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Aufgrund einer am 18. August 1939 durch einen geheimen Erlass des Reichsinnenministeriums speziell eingeführten Meldepflicht für Kinderärzte und Hebammen wurden diese verpflichtet, über "idiotische“ und missgebildete, aber auch gelähmte Neugeburten und Kinder bis zum Alter von drei Jahren (später auch Ältere) den zuständigen Gesundheitsämtern Meldung zu erstatten.
Auszug aus dem Meldebogen: „Falls das neugeborene Kind verdächtig ist mit folgenden schweren angeborenen Leiden behaftet zu sein: 1) Idiotie sowie Mongolismus (besonders Fälle, die mit Blindheit und Taubheit verbunden sind), 2) Mikrocephalie, 3) Hydrocephalus, schweren bzw. fortschreitenden Grades, 4) Mißbildungen jeder Art, besonders Fehlen von Gliedmaßen, schwere Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule usw., 5) Lähmungen einschließlich Littlescher Erkrankung“
Erläuterungen: Mongolismus heutige Bezeichnung: Trisomie 21 Microcephalie zu kleiner Kopf Hydrocephalus „Wasserkopf“ Spaltbildungen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, Spina Bifida Littlesche Erkrankung Zerebralparese, Spastik, Ataxie Jede Meldung wurde mit 2 RM (Reichsmark) “belohnt“.
Die Meldungen gingen an den sogenannten „Reichsausschuss“ („Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“), der als geheime Tarnorganisation in der Kanzlei des Führers (KdF) angesiedelt war.
Nach erster Selektion durch Nicht-Mediziner wurden von den ca. 100.000 gemeldeten Fällen ca. 20.000 an die drei Reichsausschuss-„Gutachter“, Kinderarzt Prof. Dr. Werner Catel, Kinderarzt Dr. Ernst Wentzler und Kinder- und Jugend-Psychiater Prof. Dr. Hans Heinze, weitergeleitet.
Ohne Inaugenscheinnahme der betroffenen Kinder verhängten die drei „Ärzte“ ca. 5000 Todesurteile, indem sie „einfach“ ein rotes Kreuz in das entsprechende Kästchen setzten.
- bedeutete Leben + bedeutete Tod Hinweis: Allein schon die Verwendung eines „+“ für „positiv“ als Kennzeichen für „lebensunwert“ und damit zur Tötung freigegeben ist symptomatisch für die Denkweise der Täter.
Nach dem Krieg wurde Prof. Catel an die Universität Kiel berufen. Dort starb er am 30. April 1981 nahezu unbehelligt. In der Todesanzeige schrieb die Universität Kiel, Catel habe „in vielfältiger Weise zum Wohle kranker Kinder beigetragen“. http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Catel
Prof. Heinze geriet immerhin 1962 ins Visier der Staatsanwaltschat Hannover, wurde aber 1964 für verhandlungsunfähig erklärt. Er starb im Alter von 87 Jahren am 4. Februar 1983. Das Landeskrankenhauses Wunstorf schrieb in der Traueranzeige: „Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Heinze
Dr. Ernst Wentzler „Wentzlers Kinderklinik in Berlin betreute zahlreiche wohlhabende Familien sowie hohe NSDAP-Funktionäre wie Generalfeldmarschall Hermann Göring. Obwohl Wentzler Methoden zur Behandlung von Frühgeburten oder Kindern mit schweren Geburtsdefekten entwickelt hatte (darunter einen als Wentzler-Wärmer bezeichneten Inkubator), war er auch dafür, das Leben „unheilbar Kranker“ zu beenden. Von 1939 bis 1945 war Wentzler einer der Koordinatoren des Kindereuthanasieprogramms, bewertete Patientendaten und ordnete die Tötung von mehreren Tausend Kindern an.
