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Kinder mit Behinderungen wurden in vielen Gesellschaften ausgesondert und ermordet, bereits lange bevor es den Begriff „Euthanasie“ gab. Teilweise geschieht dies noch heute.
Hinweis: In dem folgenden Artikel ist durchgängig von „Krüppeln“ die Rede. Dies ist nicht abwertend gemeint, sondern wird der Einfachheit halber verwendet, weil die Diskriminierung und Sonderbehandlung in mehr oder weniger stark abgewandelter Form auf sämtliche Menschen mit Behinderungen zutrifft.
„Verschiedene Stämme der Eskimos töteten ihre verkrüppelten Kinder, weil die harten Lebensbedingungen (ständige Jagd, häufig rascher Iglu-Bau, Nomadenleben) zusätzliches Beachten der Krüppel anscheinend ausschloß.
Bestimmte Stämme Ostafrikas setzten mißgebildete Kinder zur Zeit der Ebbe aus, damit die Flut es "hinführe, woher es gekommen". Hinweis: Dies ist übrigens teilweise heute noch der Fall!
So läßt sich sagen, daß eine körperliche Abweichung bei den Naturvölkern immer ein Manko war. Ob dem Krüppel überhaupt ein Leben zugebilligt wurde, entschieden die Vorstellungen seiner Umwelt, in die er hineingeboren wurde.
Von einigen germanischen Stämmen ist bekannt, daß sie neugeborene Krüppel töteten, wenn der Vater das Kind nicht annahm.
Nach einem friesischen Volksrecht aus dem 9. Jahrhundert hingegen durfte nur die Mutter ihr Kind straflos töten.
Mit der Aufteilung des Volkes in arm und reich drängt sich der Faktor in den Vordergrund, ob die Reichen das Überleben eines Krüppels als notwendig erachteten. Derartiges Denken findet sich bereits vor 5000 Jahren in Mesopotamien, der ersten Hochkultur.
Im Mittelpunkt des damaligen Lebens stand der Tempel; Priester besaßen folglich die übergreifende Macht. Sie eigneten sich ärztliches und chirurgisches Wissen an und gaben dieses nur an genehme Gelehrte weiter. Behandelt wurde nur, wer zahlen konnte, Arme und Krüppel blieben auf der Strecke. Die Religion stützte die Ungerechtigkeit: "Wer mit den Göttern in Einklang lebt, ist gesund und glücklich, wer die Gebote mißachtet, wird krank." Die Krankheit als Sünde - ein altes Bild. Krüppel galten als Vorboten des Unheils. Eine Tontafelinschrift prophezeit: "Wenn eine Sklavin ein Kind ohne Mund gebiert, wird die kranke Herrin des Hauses sterben.“
Die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten zur Hilfe und der Realität für Krüppel tritt im antiken Griechenland unübersehbar in Erscheinung: einerseits bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse auch auf dem Gebiet der Medizin, andererseits Erniedrigung, Verstecken oder Tötung der Krüppel.
In Sparta beurteilten staatliche Gutachter die Neugeborenen. Stellten sie einen körperlichen Mangel fest, wurden die Kinder ausnahmslos vom Felsen Taygetos zu Tode gestürzt. Sie galten in dem Kriegerstaat Sparta als nutzlos und belastend; benötigt wurden kräftige Kämpfer, um die zentrale Staatsgewalt zu festigen, um den Machtbereich auf andere Regionen ausdehnen zu können. Diese Bestrebungen bestimmten jegliches Handeln und Denken der Spartaner. So galt denn auch die Gesundheit als Tugend, die Krankheit dagegen als Verbrechen.
Im Athener Stadtstaat fällt zunächst einmal auf, daß hier medizinisch behandelt wurde. Selbst die Sklaven erhielten ärztliche Hilfe, jedoch nur, wenn dadurch ihre Arbeitskraft erneut verwertbar wurde: Die Behandlung kam billiger als der Kauf eines neuen Sklaven. Allein diese ökonomische Sichtweise ließ dem Krüppel kaum eine Chance. Er blieb am Leben, wenn er sich verwenden, anbieten oder benutzen ließ. So galten Taubstumme als willige und keine Unruhe stiftenden Arbeitskräfte, verkrüppelten Frauen blieb nichts als die Prostitution; in die Sonderstellung des Propheten wurden häufig Blinde gedrängt.
Die Vorstellungen der bestimmenden Philosophen und Staatsmänner von Athen sprechen darüber hinaus eine deutliche Sprache. Platon, Vertreter der aristokratisch-oligarchischen Partei, äußert: "...wenn eines verstümmelt geboren ist, werden sie, wie es sich ziemt, in einem unzugänglichen und unbekannten Ort verborgen" und "Der, der nicht zu leben vermag, braucht nicht gepflegt zu werden, da er weder sich noch dem Staat nützt". In Platons Grundidee, der Zeugung und Erziehung der Besten geregelt durch staatliche Gebote, bleibt für Krüppel kein Platz. Nicht zu Unrecht wird Platon auch als Vorläufer idealistisch-reaktionärer Strömungen in der Medizin angesehen.
