Vatertod

1995 

Ich muss wohl etwa dreizehn oder vierzehn gewesen sein, als es passierte. Wir waren dabei, einen Holzpflock einzuhauen, in unserem Garten, mein Vater und ich. Wir wollten einen Zaun bauen, und an jede Ecke des Grundstückes setzten wir einen stabilen Eckpfeiler. Es war noch früh im Jahr, und der Boden stark aufgeweicht vom vielen Regen, der während der letzten Tage gefallen war. Jetzt regnete es nicht mehr, aber der Boden klebte an meinen Gummistiefeln und machte das Gehen schwer. Über den Himmel zogen graue Wolkenfetzen.

Immer wenn mein Vater im Garten arbeitete, oder das Auto wusch, oder die Holzrahmen der Fenster einen neuen Anstrich brauchten, war ich dabei. Anfangs sträubte ich mich zwar meistens, aber durch leichten Druck brachte er mich dann doch dazu, ihm zu helfen. Ich sei die Älteste, meinte er, und ein Mädchen sollte auch ruhig mit Hammer und Spaten arbeiten können, gar nichts dabei. Am Ende machte es mir dann meistens auch Spaß, wenn erst mein Eifer geweckt und ich aus meiner Teenagerlethargie gerissen war. 

Wir waren also gerade dabei, den letzten Pfeiler reinzuhauen. Mein Vater hatte einen Vorschlaghammer, und ich sollte den Pflock festhalten, bis er tief genug im Boden war, so daß er nicht umfiel.  Mein Vater war sehr vorsichtig dabei, weil er mir natürlich nicht weh tun wollte, hob jedesmal den Hammerkopf nur ein paar Zentimeter an und ließ ihn auf den Pflock fallen. Als er sicher war, daß der Pflock halten würde, hieß er mich loslassen und ich trat einen Schritt zurück. Mein Vater holte aus und tat einen Schlag, daß der Pfeiler satte zwanzig Zentimeter in den Boden sauste. Ich konnte die Erde zittern spüren. Ich mochte meinen Vater, wie er so stark dastand und den schweren Hammer schwang wie ein germanischer Donnergott und den schwarzen Pfeiler in die Erde trieb. Gleichzeitig hatte ich auch fast ein wenig Angst vor diesem Mann, der so stark und furchtbar wirkte, so eisern und konzentriert.

Schließlich, als der Pflock schon fast so tief in der Erde steckte wie die anderen, die er vorher reingehauen hatte, setzte er den Hammer ab, und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, wobei er ein wenig Dreck von seinen Händen über seine Stirn verteilte.  Durch die Erde waren seine Falten deutlicher zu sehen als sonst, und er sah älter aus, als er in Wirklichkeit war. Er schaute mich an.

„Willst Du mal, Elli“, sagte er, und reichte mir den Hammer. Ich konnte das Ding kaum heben, aber war stolz, daß mir mein Vater so etwas zutraute. Ich hob den Hammer und ließ ihn aus etwa 20 Zentimeter Höhe niederknallen. Der Pflock bewegte sich kein Stück. Ich fasste den Stiel kürzer, und haute noch einmal drauf. Diesmal spürte ich, wie die Erde unter meinem Schlag zur Seite wich. Mir wurde ein wenig warm. Wieder holte ich aus. Wieder musste die Erde nachgeben. Ich fühlte mich super. 

Genau in dem Moment, als ich ein drittes Mal ausholte, um noch einmal mit aller Kraft zuzuschlagen, fror die Zeit ein. Ich habe keinen besseren Ausdruck dafür, es war, als würde ein Film angehalten. Den Hammer schwang ich über meinem Kopf, den Blick auf die Stelle geheftet, wo ich den Pflock treffen und in die Hölle schicken würde. Aber der nächste Moment kam nicht. Der Hammer klebte in der Luft wie an einem gigantischen Kaugummi, und ich konnte mich auch nicht bewegen. Mein Blick fiel auf meinem Vater, der sich seitlich von mir auf ein Bein hingekniet hatte, um etwas Moos aus dem Rasen zu reißen. Mit übergroßer Deutlichkeit konnte ich auf seinen Hinterkopf sehen, wo sich das Haar bereits lichtete. Ich roch seinen Schweiß, der sein Holzfällerhemd tränkte. Ich sah die kräftigen Finger mit dem goldenen Ehering, die Adern auf dem Handrücken, die weichen Härchen der Unterarme. Ich erinnerte mich plötzlich ganz deutlich, wie diese Arme mich als Kind gehalten hatten, zärtlich, doch bestimmt, als wollten sie mich immer beschützen und nie los lassen. Der Schweißgeruch wurde stärker, durchdringend, als näherte ich mich mit meiner Nase seinen Achselhöhlen. Ich meinte die Wolle seines Hemdes zu spüren, wie sie mir mit sanft ins Gesicht gedrückt wurde, die Luft verwehrte. Ich fürchtete, ich könnte ersticken, wenn ich nicht schnell einen Atemzug frischer Luft bekäme. Doch der Gestank wurde immer penetranter, ich würgte, versuchte, den stechenden Schmerz, der jetzt schier meinen  Schädel spaltete, loszuwerden. Sternchen tanzten vor meinen Augen und ich wußte, daß ich gleich ohnmächtig werden würde. Genau in dem Moment sah ich wieder die Stelle auf seinem Hinterkopf, wo die Haut wie eine helle  Zielscheibe durch das Haar schimmerte. Der Hammer sauste nieder und die Zeit lief weiter.

Es machte ein schmatzendes Geräusch, als der Hammerkopf auf Widerstand traf, und die Schockwelle lief den Stiel hoch und in meine Arme wie ein elektrischer Schlag. Ich hatte die Augen geschlossen, und mein Atem ging stoßweise. Ich hatte furchtbare Angst, aber ich fühlte mich gleichzeitig unglaublich frei. Die Luft war wieder klar und süß, gierig zog ich sie in meine Lungen, es roch nach Erde und Gras, eine Amsel sang ihr Frühlingslied.

Dann machte ich die Augen auf. Der Hammerkopf steckte fast ganz in der feuchten Erde unseres Gartens, etwa zwanzig Zentimeter von dem rechten Fuß meines Vaters entfernt. Der kniete noch immer und starrte entgeistert auf den Hammer vor sich, das Gesicht und die Brust mit Schlammspritzern bedeckt.

„...Ich...ich...“, brachte ich hervor. 

„Schon gut, schon gut“, murmelte er.

„Der Hammer... ich...ich...meine Hände...abgerutscht.“

„Ist schon gut“, sagte er. Und sah mir von unten ins Gesicht.

Dann stand er stand auf und nahm den Hammer an sich. Ich bemerkte, daß seine Hand zitterte.

Wieder schaute er mich an, und in seinen Augen war ein Ausdruck, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.

„Morgen kaufen wir Dir eine Brille“, murmelte er, drehte sich um und ging ins Haus.