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NIEMANNS ZEIT
Ein deutscher Heimatfilm
von Horst Kurnitzky und Marion Schmid
 

Like Godard, Kluge and other contemporary artists, Kurnitzky and Schmid see collage as the most suitable art form for the reconstruction of reality. “Niemann’s Zeit” is made of fragments, both documentary and experimental. It is an attempt to reconstruct the German past. Niemann is a man searching for his homeland’s identity who is preoccupied with finding out the truth about the period of National Socialism. This is the period no-one wants to remember, a repressed episode in the national consciousness. Quotes from the romantic tradition of which the Nazis were fond and old postcards are used in the examination. The purely German “Heimat”, “in which no place is left for the individual” is the term used in irony by the film’s makers. If investigated “ ’Heimat’ could finally become meaningless”.
LCB Berlin, 1984, 113 min. Ger., Eng. Subt.

 


PLOT DESCRIPTION

In an interesting part-fiction, part-documentary look at Germany's years of Nazi domination, this experimental film by directors Horst Kurnitzky and Marion Schmid features a main protagonist, Niemann (Gerd Wameling), and subsidiary characters (a philosopher, a social scientist, and a mountain climber). Niemann is a kind of mountain-climber himself, as he plows through mounds of paper detritus from the Nazi era in the form of bits and pieces of documentation kept in a large, warehouse-like space. His obsession with the past keeps him going in spite of the mass of paper he faces. Normally, a "heimat" film deals with melodrama and overblown tragedy, set in the rural countryside. The reference here refers to a segment on Hitler's Obersalzberg retreat in the mountains, and other rural-Nazi associations brought in from time to time. Complementing Niemann's story is another about the futility of trying to come to grips with human nature, seen from the (somewhat warped) perspective of three supposed experts.
Eleanor Mannikka, All Movie Guide
Niemanns Zeit
Niemann's Time - A German 'Heimatfilm'
1984 - West Germany




Schutthaufen deutscher Geschichte
Der Film „Niemanns Zeit" mit Gerd Wameling

Die Hauptsache bleiben die Bilder. Ein erstaunlicher Einfall der Filmemacher Horst Kurnitzky und Marion Schmid, die bislang weitverzweigt wissenschaftlich, schreibend oder als Herausgeber (etwa im Verlag Neue Kritik: Deutsche Stichworte, Anmerkungen, Essays) tätige Filmneulinge sind: Von den realen Szenen abgesehen, kriechen sie wie Lawinen-Suchhunde mit einer neuartigen und komplizierten Makro-Technik in Postkarten der Nazizeit hinein und bewegen sich mit der Kamera darin, als seien diese „Wirklichkeit". Der special effect dieses blow up eines in Kitsch und Klischees eingefrorenen Seelenzustandes ist subtil-phantastisch: Das Seegewitter umdüstert den dräuenden Berg, Parsifal erreicht Neuschwanstein aufatmend mit Mühe und Not, Siegfried schwimmt im eben noch trockenen Drachenblut, ein SA-Sturm beim Kampfsport oder so ähnlich wird, blicken wir den Kerlen plötzlich ins Weiße des kalten Auges, zur Horde der Gewalt.

Das sind keine Scherztricks, das sind Giftspritzen, dem Zuschauer blitzschnell unter die Haut gejagt. Beim ersten Mal — Filmfestspiele, Nachtvorstellung, Übermüdung — taumelte ich noch ein wenig hilflos in den Sekunden-Spotlights herum. Diesmal indes verschränkten sich mir die atemlos assoziierenden Verknüpfungen zwischen Sentimentalität und Brutalität, Romantik und Rohheit,  Sehnsucht nach Gemeinsinn und Katastrophen zu meiner eigenen fiebrigen Collage der Entlarvungen.

