Mit dem Rad durch Deutschland '00 – Teil 1



Die Planung einer spontanen Idee

Sommer 2000. Das Abitur habe ich gerade bestanden. Zum Bund muß ich zum Glück nicht, sie haben mich ausgemustert. Deswegen habe ich den ganzen Sommer damit verbracht, Praktikas zu machen. Aber auch die gehen einmal vorbei. Und jetzt bleibt noch ein ganzer Monat bis zum Beginn des Studiums. Zwar bin ich froh, endlich Ferien zu haben, ich bin doch schon ganz schön ausgelaugt. Aber: mir ist so langweilig!

Vor lauter Langeweile nehme ich mein Rad aus der Garage. Ohne Ziel fahre ich umher und entdecke Wege, die ich noch nicht kannte. Dabei komme ich tief durch den Wald, über verschlungene Pfade und über lianenbehangene, niedergefallene Bäume hinweg. Bei dieser Fahrt kommt mir eine Idee, die mich sofort begeistert. Ein ganzer Monat, das ist doch genug Zeit, um noch einmal eine größere Tour zu fahren!

Den ganzen Abend, es ist der 1. September, bin ich begeistert von dieser Idee.

Aufgrund mehrerer Anflüge von Realismus, bezüglich der machbaren Wegstrecke und meiner Kondition, dauert es aber bis zum nächsten Montag, dem 3. September, dass ich endlich anfange, die Tour ernsthaft zu planen. Übrigens, auch wenn der Vergleich zwischen ihm und mir hinkt, aber heute vor 49 Jahren ist der saarländische Weltumradler Heinz Helfgen zu seiner Tour gestartet.

An diesem Tag erkläre ich Dresden zu meinem Ziel. Sascha Hoffmann glaubt mir nicht, dass ich jemals so weit komme, und mein Bruder traut mir nicht einmal Heidelberg zu. Meine Eltern sind so fair, dass sie mir immerhin die Chance dazu lassen, auch wenn sie nicht von einer erfolgreichen Tour überzeugt sind.
Nun, wie sage ich es Stella, meiner ganz lieben Freundin? Ich suche sie in der Schule auf, und na gut, also irgendwie sage ich es ihr dann: „Stella, was hältst Du davon, wenn ich... für die nächsten drei Wochen mit dem Fahrrad wegfahre?“

Sie reagiert doch ein wenig geschockt, als sie das hört. Daß ich verrückt bin, wußte ich doch. Schließlich ist es doch nicht normal, nicht verrückt zu sein. Aber sie ist die einzige, die wirklich an mich glaubt. Ich werde ihr auch jeden Tag schreiben.

Eine anstrengende Woche steht mir jetzt noch bevor, damit ich am nächsten Montag, dem 11. September, losfahren kann. Die Tage über suche ich mir in Metz eine Wohnung und lasse mich mit der schrecklichen Verwaltung der Franzosen ein. Mittendrin organisiere ich noch alle Dinge, die ich für die Fahrt mitnehmen muss. Und abends bleibt gerade noch ein wenig Zeit, um zu trainieren. Ich ziehe mich absichtlich nie warm genug an, in der Hoffnung, mich an Kälte zu gewöhnen und schneller neue Energie aufzubauen.

Der Start zur Fahrt

Es ist soweit. Montag, der 11. September. Dass bald Herbstanfang ist, merkt man jetzt schon. Die Temperaturen sind in den letzten Tagen ein wenig gefallen. Umso froher bin ich, dass ich die letzte Zeit auf Kälte trainiert habe.

Das Fahrrad wiegt stolze 30 Kilo zusammen mit dem Gepäck. Damit ich den Schlafsack und das Zelt noch sicher auf die Taschen binden konnte, habe ich einige Sachen später wieder auspacken müssen. Und trotzdem steht dieses schwere Gefährt nun unten im Keller, wo ich alle möglichen Packmöglichkeiten am Abend zuvor ausprobiert habe. Tatsächlich schaffe ich dennoch, das Fahrrad nach oben zu tragen. Es ist weniger das Gewicht, das mich daran zu hindern versucht, als der Schwerpunkt des Gepäcks, der mich in die Verlegenheit bringt, nicht mehr zu wissen, wo ich das Fahrrad überhaupt angreifen sollte. Unser Nachbar Michael Thome wünscht mir noch viel Glück auf meiner Reise. Und bevor ich losfahre, erinnert er mich daran: „Denk dran! Nicht schneller als 160 auf der Autobahn!“

Es ist bereits halb neun, als ich losfahre. Das schwere Gefährt beschleunigt gemächlich, und es ist ein tolles Gefühl, es um die Kurven zu navigieren. Nachdem ich mich warmgefahren habe, geht es flott nach Zweibrücken. Ich weiß, wieso ich diese Strecke über Blieskastel und Homburg gewählt habe. Hier herrscht normalerweise eine Art Passat, der durchweg von hinten anschiebt. Normalerweise... außer heute, da ist es nämlich umgekehrt. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass das Wetter momentan auf der Stelle verharrt und es noch ein paar Tage schön bleibt. Also ist alles bestens.

