RELATOS DE POE

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ELEONORA . ALEMAN

 
 

Edgar Allan Po

Eleonora

 

 

Adgar Allen Po

Poe wurde am 19.01.1809 in Boston als Sohn von

Schauspielern geboren. Er verwaiste schon im Alter

von 10 Jahren. 1826 begann er ein Studium an der

University of Virginia. 1827 kam er zum Militärdienst,

von dem er 1831 entlassen wurde. 1838 heiratete er

seine Cousine Virgiania Clemm, die 1847 starb und ihn

hilflos zurückließ. Poe lebte in bitterer Armut und starb

am 07.10.1849 in Baltimore unter nicht geklärten Umständen.

Eleonora

Sub conservatione formae specificae salva anima. (Raymond Lully)

Ich stamme aus einem Geschlecht, das durch kraftvolle Phantasie und heiße Leidenschaftlichkeit

ausgezeichnet ist. Die Menschen haben mich einen Wahnsinnigen

genannt; aber es ist noch die Frage, ob der Wahnsinn nicht die höchste

Stufe der Geistigkeit bedeutet, ob nicht vieles Glorreiche und alles Tiefe seinen

Ursprung in einer Krankhaftigkeit des Gedankens, in dem besonderen Wesen

eines Zustandes hat, der auf Kosten des allgemeinen Verstandes aufs äußerste,

und zwar einseitig, erregt ist. Die Menschen, die am hellen Tage träumen, lernen

Dinge kennen, die denen entgehen müssen, die nur nachts träumen. Durch

den grauen Nebel ihrer Visionen dringen die ersten Lichtschimmer der Ewigkeit

zu ihnen, und halb erwachend fühlen sie mit Schaudern, daß sie einen Augenblick

lang an das große Geheimnis gerührt haben. Ruckweise erfassen sie einiges

von der Weisheit, die gut, und vieles von der Erkenntnis, die böse ist. Sie

dringen ohne Ruder und Kompaß auf dem ungeheuren Ozean des ›unaussprechlichen

Lichtes‹ vor, und wieder, wie in den Abenteuern des nubischen Geographen,

›agressi sunt mare tenebrarum, quid in eo esset exploraturi‹.

Bleiben wir also dabei: ich bin wahnsinnig. Dennoch erkenne ich deutlich zwei

unterscheidbare Zustände meines geistigen Seins: den Zustand vollständig klaren,

nicht anzuzweifelnden Verstandes, der sich auf die Erinnerung aller Ereignisse

erstreckt, welche die erste Epoche meines Lebens bildeten – und den

umdunkelten Zustand voller Zweifel, in den meine Seele jetzt versunken ist

und der alle Erinnerungen an Begebenheiten aus der zweiten großen Epoche

meines Lebens betrifft. Glauben Sie also alles, was ich Ihnen von der ersten

Periode erzähle, und von der zweiten nur das, was Ihnen glaubwürdig erscheint.

Oder zweifeln Sie ruhig alles an; sollten Sie dies aber nicht können, so spielen

Sie wenigstens den Ödipus vor dem Rätsel der Sphinx meiner Seele.

Sie, die ich in meiner Jugend liebte und der zum Andenken ich dies hier niederschreibe,

war die einzige Tochter der einzigen Schwester meiner langver-

 

im Tal des Vielfarbigen Grases wie in einem Schloß voll zauberhafter Herrlichkeit

gefangen hielt.

Eleonorens Schönheit war die der Seraphim; doch war sie einfach und natürlich

und unschuldig, wie das kurze Leben, das sie unter den Blumen unseres

Tales geführt hatte. Keine Künstlichkeit verbarg die Glut der Liebe, die ihr Herz

empfand – dieses Herz, dessen geheimste Verborgenheiten sie mir enthüllte,

wenn wir zusammen umherstreifen und über die machtvollen Veränderungen

sprachen, die sich in so kurzer Zeit in unserem Tal vollzogen hatten.

Eines Tages, als wir von jener letzten traurigen Veränderung sprachen, die alle

Menschen erdulden müssen, ließ sie von diesem schmerzvollen Thema nicht

mehr ab und wußte es in jede Wendung unseres Gesprächs zu bringen... Sie

fühlte wohl, daß der Finger des Todes ihre Brust berührt hatte – gleich dem

Leben der Eintagsfliege hatte sich ihre Schönheit nur entfaltet, um zu sterben;

doch alle Schrecken des Todes waren für sie in dem einen Gedanken enthalten,

von dem sie eines Abends im Zwielicht an den Ufern des Flusses zu mir

gesprochen hatte. Es bereitete ihr Kummer, zu denken, daß ich, wenn ich sie

im Tal des Vielfarbigen Grases begraben hätte, diese selige Stätte auf immer

verlassen und die leidenschaftliche Liebe, die jetzt ihr galt, einer Tochter der

äußeren, alltäglichen Welt schenken werde. Doch ich warf mich ihr zu Füßen

und schwor ihr und dem Himmel einen Eid , daß ich niemals ein Kind der Welt

zur Ehe nehmen wolle, daß ich niemals ihrem Angedenken und der Erinnerung

an die heiße Liebe, mit der sie mich beseligt, abtrünnig werden werde.

