Widerstand in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg formierte sich relativ schnell Widerstand gegen die dortige „Euthanasie“-Anstalt Grafeneck. Die Aufregung unter der Bevölkerung war sehr groß, was sogar bis zu SS-Führer Himmler gelangte, der schließlich die Führung der „Euthanasie“-Aktion zu einer Lösung des Problems auffordern musste.

 

In einem Schreiben vom 1. August 1940 des Erzbischofs von Freiburg, Conrad, an den Chef der Reichskanzlei, Lammers, bot die Kirche sogar an, die Kosten für die vom Tode Bedrohten zu übernehmen:

 

„Der Erzbischof von Freiburg.

Freiburg, den I. August 1940

Sc. Exzellenz

Herrn Minister Lammers

Berlin

Reichskanzlei.

Exzellenz, Hochverehrter Herr Minister!

Wir beehren uns, Ew. Exzellen/. Nachfolgendes als dringende Angelegenheit

vorzutragen:

Ans den Reihen des Volkes, sowohl Württembergs als Badens, sind wir

davon unterrichtet worden, daß in den letzten Wochen schon eine sehr

große Anzahl von Geisteskranken und Geistesschwachen in den

staatlichen wie auch in den privaten Anstalten der Euthanasie verfallen

sind. Namentlich die Angehörigen der Verstorbenen, denen nur die

Aschneurne überlassen worden ist, unter Mitteilung einer auffälligen

Todesursache, der wenig Glauben geschenkt wird, sind tieferschüttert.

Viele der Verstorbenen waren durchaus arbeitsfähig, so daß sie keine

Belastung für den Staat gebildet haben. Wir fühlen uns im Gewissen

verpflichtet, Ew. Exzellenz dringend zu bitten, doch Ihren weitgehenden

Einfluß geltend zu machen, damit das durch das Naturrecht und

christliche Gesetz verbotene Verfahren eingestellt wird. Wir denken dabei

aus patriotischen Gründen auch an die Wirkung, die das Bekanntwerden

obiger Vorgänge in der ganzen kultivierten Welt hervorrufen müßte. Wir

erklären uns bereit, auf caritativem Wege für alle die Unkosten

aufzukommen, die dem Staat durch die Pflege der zum Tod bestimmten

Geisteskranken erwachsen. Wir weisen endlich darauf hin, daß der Krieg

mit den Opfern, die er an das Volk stellt, die ungeeignetste Zeit ist. um

das Volksgemüt durch die Maßnahmen der Euthanasie zu belasten. Ew.

Exzellenz werden verstehen, wie sehr uns diese Angelegenheit auf dem

Gewissen liegt und wie herzlich und dringend darum unsere Bitte ist, es

möchte unverzüglich diesen Dingen ein Ende bereitet werden. Mit dem

Ausdruck unserer ganz besonderen Verehrung und Wertschätzung

gez. Conrad, Erzbischof von Freiburg, Dr. Kottmann, Generalvikar von

Rottenburg.“

aus der Dokumentation zur „Euthanasie“-Anstalt Grafeneck der

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

http://www.lpb-bw.de/publikationen/euthana/Euthanasie.pdf

 

Hinweis: Durch die frühzeitige und heftige Kritik der Kirchen und der Bevölkerung in Baden-Württemberg wurde die Anstalt Grafeneck bereits Ende 1940 geschlossen und nach Hadamar verlagert.

 

Kirchlicher Widerstand gegen den Euthanasie-Mord 1940 in Baden und

Württemberg, 2006 - Teil 1

http://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/43721/Archivnachrichten_Quellen32.pdf

 

Kirchlicher Widerstand gegen den Euthanasie-Mord 1940 in Baden und

Württemberg, 2006 - Teil 2

http://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/43436/Ansicht_Quellenbeilage_33.pdf

 

Im folgenden noch eine ganz besondere Dokumentationen des Widerstands der Kirche in Baden-Württemberg gegen die „Euthanasie“ aus dem Jahr 1947 mit den zahlreichen Schreiben an die NS-Bürokratie.

 

Die Briefe lassen die schreckliche Abwägung erkennen zwischen Widerstand und Fürsorge für die Pfleglinge, die letztlich dafür büßen mussten.

 

Lebensunwert?

Kirche und Innere Mission Württembergs im Kampf gegen die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ - von Ludwig Schlaich - September 1947

http://www.spur-der-erinnerung.de/pdf/Schlaich.pdf

 

Pfarrer Ludwig Schlaich zieht hierin auch folgende interessante Parallele:

 

Adolf Hitler begann am 1.9.1939

durch den Überfall auf Polen den Krieg gegen die Welt und

mit dem Ermächtigungsschreiben zur „Euthanasie“ den Krieg gegen Gott.

 

Beide Kriege hat er verloren.