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Die Lectio Divina (wörtl. göttliche Lesung) ist eine uralte Form des Gebetes. Wir verstehen darunter das betende Lesen der Bibel. Lesen, Meditieren, Beten, Betrachten - verstanden als Dialog mit Gott, der uns durch das Wort der Heiligen Schrift angesprochen hat und dem wir antworten. Uralt ist diese Form und doch immer aktuell, weil sie in der Lage ist, sich allen unseren Situationen anzupassen - oder besser gesagt: in allen unseren Situationen können wir uns in ihr wiederfinden. Es ist immer wieder frappierend, wie Menschen im Wort der Heiligen Schrift, in den Geschichten und Erfahrungen der Menschen mit Gott, die sie erzählt, wichtige Erfahrungen aus ihrer eigenen Geschichte gespiegelt sehen. Plötzlich entdecken sie in ihrer Lebensgeschichte, in ihren aktuellen Erfahrungen, einen Sinn, einen Ursprung, eine Verheißung, eine unendliche Liebe, die sie umgibt, trägt und führt.
Womit könnten wir die Lectio Divina vergleichen, um einen ersten Zugang zu ihr zu finden?
Ich denke gern an das Verhältnis von Liebenden zueinander. Erinnern Sie sich einmal an Ihre "Erste Liebe". Ging es Ihnen nicht so, dass jedes Wort des geliebten Menschen, das Sie wohltuend traf, unendlich kostbar war? Wiederholten Sie nicht dieses Wort, die Erinnerung an diese liebende Geste, innerlich immer und immer wieder? Sie "meditierten" es sozusagen, spürten seinem Echo nach, dem Geschmack in Ihrem Herzen, ließen sich von ihm tragen, erzählten davon anderen oder blieben einfach still bei sich, um das neue Glück noch tiefer zu verkosten. Und sie spürten dankbar, wie es Ihren Alltag beschwingt. Leider hält unter Menschen solches Glück meist nicht sehr lange an. Es wäre wohl auch nicht gut, ständig "auf Wolke sieben" zu schweben. Aber es kann uns als Ausgangspunkt dienen, um einen ersten Zugang zur Lectio Divina zu finden.
Um es gleich zu sagen: Auch bei der Lectio Divina gibt es nicht ständig solches Feeling. Die meisten von uns fühlen nicht gerade "Schmetterlinge im Bauch" , wenn sie an Gott denken. Aber es regt sich etwas sehr Tiefes in uns, wenn wir den Wunsch verspüren, die Bibel in einer betenden, kontemplativen Haltung zu lesen. Irgendwie ahnen wir: Da ist eine unendliche Liebe, und die möchte ich besser kennenlernen. Es ist der Heilige Geist, der sich in uns regt, und zwar in einer noch viel tieferen Ebene als beim bloßen Verliebtsein, zu der wir allerdings noch wenig Zugang haben. Bei der Lectio Divina geht es in der Tat um das Verhältnis von Liebenden zueinander, die einander ein Du sind, zwischen denen eine Liebe vibriert, die eine eigene Größe, "Geist" ist, der sich beide verantwortet fühlen. Zumindest von dem einen Partner, von dem die Initiative ausgeht, können wir dies immer sagen: von Gott, der die Liebe selbst ist. Wer entschlossen und ehrlich sich für die Lectio Divina freimacht und beständig dabei bleibt, wird immer tiefer in diese Haltung echter Liebe hineinwachsen.
Wenden wir uns nun den einzelnen Elementen oder Stufen der Lectio Divina zu. Erstes Element ist die Lectio als solche, das Lesen. Wir lesen einfach den Bibeltext, den wir uns ausgesucht haben. Er soll nicht zu lang und für den Anfang auch nicht zu schwer sein. Ein Gleichnis, eine Kurzerzählung, einige Psalmverse oder sonst ein kurzer Text, das reicht vollkommen. Wir lesen langsam und versuchen dabei aufmerksam zu spüren, ob uns irgendein Wort oder Satz darin anrührt - auch wenn es nur ganz zart, ganz leise ist. Dieses Wort oder diesen Satz wiederholen wir mehrmals, ganz ruhig, ohne Hast, mit einer großen Bereitschaft zum Hören. Damit sind wir beim zweiten Element: die Meditatio. Die alten Mönche verstanden unter dem Begriff etwas anderes als was heute allgemein unter Meditation verstanden wird. Für sie war es einfach das mehrmalige Wiederholen des Satzes, der Wendung, des Wortes, das den Beter angesprochen hat, und zwar in einer ganz schlichten Weise, noch ohne viel nachzudenken; erst einmal nur schmecken, verkosten, eindringen lassen. Sie nannten diese Phase auch "Ruminatio". Genau so, mit dieser Ruhe, absichtslos und gelassen wie die Rinder ihre Nahrung wiederkauen, sind wir eingeladen, die Nahrung des Wortes Gottes immer wieder in uns zu bewegen, ihren "Saft" zu schmecken, sie uns einzuverleiben. Dritter Schritt - wobei die Schritte nicht unbedingt strikt aufeinanderfolgen müssen, sondern sich auch überschneiden können - ist die Oratio, das Gebet im engeren Sinne als Sprechen mit Gott. Hier sagen wir zu Gott einfach, was in uns aufsteigt, was das Wort in uns ausgelöst hat. Es kann ein ganz einfacher Satz sein, es kann eine Frage, eine Bitte oder ein Dank sein oder einfach eine Geste, ein Seufzen, ein tiefes Aufatmen. Es kann durchaus auch eine ganze Abfolge von Gedanken, "Entdeckungen" sein, die uns faszinieren und die wir mit ihm besprechen wollen. Wichtig ist, dass wir das zum Ausdruck bringen, was aus