Nachkriegskarriere: Im August 1945 verließ Wentzler Berlin und kehrte in seine Heimatstadt zurück, wo er als Kinderarzt tätig blieb. Er wurde häufig vor Gericht über seine Rolle im Kindereuthanasieprogramm befragt, aber nie förmlich angeklagt. Wentzler starb 1973.“ Quelle: US Holocaust Memorial
Weitere Gutachter der Kinder-„Euthanasie“ finden Sie hier: http://de.wikipedia.org/wiki/T4-Gutachter
Der weitere, unbehelligte Lebensweg der drei „Ober-Gutachter“ der Kinder-„Euthanasie“ ist -gelinge gesagt- „erstaunlich“, auch im Vergleich zu den drei „Ober-Gutachtern“ der „Euthanasie“-Aktion „T4“, von denen zwei Selbstmord begingen und einer hingerichtet wurde. Dies mag an der geringeren Opferzahl -5.000 Kinder gegenüber 70.273 Opfern der Aktion „T4“- liegen, oder vielleicht auch an der geringeren „Wertigkeit“ von getöteten Kindern mit Behinderungen gegenüber dem tausendfachen Mord an Erwachsenen.
Bewertung: Die Täter schickten über 5.000 unschuldige wehrlose Kinder in den Tod. Uns nahmen sie dadurch den Glauben an das „Gute im Menschen“. Durch die fehlende Strafverfolgung wurde uns schließlich auch noch der Glaube an eine „ausgleichende Gerechtigkeit im Leben“ genommen.
Im späteren Verlauf der „Aktion T4“ wurden noch mindestens 10.000 weitere Kinder und Jugendliche in den Gaskammern der „Euthanasie“-Anstalten ermordet.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kinder-Euthanasie
Lesenswerte Artikel im Deutschen Ärzteblatt:
„NS-Kindereuthanasie: Ohne jede moralische Skrupel“ http://www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=24708
„Hirnforschung und Krankenmord“
Die betroffenen „Volksschädlinge“ und „nutzlosen Esser“ wurden daraufhin bei ihren Eltern abgeholt und in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ verbracht.
Hierbei wurde mit einer nahezu unglaublichen Niedertracht den ohnehin wegen der Behinderung ihrer Kinder verzweifelten Eltern vorgetäuscht, dass ihre Kinder in diesen „Kinderfachabteilungen“ mit „besonders modernen Behandlungsmethoden“ geheilt werden könnten.
Waren Eltern trotzdem nicht bereit, ihre Kinder aus dem Haus zu geben, so wurde ihnen mit Sorgerechtsentzug oder Gestapo gedroht.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderfachabteilung
Die folgende Übersicht zeigt „Kinderfachabteilungen“ und die jeweils ermittelte Zahl der verstorbenen bzw. ermordeten Kinder.
Bitte beachten: Die Angaben über Todesfälle und getötete Kinder können nicht immer als gesichert angesehen werden. Die genaue Anzahl der "Kinderfachabteilung" ist offenbar noch eine Forschungsfrage. Gelegentlich werden z.B. die Standorte Bremen und Stuttgart dazu gezählt.
Quelle: Informationsangebot der Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" in Lüneburg http://www.pk.lueneburg.de/gedenkstaette/kinderfachabteilungen.html http://www.pk.lueneburg.de/gedenkstaette/kfa/KFA-uebersicht-1.php
Im Folgenden finden Sie eine ganz außergewöhnliche Dokumentation der Stadt Leipzig über die in ihr ermordeten Kinder:
EENE, MEENE, MUH UND RAUS BIST DU... KINDEREUTHANASIE IN LEIPZIG E I N E E R I N N E R U N G . SCHÜLER AUF DER SUCHE NACH VERBLASSTEN SPUREN. http://www.leipzig.de/imperia/md/content/51_jugendamt/fachstelle/kindereuthanasie_in_leipzig.pdf
Umfangreiche Dokumentation von Matthias Dahl, Gedenkstätte Steinhof Die Tötung behinderter Kinder in der Anstalt „Am Spiegelgrund“ 1940 bis 1945 http://www.gedenkstaettesteinhof.at/cgi-bin/file?id=2495;lang=de
Eine umfangreiche Dokumentation findet sich auch bei der University of Vermont: Kinderfachabteilungen ("Special Children's Wards"): Sites of Nazi "Children's 'Euthanasia'" Crimes and Their Commemoration in Europe |