Szenen bei der Ankunft der „Grauen Busse“

 
 

Bei der Ankunft der „grauen Bussen“ in den Anstalten, aus denen sie die zum Tode Bestimmten abholen sollten, spielten sich herzzerreißende Szenen ab, denn relativ schnell sprach sich herum, was es mit den Transporten auf sich hatte. Und die „Anstaltsinsassen“ wussten größtenteils sehr wohl, dass Ihnen der Tod bevorstand. Die Brutalität der „Transportbegleiter“ trug dazu bei, die „Verladungen“ zu einem gespenstischen Ereignis zu machen.

 

Die folgenden Beschreibungen können niemanden, der sie liest, unberührt lassen. Und wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir dies alles nur lesen. Die Opfer haben es erlebt, durchlitten, haben ihre Ermordung in Todesangst teilweise klar vor Augen gehabt.

 

„In seinem Bericht ´Was geht in Stetten vor?´, den Hausvater Scheerer am 16. November 1940 an verschiedene Freunde der Anstalt schickte, findet sich u.a. folgender Brief:

 

Liebe Schwester!

Da ja bei uns die Angst und Not immer größer wird, so will ich Dir auch mein Anliegen mitteilen. Gestern sind wieder die Auto dagewesen und vor acht Tagen auch, sie haben wieder viele geholt wo man nicht gedacht hätte. Es wurde uns so schwer, dass wir alle weinten und vollends war es mir schwer, als ich M.S. nicht mehr sah…

Nun möchte ich Dich bitten, dass Du für mich einstehen würdest, dass ich zu Dir kommen dürfte, denn wir wissen nicht, ob sie die nächste Woche nicht wieder kommen… Wenn wir je einander nicht wiedersehen würden, so will ich meinen herzlichen Dank aussprechen für alles was Du an mir getan hast…

Mit herzlichen Grüßen…

10. November 1940“

 

„Unsere Kranken hatten in der Anstalt eine Zuflucht gefunden, in der sie vor dem Spott und der Übermacht der Gesunden und „Vollwertigen“ bewahrt gewesen waren, in der man ihre Schwächen und Krankheiten geduldig getragen, sie von allen Sorgen befreit und ihnen ein beglückendes christliches Gemeinschaftsleben unter ihresgleichen ermöglicht hatte.

So waren auch damals manche unter ihnen, die es sich nicht denken konnten, dass man es jetzt plötzlich böse mit ihnen meinen sollten.

P.D., die andere weinen sah, fragte sie ganz erstaunt: „Ach, warum weinen, wir dürfen doch eine schöne Omnibusfahrt machen.“ Zitternd vor Freude bestieg sie den Wagen.“

 

„Die 65jährige A.G. sprang wochenlang von einem Fenster zum anderen, um zu sehen, ob die gefürchteten Omnibusse kämen. Sie, die während ihres langjährigen Anstaltsaufenthaltes nie einen Brief abgesandt hatte, schrieb nun ihrem Bruder, er solle sie doch holen. Er gab keine Antwort darauf.

Als ihr dann gesagt werden musste, sie solle auf den Sammelplatz gehen, brach der ganze Jammer über sie herein. Völlig willenlos folgte sie der Transportbegleiterin, die schmeichelnd [arglistig!] zu ihr sagte:

„Mutterle, komm, bei uns hast du´s auch gut.“

 

„E.B., die mit ihren 20 Jahren geistig noch wie ein kleines Kind von zwei Jahren war, in kindlich mütterlicher Liebe ihre Puppe spazieren getragen und sich vertrauensvoll von ihrer geliebten Pflegerin hatte versorgen lassen, ahnte kaum, dass es sich um etwas Besonderes handelte, als sie zum Sammelplatz geführt wurde, von dem aus die Omnibusse bestiegen werden mussten.

Als aber ihr Name aufgerufen wurde, damit sie zum Wagen gehe, drehte sie sich um, gab ihrer weinenden Pflegerin die Hand und sagte:

„Danke, Fräulein Anna!“

Es war, als ob sie sich für alle die Liebe bedanken wollte, die sie von ihr erfahren hatte.“

 

aus:

Lebensunwert?

Kirche und Innere Mission Württembergs im Kampf gegen die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ - von Ludwig Schlaich - September 1947

http://www.spur-der-erinnerung.de/pdf/Schlaich.pdf