Noch früh am morgen habe ich das Saarland durchfahren und bin nun in der Pfalz. In Zweibrücken ist die Beschilderung so schlecht, und ich denke mir, obwohl es hier wohl mehr als zwei Brücken gibt, hat man wohl die anderen noch nicht gefunden. Wie komme ich nur nach Contwig?

An einer Baustelle frage ich die Arbeiter nach dem Weg. Sie erklären mir, dass die Straße nach Contwig zwar gesperrt sei, ich mit meinem Mountainbike aber kein Problem hätte, sie trotzdem zu befahren. Dies ist die erste gesperrte Straße, auf die ich fahre. Und auf der Tour werden noch viele folgen. Ich werde durch alle durchfahren, und nur in Halle werden sich die Bauarbeiter beschweren.

  
  
 
 Der Anfang des Pfälzer Waldes bei Waldfischbach  Die Grundschule in Heltersberg 



Bald bin ich mitten im Pfälzer Wald. Ganz langsam und vorsichtig wurde der Wald dichter, und jetzt ist außer Wald nichts mehr zu sehen. Die Straßen sind steil und kurvig, aber wunderschön zu fahren. Der Schatten der Bäume nimmt die Hitze vom Rücken, und ich habe die Straßen fast für mich allein. Die tolle Aussicht auf manche Täler motiviert mich.

Kurz vor Johanniskreuz hänge ich mich in den Windschatten eines Traktors und lasse mich mit konstant 40km/h mitziehen. Zugegeben, manchmal ist es ein gefährliches Unternehmen. Jedesmal, wenn uns ein LKW entgegenkommt, muß der Traktor aufgrund der geringen Straßenbreite etwas auf den Waldboden ausweichen, wo er dann tiefe Furchen zieht.

In Johanniskreuz angekommen fahre ich an einer Kreuzung neben den Traktor. Der Bauer ist ganz verdutzt, mich zu sehen, glaubte er mich doch längst abgehängt zu haben. Er öffnet die Tür seines Führerhauses und fragt mich interessiert nach meinem Ziel. Als ich ihm antworte, dass ich nach Edenkoben möchte, weist er mir den Weg und macht mich auf einige Eigenheiten der Strecke aufmerksam. „Was, über die Totenkopfstraße willst Du? Die ist verdammt steil. Willst Du Dir das wirklich antun?“ Ich will. Denn sonst käme ich nicht nach Edenkoben, sondern nach Neustadt. Und von Edenkoben erhoffe ich mir mehr.

Jetzt geht es abwärts in das Elmsteiner Tal. Es ist bekannt als Erholungsgebiet. Und es ist superschön, dort zu fahren. In beinahe jedem Dorf findet man Sägemühlen, von denen der Duft von frischgeschnittenen Holz ausgeht. Hinter Elmstein halte ich das erste mal an, um zu rasten. Stella hat mir einen ganz besonderen Kuchen mitgegeben, einen „Sprudelkuchen“. Dieser mit Sprudel gemachte Schokoladenkuchen ist so mächtig, dass er mir schnell wieder viel Energie zurückgibt. Trotzdem bleibe ich über zwei Stunden an dem Rastplatz. Denn schließlich habe ich Stella versprochen, ihr jeden Tag zu schreiben. Und das mache ich jetzt. Außerdem mache ich hier die Bekanntschaft mit zwei fußballbegeisterten Mannheimern, die mich ehrlich gesagt mit ihrem Gespräch ziemlich nerven.

Etwas ausgekühlt setze ich schließlich die Reise fort. Da ist sie, die Totenkopfstraße! An ihrem Rand, zwischen den Bäumen, durch die sich ein kleiner Bach durchschlängelt, weiden ein paar Ziegen. Ich passiere diese Szenerie und nach einigen hundert Metern denke ich: „Von wegen steil. Zwar steigt die Straße ständig und gemächlich an, aber der Traktorfahrer hat total übertrieben, als er sagte, sie sei steil“.


Aber nachdem ich das fertig gedacht habe, beginnt die Straße auf einmal, sich vor mir aufzustellen. Neben mir werden tiefe Abgründe immer deutlicher. Um den Boden der Täler noch erkennen zu können, muss man sich direkt an den Rand der Straße stellen. Durch den steilen Hang wird die Straße immer enger. Zwei Autos hätten kaum aneinander vorbeigepasst. Um die Straße zu verbreitern, müsste man den Hang aufschütten. Dafür ist der Hang aber zu tief. Deswegen ist an allen Stellen, an denen es irgend möglich ist, die Straße um einen Teerklecks erweitert, auf dem die Autos warten können.

Was für ein Genuß, als es endlich noch einmal hinuntergeht! Und da geschieht etwas bemerkenswertes. Mit rasantem Tempo schwinge ich die Abhänge hinab, und mit einem mal, ganz ohne Vorwarnung, fahre ich hinter einer Biegung aus dem dunklem Wald hinaus in die grelle Sonne... und vor mir erstreckt sich die weite Rheinebene!

  
  
 
 Das Ende des Pfälzer Waldes. Die Berge hören abrupt auf, genauso wie die Bäume. Es ist, als gäbe es eine magische Grenze, die das Ausbreiten des Pfälzer Waldes verhindern will.  Edenkoben, von Schloß Villa Ludwigshöhe aus photographiert.