Herr Niemann ist ein intellektueller, offensichtlich ein vaterlandsloser Geselle; ach ja, auch zersetzend. Alles nicht mehr so recht gefragt. Der wärmende Herd des Heimatlichen, Heimischen, Heimeligen ist ihm erkaltet; nein, genauer: hat ihm neu geglüht. Schon gar nicht das lodernde Lagerfeuer, an dem — Realfilmeinschnitt — einst und auch gern wieder heute der gestiefelte Fuß sich federnd zum Sprunge spannt, sich die Schwurhand gen Himmel rammt, deutsches Lied innig verhalten „unser" Edelstes preist, der deutsche Hirsch — auf einer Postkarte der Zeit, allerdings nicht ganz linientreu — „nach Gott dürstet", und die deutsche Seele, nicht minder tief, wenn auch weniger fromm, in aufjuchzender Flamme vom Undeutschen Geistgut sich reinigt.

Sein Arbeitsplatz ist ein riesiger Schreibtisch in einem sonst fast leeren Zimmer, einem Nebenraum, nicht von ungefähr, im Gropius-Bau, also direkt — aber für Berlin nicht Kennende, unsere jüngste Geschichte nicht Kennende vielleicht nicht deutlich genug ersichtlich - auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo-Zentrale. Von draußen dringt manchmal Bulldozer-Getöse ein: Die zertrümmerte Heimstatt der Mörder, vierzig Jahre lang eine gleichgültig hingenommene Müllhalde, wird gerade eingeebnet und dann — weil doch Berlin zur 750-Jahr-Feier sich selbst und seinen Gästen noch guter tun soll als ohnehin schon — wohl erst einmal, bitte, recht freundlich, begrünt.

Aber N., der einzelgängerische Forscher, gleichzeitig intensiv und „unschauspielerisch" dargestellt von Gerd Wameling, setzt sein eigenes Gerät an, einen Bodenaufwühler; und siehe, was er, Schicht für Schicht, unter dem Schutthaufen dieser, unserer Geschichte zutage fördert, sind Proben deutscher Heimaterde, von Blut getränkt, von Mythen gesättigt, von Lügen vergiftet: Führers Obersalzberger Refugium und Wehr, Quelle und von Schäferhunden und Wagner-Musik umspielter Hort seiner Innerlichkeit, die noch heute, leicht modernisiert, eine angemessene Spur schnittiger, vielen auch die Ihrige ist. Und sozusagen direkt darunter — es kann natürlich auch unter der Wilhelm-Straße sein — stößt der Grabende auf den heroisch-mystischen Kyffhäuser, auf die ältere Abart der Runen im mächtigen Gestein unserer kollektiven Erinnerungen.

In den übergroßen Fußtapfen dieser hypnotisch-vampyrischen Atavismen kommen viel später unsere Männerbünde daher, dunkelt gleisnerisch Gottfried Benn in den schwerlastigen Wassern des Gefühls dahin, badet Jünger seine stahlgewitter-gehärteten Krieger in den sonnengroßen Räuschen des Kampfes; süchtig sind sie nach Irratio, nach Gemeinschaft nach Weib in Kattun und Gott in schimmernder Wehr; mal mehr wie Nietzsche, mal mehr nach Art von Walter Flex, bis herunter zu Goebbels und Rosenberg.

So folgte ich jetzt auch ohne Zögern, ja, ohne sonderliches Staunen dem Herrn Niemann beim Spaziergang in eine Postkarte, in der ein Kornfeld wogte, darin einer von heute, ein saftiger Bayer, seine Staffelei traktierte. Was er male, fragt Herr N. Na, was schon? Den Obersalzberg da droben am Hitler-Hügel, spricht der Künstler. Aber Führers Heim und Herd — das gibt's doch seit vierzig Jahren gar nicht mehr, wendet Herr N. ein, nun doch leicht irritiert. Eben drum, sagt der Mensch karg und prüft augenkneifend sorgsam die Perspektive. Niemanns Zeit ist immerzu auch heute noch jemandes Zeit. Und eine Begegnung der dialektischen Art ist sie obendrein. (Cinema Bundesallee) Karena Niehoff
Der Tagesspiegel 1.6.1985