Ich rief den allmächtigen Herrscher der Welt zum Zeugen der frommen Feierlichkeit

meines Gelübdes an. Und der Fluch, den ich von ihm und von ihr –

der Heiligen im Paradiese – auf mich herabrief, sollte ich mein Gelöbnis brechen,

schloß eine so schauerliche Strafe in sich, daß ich ihn nicht niederzuschreiben

vermag. Bei meinen Worten erglänzten Eleonorens Augen in höherem

Licht; sie seufzte auf, als sei ihr eine tödliche Last vom Herzen genommen,

sie zitterte und weinte bitterlich, doch nahm sie meinen Eid entgegen...

Sie war ja noch ein Kind, und ich weiß: dieser Eid hat ihr das Sterben leichter

gemacht.

Mitte des Tales fiel. Ihre ebenholzfarbene Rinde war silbergesprenkelt und weicher

als alles – es sei denn man hätte Eleonorens Wangen gefühlt. Ohne die

glänzenden, grünen, riesigen Blätter, die in zitternden Linien von ihrem Gipfel

herabhingen und mit dem Zephyr spielten, hätte man sie für ungeheure syrische

Schlangen gehalten, die der Sonne, ihrer Herrscherin, Huldigungen darbrachten.

Eleonora und ich streiften fünfzehn Jahre lang Hand in Hand in dem Tal

umher, ehe die Liebe in unsere Herzen einzog. Eines Abends, gegen Ende

des dritten Lustrums ihres Lebens und im vierten des meinigen, saßen wir

innig umschlungen unter den Schlangenbäumen und betrachteten unser Bildnis,

das der ›Fluß des Schweigens‹ widerspiegelte. Wir sprachen an diesem

köstlichen Abend kein Wort, und auch am folgenden Morgen war unsere Rede

noch zitternd und zögernd. Gott Eros war aus den Wellen zu uns heraufgestiegen,

und wir fühlten, daß er die feurige Seele unserer Vorväter in uns entzündet

hatte. Die Leidenschaftlichkeit und die blühende Kraft der Phantasie,

die Jahrhunderte lang unser Geschlecht ausgezeichnet, kam über uns und

hauchte ein Übermaß von Seligkeit durch das Tal des Vielfarbigen Grases.

Alle Dinge veränderten sich. Seltsame, leuchtende, sterngestaltete Blumen

brachen an Bäumen auf, an denen wir bis dahin nie Blüten bemerkt hatten.

Die Tinten des grünen Teppichs vertieften sich, die weißen Gänseblümchen

verschwanden, eins nach dem anderen, und an der Stelle eines jeden schossen

je zehn rubinrote Asphodelen auf. Und Leben erhob sich auf unseren stillen

Pfaden, denn der große Flamingo, den wir bis dahin noch nie gesehen,

und zahllose muntere, leuchtend beschwingte Vögel entfalteten ihr strahlendes

Gefieder. Gold- und Silberfische durchschossen den Fluß, aus dessen Schoß

nach und nach ein Flüstern heraufklang, das zu einer sanften, wiegenden Melodie

anschwoll, die himmlischer tönte als der Gesang der Äolsharfe, süßer als

alles – es sei denn, man hätte Eleonorens Stimme gehört. Es kam auch eine

ungeheure Wolke heran, die wir schon lange in Hesperus' Gebiet beobachtet

hatten. Es rieselte in ihr von goldenem und purpurnem Lichte – gerade

über uns blieb sie stehen und senkte sich Tag für Tag tiefer, bis sie auf den

Spitzen der Berge ruhte, ihre Düsterkeit in Glanz verwandelte und uns unten

Doch Eleonora hatte ihr Versprechen nicht vergessen. Ich hörte, wie Engel um

mich her Weihrauchschalen schwangen und fühlte Ströme heiligen Duftes das

Tal durchfluten; und in einsamen Stunden, wenn mein Herz laut schlug, trugen

die Winde, die meine Stirne badeten, weiche Seufzer zu mir her. Leises

Flüstern erfüllte oft nachts die Luft, und einmal – ach, nur einmal – erwachte

ich aus meinem Schlummer, der tief gewesen war wie ein Todesschlaf, weil

zwei unirdische Lippen die meinen berührt hatten... Aber dies alles konnte die

Leere meines Herzens nicht füllen. Es verlangte wieder nach der Liebe, von

der es vorher so übervoll gewesen. Im Laufe der Zeit quälte mich der Aufenthalt

im Tal, in dem mich alles an Eleonora erinnerte, und ich vertauschte es für immer

gegen die Eitelkeiten und friedlosen Freuden der Welt.

Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge wie geschaffen waren,

mich die Träume, die ich so lange im Tal des Vielfarbigen Grases geträumt hatte,

vergessen zu machen. Der Pomp und das üppige Wesen eines reichen Hofes,

berauschendes Waffengetön, die strahlende Schönheit der Frauen – all dies blendete

mich und machte meinen Geist trunken. Doch war meine Seele bis jetzt

ihrem Gelübde treu geblieben, und immer noch gab mir Eleonora in den stillen

Stunden der Nacht Anzeichen ihrer Gegenwart. Plötzlich hörten diese Zeichen

auf, die Welt wurde schwarz vor meinen Augen, und ich stand erschrocken

– erschrocken über die glühenden Gedanken, die in mir erwachten, über die

Gewalt der schrecklichen Versuchung, die mich anfiel. Aus einem fernen, fernen,

unbekannten Land kam ein Mädchen an den Hof des Königs, dem ich

diente. Ihrer Schönheit ergab sich mein abtrünniges Herz im ersten Augenblick,

da ich sie sah... Ohne Widerstand warf ich mich in heißer, abgöttischer Liebe

vor dem Schemel ihrer Füße nieder. Was waren meine Gefühle zu dem jungen

Mädchen, das im Tal des Vielfarbigen Grases begraben lag, im Vergleiche

zu der Glut, dem Übermaß und Überschwang der wilden, ganz selbstvergessenen

Anbetung, mit der ich meine Seele vor dieser anderen ausströmte! 0

herrlich, herrlich war Ermengard! Sie, an der ich jetzt mit jedem meiner Gedanken

hing! Und wenn ich in die Tiefen ihrer heißen, seltsamen Augen blickte,

war Eleonora vergessen.

 
Wenige Tage später, als sich der Tod ihrem Lager schon näherte, sagte sie mir,

daß sie zum Dank für das, was ich für die Ruhe ihrer Seele getan habe, mit

dieser selben Seele nach dem Tode über mich wachen werde. Sie wolle wiederkommen

und mir des Nachts sichtbar erscheinen. Doch wenn dies über die

Macht der Seelen im Paradies hinausginge, so wolle sie mir wenigstens Andeutungen

ihrer Gegenwart geben. Sie werde mit dem Abendwind um mich seufzen

und die Luft, die mich umwehe, mit dem Dufte der himmlischen Weihrauchschalen

erfüllen. Mit solchen Worten auf den kindlich unschuldigen Lippen verschied

sie.

Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu erzählt. Aber da ich die Grenzlinie, die

der Tod meiner Geliebten auf meinem Lebenspfad gezogen hat, überschreite

und zur zweiten Periode meines Daseins komme, fühle ich, daß eine Wolke

mein Gehirn umschattet und daß ich selbst nicht mehr an die vollständige

Gesundheit meines Gedächtnisses zu glauben vermag. Doch ich will fortfahren.

– - – Jahre schleppten sich langsam vorüber, und ich wohnte noch immer

im Tal des Vielfarbigen Grases. Aber eine zweite Veränderung war vor sich

gegangen. Die sterngestalteten Blüten hatten sich in die Rinde der Bäume

zurückgezogen und kamen niemals mehr hervor. Die Tinten des grünen Teppichs

verblaßten, die rubinroten Asphodelen verwelkten eine nach der anderen,

und an der Stelle einer jeden erblühten zehn dunkle Veilchen, die wie weinende

Augen im Tau erglänzten. Das Leben verschwand von unseren Pfaden,

denn niemals mehr breitete der große Flamingo sein Scharlachgefieder vor uns

aus; traurig zog er sich aus dem Tal in die Berge zurück und all die munteren

Vögel mit ihm. Die Silber- und Goldfische flohen in die Schlucht an der Grenze

unseres Reiches und schimmerten nie wieder durch die schönen Wasser des

Flusses. Und seine zärtliche Musik, die süßer gewesen war als die der Äolsharfen,

als alles, ausgenommen Eleonorens Stimme, erstarb nach und nach in

Murmeln, bis auch dieses ganz verstummte und der Fluß wieder mit der Feierlichkeit

seines ursprünglichen Schweigens dahinrollte. Endlich erhob sich auch

die große Wolke und gab die Gipfel der Berge ihrer alten Finsternis zurück.

Sie glitt wieder in Regionen des Hesperus und raubte dem Tal des Vielfarbigen

Grases seinen purpurgoldenen Glanz.

Ich vermählte mich mit Ermengard und fürchtete den Fluch nicht, den ich auf

mich herabrief .

Da, einmal wieder, im Schweigen der Nacht, kamen die leisen Seufzer, die ich

so lange nicht mehr vernommen, mit dem Winde durch mein Fenster und klangen

zusammen zu einer vertrauten, süßen Stimme, die also sprach: »Schlafe

in Frieden! Der Geist der Liebe herrscht! Und wenn du Ermengard an dein wildes

Herz drückst, bist du aus Gründen, die dir im Himmel offenbar werden sollen,

von deinem Gelübde an Eleonora entbunden... «