Aristoteles kritisiert zwar diesen Idealismus, zu Krüppeln vertritt er jedoch Ähnliches. So "müssen die Kinder auch körperlich in der vom Gesetzgeber erwünschten Verfassung sein". Weiter bestimmt Aristoteles: "Was Aussetzung oder Aufnahme der Kinder anlangt, so soll es Gesetz sein, daß nichts Verstümmeltes aufgezogen wird." Diese Bestimmung steht dem allgemeinen Verbot der Aussetzung entgegen. Demnach wiegt eine körperliche Andersartigkeit schwerer als andere soziale Regeln.
Neben dem Ideal vom schönen Körperbau treffen die übergeordneten Werte der Kriegsfähigkeit, der ökonomischen Verwertbarkeit auch auf das römische Imperium zu. Rom benötigte Krieger und Sklaven, um seine militärische und wirtschaftliche Macht über viele Völker bestehen zu lassen. Wer dem nicht dienen konnte, wurde beiseite geschafft. Der spanische Statthalter Cato empfahl, "alt gewordene Ochsen und anderes lebende Inventar ebenso wie alte Geräte, alte und kranke Sklaven und andere überflüssige Dinge zu verkaufen". Unverkäufliche Sklaven wurden auf der Tiberinsel ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Bei derart rigiden Aussonderungspraktiken der Schwachen nimmt es nicht wunder, daß in Rom die Tötung von mißgebildeten Kindern zum ersten Mal gesetzlich gebilligt wurde. Nach dem Gesetz der 12 Tafeln genügte es zur legalen Tötung, wenn fünf Zeugen das Kind zur Mißgeburt erklärt hatten.
Die unterschiedliche Einstellung zum alten Sklaven einerseits und zum Krüppel andererseits offenbart der Konsul, Erzieher und Philosoph Seneca. Hier tritt er für die Versorgung der Sklaven ein, da jene auch Menschen seien, dort spricht er dem Krüppel das Leben mit aller Selbstverständlichkeit ab: "Tolle Hunde schlagen wir tot, einen wilden und unbändigen Stier töten wir, ...Mißgeburten schaffen wir aus der Welt, selbst Kinder ertränken wir, wenn sie schwächlich und mißgestaltet zur Welt gekommen sind, und es ist nicht Zorn, sondern Vernunft, Untaugliches von Gesundem zu scheiden." Die Nennung von wilden Tieren und Krüppeln in einem Atemzug sagt genug über die Wertschätzung der Römer aus. Begründet wurde die Tötung der Kinder mit der Ansicht, daß jede Störung im Laufe der Natur unglücksbringend sei. Brutal, aber die Lebenssituation der Krüppel treffend, der römische Volksmund: "Brot für Krüppel bedeutet doppeltes Unglück: einmal verlierst du, was du gibst, zweitens verlängerst du sein Leben."
Für Rom stellte sich das Problem, seine stehenden Heere (medizinisch) zu versorgen. Zu diesem Zweck wurden Krankenanstalten errichtet, in denen u.a. auch die im Krieg Verstümmelten versorgt wurden. Dieses Zugeständnis an die Soldaten, notwendig zur Erhaltung der Kampfmoral, bestätigte die Trennung in Kriegskrüppel und in verkrüppelt Geborene. Erhielten jene noch minimale Unterstützung, so traf die Neugeborenen bereits die vernichtende römische Rechtsordnung. Die noch heute existierende hierarchische Gliederung der Krüppel hat hier einen ihrer Ursprünge.
Dort, wo militärische und wirtschaftliche Kriterien häufig das Ende des Krüppels bedeuteten, setzte das sich ausbreitende Christentum an. Der Krüppel wurde nicht mehr unentwegt verstoßen oder getötet, sondern geriet zum leidenden Bruder, der aus Mitleid versorgt werden mußte. Uneigennützig war das neue Verhältnis zum Krüppel jedoch nicht. Denn das Christentum übernahm mehr und mehr staatstragende Funktionen, es lohnte sich also, christliche Gesinnung zu demonstrieren. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich die Liebe zum Nächsten zu einem regelrechten Wetteifern der Mönche, der reichen Kaufleute um die größte vollbrachte Wohltat. Pflegehäuser wurden errichtet, um christliches Tun öffentlich zu bezeugen. Auf die Spitze getrieben wurde dieses Treiben, als das Almosen für einen Krüppel gleichbedeutend mit dem Freikauf von begangenen Sünden war (Gib dem Krüppel ein Stück Brot und es ist verziehen, daß du den Bäcker beraubt hast!).
