REGINA ZIMET

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TEXTAUSZUG "Max Del Nero und Regina Zimet"

Sachte strich die junge Frau ihrem Freund durchs Haar und führte ihn am Arm zum Mäuerchen zurück. „Schau, Max, ist das nicht herrlich?“ Fasziniert beschatteten die beiden ihre Augen und blickten Richtung Westen. Die bereits tief stehende Sonne legte einen goldenen Schimmer über das ganze untere Veltlin. Am westlichen Horizont glühte – einem Lavasee gleich – der Comersee. Die Zeit schien still zu stehen.
Schweigend genoss das Paar das Naturschauspiel. Erst das heisere, misstönende Krähen eines Hahnes entriss es dem Zauber der Abendstimmung. Lachend wandten sich Silvana und Max dem Hühnerstall auf der Wiese über dem Waschtrog zu.




Im Gehege bewegte sich der imposante Gockel majestätisch inmitten seiner Hühnerschar. Silvana kicherte: „Hoffentlich erholt sich der Hahn bald von seiner Erkältung; die Hühner würden dieses Gekrächze sicherlich nicht lange überleben.“ Max feixte: „Ich würde den Hahn „Caruso" taufen…“ Silvana lachte lauthals und sprang von der Mauer. Auch Max verliess seinen Sitzplatz. In diesem Moment liess „Caruso“ erneut sein grauenvolles Gekrächze vernehmen. Max versuchte, des Gockels „Gesang“ zu imitieren, was Silvana dazu veranlasste, ihrem Freund die Hand auf den Mund zu pressen. Nach kurzem Gerangel hielten die beiden plötzlich inne. Sich an beiden Händen haltend, stand sich das Paar stumm gegenüber. Ein weiches Lächeln umspielte Silvanas Mund. Max` Herz pochte wie wild. Er löste seine rechte Hand aus derjenigen Silvanas und fuhr ihr sachte über das lange, glänzende Haar.

Und genau in diesem Moment „explodierte“ das Hühnergehege buchstäblich! Das Splittern des Bretterverschlages, das unmittelbar einsetzende Gezeter des Federviehs, der scharfe Peitschenknall und der rollende Donnerschlag vermischten sich zu einer die Sinne lähmenden Kakophonie. Verständnislos starrten Max und Silvana auf das wie von Sinnen herumrennende Hühnervolk. Es blieb keine Zeit, das Geschehen zu erfassen. Sekunden später nahm Max drei Dinge beinahe gleichzeitig wahr: das Zischen neben seinem linken Ohr, den scharfen Knall und das bedrohlich rollende Echo. In jäher Erkenntnis löste sich Max aus seiner Erstarrung. Er ergriff Silvanas Handgelenk und riss seine Freundin mit sich hinter der Brüstung zu Boden. „Silvana, bleib liegen, wir werden…“ Ein schmetternder Einschlag beendete Max' Erklärung, liess das Mauerwerk erbeben und Steinsplitter regnen. Als der peitschende Knall und das Echo des Schusses verklungen waren, starrten sich die beiden verängstigten Menschen stumm vor Entsetzen an.


Abbildung: Brunnen mit Waschtrog in Valle