yo.


Ein Kopfkissen aus Gras
in einer Unterkunft
die sich wandelt Nacht für Nacht
träumend
von meiner Heimat


Kusamakura
yohoto ni kawaru
yadori nimo
musubu wa onaji
furusato no yume.


Komm wieder
wenn es Dir nichts ausmacht
diese Hütte aus Zweigen
Deinen Weg schneidend
durch taubedecktes Pampasgras


Mata mo koyo
shiba no iori wo
itowa zu ba
susuki obana no
tsuyu wo wake wake.


Mehr als
alles unter dem Himmel
voller Gold und Juwelen
Dein Besuch
zu Frühlingsanfang


Ame ga shita ni
mitsuru tama yori
kogane yori
haru no hajime no
kimi ga otozure.


Wann und wann
die auf die ich wartete
ist da
einander sehen
woran sonst könnte ich denken?


Itsu itsu to
Machi ni shi hito wa
Kita ri keri.
Ima wa aimi te
Nani ka omowan.


Welches Erinnerungsstück
soll ich hinterlassen
Blumen im Frühling
Nachtigall im Sommer
Ahornblätter im Herbst


Katami tote
nani ka nokosa n
haru wa hana
natsu hototogisu
aki wa momiji-ba.


Der träumende Geist
dieses vergänglichen Körpers
hört nie auf
obschon bereits erweckt
bevor er geboren ward


Utsushimi no
utsutsu-gokoro no
yama nu kamo
umare nu saki ni
watashi nishi mi wo.


Mit den Dorfkindern spielen
schlage ich den kleinen Handball
möge dieser Frühlingstag
niemals verschwinden
in Abenddämmerung


Kodomo-ra to
temari tsuki tsutsu
kono sato ni
asobu harubi wa
kure zu tomo yoshi.


Nun sing!
Ich werde aufstehen und tanzen
mit dem grenzenlosen Mondlicht
dieses Abends
wie kann ich da schlafen?


Iza utae.
Ware tachi-mawamu
hisakata no
koyoi no tsuki ni
ine raru beshi ya.


Die Angelegenheiten
nach dem morgigen Tage
kümmern mich nicht
an diesem heutigen
bin ich betrunken


Asu yori no
nochi no yosuga wa
iza shira zu
kyō no hitohi wa
yoi ni kera shi mo.


In der Stadt
Klänge von Flöten und Trommeln.
aber in diesem Tale in den Bergen
nur der Klang
von Piniennadeln


Sato-be ni wa
fue ya taiko no
oto su nari.
Miyama wa sawa ni
matsu no oto shi te.


Zeitlos
ist es der Klang des herabfallenden Regens
des rauschenden Tales
oder der durch den Nachtsturm
emporwirbelnden Ahornblätter?


Hisakata no
furi kuru ame ka
tani no ne ka
yoru wa arashi ni
chiru momij-iba ka.


Purpurrot
die sieben Schätze -
ich halte die Persimonen hoch
mit beiden Händen in Verbeugung


Kurenai no
nanatsu no takara wo
morote mote
oshiitadaki nu
hito no tamamono.


Wenn jemand fragt
wo ich lebe
sage ich
am östlichen Ende
des himmlischen Stromes


Waga yado wo
izuko to towa ba
kotau beshi.
Ama no kawara no
hashi no higashi to.


Der Herbst schreitet voran
und ich werde
ein wenig einsam
nun verschließe ich
das Tor zu meiner Grashütte


Aki mo yaya.
Urasabishiku zo
nari ni keru
kusa no ihori wo
iza tozashi ke mu.


Wenn jemand fragt
nach dem Herzen dieses Mönches
eine Botschaft des Windes
in des Himmels großer Weite


Kono sō no
kokoro towa ba
ōzora no
kaze no tayori ni
tsuku to kotae yo.


Warum zetern?
Dies und das
nicht wissend dass die Welt
der Schatten eines einzigen
Stoffballs ist


Karekore to
nani agetsura mu
yononaka wa
hitotsu no tama no
kage to shira zu te.


Ein verträumter Geist
in einem traumgleichen Körper
immerfort
obschon bereits erwacht
bevor ich geboren wurde


Utsushimi no.
Utsutsu-gokoro n.o
Yama nu kamo.
Umare nu saki ni
watashi ni shi mi wo.


Es ist nicht
dass ich nicht versuchte
mich mit der Welt zu verbinden
ich bin besser
beim Spielen mit mir alleine


Yononaka ni
majira n to niwa
ara ne domo
hitori-asobi zo
ware wa masare  ru.


Hätte ich gewusst
wie leidend diese Welt ist
ich wäre Gras geworden
oder Bäume
tief in den Bergen!


Kaku bakari
ukiyo to shira ba
okuyama no
kusa ni mo ki ni mo
nara shi mi mono wo.


Sehe und verstehe
letztendlich ist
diese Welt von kurzer Dauer nur-
weder späte noch frühe Blumen
werden bleiben


Mite mo shire
izure kono yo wa
tsune nara mu
okure sakidatsu
hana mo nokora zu.


Träumend
in der Welt der Träume
ein Kopfkissen aus Gras
ein einsames Erwachen
gedankenverloren


Yume no yo ni
mata yume musubu
kusamakura
nezame sabishiku
mono omou kana.


Mein Kopf-
ist er da oder nicht?
Wenn ich suche
ist da nur das Rauschen
des Windes in den Wolken


Waga  kororo
ari ya naki ya to
saguri mire ba
sora fuku kaze no
oto bakari nari.


Eingenickt
in die Welt der Träume
darin sprechend und träumend
vom Traume
wie er ist


Yume no yo ni
katsu madoromi te
yume wo mata
kataru mo yume mo
sore ga mani mani.


Wenn unsere Herzen
sich nicht ändern
mögen diese beiden Blätter
einander betrachten
für eintausend, acht tausend Jahre


Kokoro dani
Kawara zare shi ba
hau tsuta no
tae zu mukawa n
chiyo mo yachiyo mo.


Hast Du vergessen?
Oder war der Pfad versteckt?
Dieser Tage
habe ich gelebt, wartend
kein Besuch von Dir


Kimi ya wasuru
michi ya kakuru ru
kono-goro wa
mate do kurase do
otozure no naki.


Auf Wiedersehen nun
ich gehe
Du wirst hier sein
schlaf gut
lass mich schnell den Morgen bringen


Iza saraba
ware wa kaera mu
kimi wa koko ni
iyasuku ineyo
haya asu ni semu.


Im Schatten der Berge
wasserdurchzogenes Moos
Rinnsale zwischen den Felsen
sanft werde ich
weit und klar


Yamakage no
iwama wo tsutau
kokemizu no
kasukani ware wa
sumi-wataru kamo.




Übersetzung aus dem Originaltext: Kazuaki Tanahashi und Friederike Boissevain, © 2008


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