dem Herzen aufsteigt. Wir müssen nicht schön und klug mit Gott reden. Authentisch soll es sein. Und wir werden oft staunen über die Worte, die in uns aufsteigen. Sie sind inspiriert vom Wort Gottes, getragen von seinem Geist, und doch ganz unsere eigenen Worte, entsprungen aus der von Gott geschenkten Freiheit unseres Herzens . Den vierten Schritt haben wir nicht in der Hand. Es ist die Contemplatio. Um zu ahnen, was das ist, können wir wieder an ein liebendes Paar denken. Sie sind beieinander, erfüllt, schauen sich an oder schauen gemeinsam in die Weite, schweigen zufrieden und tief beglückt. Es ist ein von unaussprechlicher Liebe erfülltes Schweigen, ein wortloses Staunen über die lebendige Kraft der gegenseitigen Liebe, die ungeahnte Horizonte neuen Lebens eröffnet. Diese Momente können wir nicht machen. Aber wenn wir den Eindruck haben, dass eine solche Erfahrung im Gebet sich anbahnt, bleiben wir ruhig dabei, lassen wir diese große Intimität mit Gott zu, hören wir seinem Schweigen zu, das absolute, unaussprechliche Liebe ist und werfen wir uns ganz hinein. Von dieser liebevollen Stille ist das Wort erfüllt - auch dann, wenn wir nichts spüren. Weitere, weniger oft erwähnte Elemente sind die Collatio und die Eructatio. Mit der 'Collatio' ist der Austausch mit anderen gemeint, die ebenfalls die Lectio Divina praktizieren. ("Collatio" kommt vom lateinischen "Conferre", was zusammentragen heißt.) Es ist natürlich auch möglich, sie gleich gemeinsam zu praktizieren, wie es etwa beim 'Bibel-Teilen' geschieht. Gelingt der Austausch, ist er ein unschätzbares Geschenk. 'Eructatio' ist ein Begriff, der wörtlich 'Aufstoßen' meint. Wir stoßen auf, wenn wir viel gegessen haben. Auch bei der Lectio Divina können wir uns manchmal "voll" fühlen und aufstoßen. Vielleicht stößt es uns bitter auf, weil wir etwas nicht verstehen oder uns provoziert fühlen. Oder wir können uns wie aufgebläht fühlen und den Eindruck haben: Irgendetwas ist mir nicht bekommen. Dann ist es wichtig, mit einer erfahrenen Person darüber zu reden. Wir können aber auch in einem sehr positiven Sinne "voll" sein. Etwas drängt uns, die Faszination, die uns erfüllt, weiterzugeben, manchmal jucken auch die Finger, um etwas aufzuschreiben, weil es uns zutiefst berührt und beglückt hat. Diese Erfahrung ist überaus kostbar. Schmerzlich ist es, wenn wir keine Möglichkeit zum Weitergeben sehen, etwa wenn wir meinen, dass es niemanden interessiert. Dann staut sich etwas in uns, was uns krank machen kann. Deswegen ist es wichtig, diese Gefühle ganz ernst zu nehmen und einen Weg zu suchen zum Weitergeben, zum Ausdrücken (es kann auch durch Bilder, Gedichte oder Musik sein). In solcher Kreativität nehmen wir teil an der Schöpferkraft Gottes. Und nicht zu vergessen: Jede Form der Nächstenliebe, auch wenn sie noch so schlicht ist, kann ein solches Überfließen und Weitergeben sein - auch ohne fromme Worte. Ja, wir müssen mehr sagen: Ohne diese Liebe wäre die Lectio Divina wie ein Meer ohne Wasser. Auf welche Weise die Liebe, die sich von der Lectio Divina speist, ihren Ausdruck findet, ist je nach Charakter, Fähigkeiten, Lebenssituation, etc. unterschiedlich. Wichtig ist, dass der Kreislauf der Liebe, der von Gott ausgeht und durch die Menschen wieder zu Gott führt, fließen kann. Nichts fehlt uns, weil wir alles empfangen. Nichts staut sich, wenn wir weitergeben. Gott unterbricht diesen Kreislauf nie.
Noch eine letzte Bemerkung: Die Lectio Divina ist keine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel. Man muss nicht Theologe und auch nicht besonders klug sein, um sie zu praktizieren. Und doch ist es wichtig und unerlässlich, einige Faustregeln zu kennen, um die Bibel in angemessener Weise zu verstehen. Manche Texte können leicht missverstanden werden, wie es etwa im Fundamentalismus geschieht, wenn sie allzu und ausschließlich wörtlich und eigenwillig gelesen werden. Natürlich sind Gottes Wege, wie er die Menschen anspricht, immer wieder überraschend und sprengen alle Regeln. Oft kann ein einfacher, wenig gebildeter Mensch, auf Anhieb richtig verstehen, weil Gottes Geist ihn trifft. Aber für jeden, der auf Dauer die Bibel in einer solchen kontemplativen Haltung lesen will, sind einige grundlegende Bibelkenntnisse unverzichtbar. Das schränkt die Freiheit von Gottes Geist in keiner Weise ein. Vielleicht ist eher das Gegenteil der Fall, denn er wirkt gern mit uns Menschen zusammen. Je nach Möglichkeiten sollten wir da auch "am Ball" bleiben, um die Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen, ohne das betende Lesen dabei zu vernachlässigen. Das katholische Bibelwerk in Stuttgart etwa bietet wertvolle Informationen für Laien, die sich biblisch weiterbilden möchten, auch Bibelkurse, um die Bibel besser kennenzulernen, ihre Texte in ihrem Kontext zu sehen und sie ins Heute zu übersetzen. Informationen dazu finden Sie unter: Katholisches Bibelwerk |