Der Krüppel war lediglich Mittel zum Zweck. Für ihn bestanden keine Ausweichmöglichkeiten, um aus der Rolle des Leidenden, des hilflosen Objektes herauszukommen. Das Christentum bewahrte ihn vor dem Tod, bescherte dem Krüppel aber nicht das Leben. Die entstehenden Pflegehäuser sind die Vorboten einer immer perfekter funktionierenden Aussonderung. Mit dem langsamen Niedergang des Feudalismus wird das Christentum offen als Machtmittel mißbraucht, um Kritiker als Zauberer, als Hexen oder Ketzer mundtot zu machen. Auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrannten oft Krüppel, als Wesen fremder Welten verteufelt.
Es zeigt sich, daß auch die Kirchenfürsten den Krüppel nie als Menschen gesehen haben. Auch Martin Luther glaubte an die Hand des Teufels, denn dieser verursache "die Taubheit, die Stummheit, die Lahmheit und das Fieber". Luther selbst wollte ein Krüppelkind eigenhändig ertränken, um es dem Teufel fortzunehmen (!!).
Die Krüppel lebten von der Bettelei, der Freikauf von Sünden florierte immer noch, obwohl mit der immer größer werdenden Armut der Bevölkerung die Almosen spürbar weniger wurden. Neben dem erniedrigenden Warten auf die Gaben Vorübergehender stand dem Krüppel zur Wahl, sich als Hofnarr dem Gespött des Adels oder als Zirkussensation dem Vergnügen des Volkes auszuliefern. Bei alldem wurden sie nicht nur verlacht, sie galten weiter als Überträger des Unheils: Schwangere spuckten dem Krüppel ins Gesicht, um Übles abzuwenden. Bezeichnend eine Notariatsordnung des Kaisers Maximilian I. aus dem Jahre 1512, die im § 4 sagt: "Wer nicht reden oder schreiben kann, wird einem Toten gleich geachtet."
Mit der Entwicklung der Industriestaaten treten die Aspekte der Produktivität, der körperlichen und geistigen Unversehrtheit dominierend in den Vordergrund. Den aufgestellten Regeln der öffentlichen Ordnung fielen die Krüppel zum Opfer; die Straße wurde von Bettlern geräumt, das Fürsorgewesen zunehmend von zentralen städtischen Stellen übernommen. Die Krüppel verschwanden immer systematischer hinter Anstaltsmauern. Die Anzahl der Aussonderungseinrichtungen stieg mit den zunehmenden medizinischen und sozialhygienischen Kenntnissen, die Spezialisierung zog für die Krüppel jeweils ihre Sonderbehandlung nach sich: Die Irren wurden in Spezialräume gesteckt, Lepra-Kranke völlig von der Umwelt abgeschlossen, Epileptiker erhielten schon seit dem 12. Jahrhundert gesonderte Abteilungen. Eine weitere Form der Aussonderung bildeten die zu Beginn der frühkapitalistischen Epoche entstehenden Armen- und Arbeitshäuser. Hier wurde jeder interniert, der seine Arbeitskraft nicht frei verkaufen konnte, und zur Zwangsarbeit getrieben. Zu den Insassen dieser Häuser gehörten viele Krüppel. Der Krüppel verschwand aus dem Straßenbild.
Die französische Revolution bewirkte die endgültige Verselbständigung des Bürgertums; mit dem Zeitalter der Aufklärung und des Humanismus rückte das Individuum in den Mittelpunkt der Weltbetrachtung. Diese neue Sichtweise bedeutete für Krüppel zunächst, daß sich Mediziner und bürgerliche Pädagogen ihnen interessiert zuwendeten und sich mit ihnen beschäftigten. Die Lebensumstände der Krüppel verbesserten sich indes keineswegs. Sie waren zwar nicht mehr Mittel zum Heilserwerb, erhielten jetzt aber ihren Zweck als Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen und ökonomischer Überlegungen. Der Krüppel blieb Objekt, das mit sich geschehen lassen mußte.
Das deutsche Recht spiegelt immer treffend wider, welcher Rang dem Krüppel im gesellschaftlichen System beigemessen wurde. Bis in das 19. Jahrhundert galt die "Tötung von Krüppeln nicht als Menschentötung". Erst 1840 erscheint im Braunschweiger Gesetzbuch der Paragraph: "Wer Krüppel eigenmächtig tötet, wird mit Gefängnis bis zu 6 Wochen oder einer Geldstrafe bestraft“. Dies steht natürlich in keinem Verhältnis zu anderen Strafmaßen, etwa für die Ermordung nichtbehinderter Menschen. Zu beachten in dem Paragraph auch der Einschub „eigenmächtig“ - auf Anordnung Dritter schien der Mord legal zu sein.“
Quelle: Udo Sierck: Mißachtet - Ausgesondert - Vernichtet: Zur Geschichte der Krüppel Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987. bidok - Volltextbibliothek http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_sierck-krueppel.html
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