Sehr geehrte Ratsmitglieder,
zunächst gratuliere ich zur geplanten Energieeffizienzstrategie. Ein spannendes Thema!
Warum aber wende ich mich heute mit einem offenen Brief an Sie?
Mir ist der Vorlauf für dieses Projekt nicht ganz
klar. Wie werden eigentlich wichtige Entscheidungen im Stadtrat beraten
und getroffen? Zum Thema passt die Diskussion um einen möglichen
Ikea-Homepark in W-Nord bzw. den Umgang mit der dort seit fast vier
Jahrzehnten ansässigen Hausausstellung und die Notwendigkeit eines
nachhaltigen Leitbildes mit frühzeitiger Einbindung aller Beteiligten.
Mehrfach formulierte ich dazu in der Presse und in
Fragen an die Verwaltung / Wirtschaftsförderung meine Vision
„Energiestadt Wuppertal“, deren Inhalte in dieselbe Richtung gehen wie
das Thema Ressourceneffizienzstrategie, Leitthema „Gebäude“. Ein Puzzle,
für das sich viele Teile bereits vor Ort befinden. Sie warten nur
darauf, zu einem großen Ganzen zusammen gefügt zu werden, um die
Energiewende in der Region zu unterstützen. Als wichtige Bausteine dafür
sehe ich z.B. die Elektromobilität und die Hausausstellung. Deren
Vernetzung mit den hier ansässigen z.T. international anerkannten
Institut(ion)en wie u.a. Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und
Energie, Bergische Universität Wuppertal und Energieagentur NRW zu einem
Bau- und Kompetenzzentrum hätte viele Vorteile wie z.B. die Verbindung
von Theorie und Praxis für Neubau und Bestand an einem bereits
eingeführten Standort, der dies glaubhaft und authentisch ausstrahlt.
Aufwändige Aufbauarbeiten, um die Standortmarke
„Ressourceneffizienz“, Leitbild „Gebäude“ glaubhaft nach außen zu
tragen, wären obsolet. Dies(e „Vorarbeit“) leistet die Hausausstellung
seit nunmehr fast vier Jahrzehnten am weit über die Grenzen Wuppertals
hinaus bekannten Standort sehr erfolgreich.
Darf dies alles zugunsten der Ansiedlung eines
Neu-Investors mit großflächigem Einzelhandel völlig unberücksichtigt
bleiben? Ist das nachhaltige Stadtentwicklung? Für die mögliche
Ansiedlung von Ikea am Standort der Hausausstellung müssen endlich
belastbare Fakten die plakativen Halbwahrheiten und Spekulationen
ersetzen oder wollen Sie wirklich auf Letzteren Ihre Ratsentscheidung
treffen?
Faktencheck:
Warum die schnelle Entscheidung f ü r IKEA und g e
g e n die Hausausstellung? „Kann ein möglicher Ikea-Homepark am
Standort der Hausausstellung ein Gewinn für die Stadt sein?“
Dass die Hausausstellung seit Jahrzehnten gut für
Wuppertal / die Region ist, stellte sie nachhaltig unter Beweis. Auch
ihr wichtiges Potential für die Energiewende in der Stadt / Region liegt
klar auf der Hand.
Ob der lange diskutierte Ikea-Homepark für Wuppertal / die Region gut ist?
Dazu liegen keine Fakten vor. Eine
Kosten-Nutzen-Rechnung wird nicht erstellt oder nicht öffentlich
gemacht. Grundsätzliche Fragen zu Verkehr, Einzelhandel, Natur- und
Umwelt bleiben ungeklärt. Auch Ikea ist ein Wirtschaftsunternehmen,
prüfte den Standort und entschied sich dafür. Kennt Ikea wirklich alle
Eckdaten? Hinterfragte man dort
- Wie Ist der aktuelle Stand der Planungen um Aus-/ Umbau Autobahnkreuz W-Nord?
- Wie ist das tatsächliche Verkehrsaufkommen auf möglichen Zufahrtsstraßen
(siehe Wittener- / Schmiedestraße mit Mollenkotten und Eichenhofer Weg)?
- Ob und Wie sind diese überhaupt weiträumig
ausbaufähig, um einen möglichen innerstädtischen Verkehrsfluß ohne
Rückstau auf die Autobahn A46 überhaupt zu gewährleisten?
- Welche Infrastrukturkosten (Verkehr, Oberflächenentwässerung etc.) sind zu erwarten?
- Wer wird diese tragen?
- Will der Investor diese vollumfänglich übernehmen? Welche Kostenteilung wurde ggf. thematisiert?
Dies sind nur sind nur die wichtigsten Fragen, die im Raum stehen. Dazu kommen bereits gestellte, noch offene Fragen:
Warum nehmen Sie die mehrfach gegen Ihre
Absichtserklärung vom 31.03.2009 von den Landesbetrieben, der
Landesregierung, den Nachbargemeinden, einigen Ratsmitgliedern, Teilen
des Einzelhandels und auch den Bürgern vorgetragenen Bedenken und
Anregungen nicht ernst?
Der Landesbetrieb Straßen sieht zwar trotz erhöhtem
IKEA-Kunden- und Lieferantenverkehrsaufkommen den Verkehrsfluß auf der
Autobahn nach dem Aus-/ Umbau des AK W-Nord inzwischen als darstellbar
an, hegt aber erhebliche Bedenken hinsichtlich des innerstädtischen Zu- /
Abflusses (s.o.).
Zudem sind bisher weder eine konkrete Zeit- und
Maßnahmenplanung zum Aus- / Umbau des Autobahnkreuzes Wuppertal-Nord
bekannt noch hat eine Öffentlichkeits-beteiligung stattgefunden, so dass
ich mich frage, wie der aktuelle Status quo ist.
Die Landesregierung gibt mit dem LEPro zum Schutz
der Innenstädte für neue Großprojekte Rahmenbedingungen vor, die lauten
Innen- vor Außenentwicklung und Reaktivierung von Brachen vor weiterem
Flächenverbrauch Dies unterstrich sie auch in der Diskussion um das DOC
in Remscheid. Dort lehnte sie die Ansiedlung von großflächigem
Einzelhandel am Stadtrand trotz erheblicher innerstädtischer Leerstände
ab. Wenn IKEA nach Wuppertal käme, was spräche wirklich gegen deren
Ansiedlung zB am integrierten Standort im Wicküler-Park, im Werth
(FiFa-Palast/Concordia) oder im Gewerbegebiet Clausen/ex-Happich-Areal?
Die Nachbargemeinden - zumindest des angrenzenden EN-Kreises –
formulieren ein Positionspapier gegen die Ansiedlung
des Ikea-Center in W-Nord, fürchten mehr als bloße Kaufkraftabflüsse in
das angedachte Shoppingcenter und haben Angst vor großen strukturellen
Folgewirkungen in ihren Gemeinden.
Einige Ratskollegen lehnten im März 2009 eine
alternativlose Standortbestimmung durch den Investor ab und wurden
jüngst gescholten, weil Sie nach der mehrjährigen Vorlaufphase, in der
wenig Konkretes öffentlich wurde, Sachstand / Fakten erfragten.
Der örtliche Einzelhandel erkennt zumindest
teilweise eine Bedrohung für unsere Zentren, die Nachbarn des
bergischen Städtedreiecks äußern sich (noch) nicht.
Die Bürger/innen vor Ort fürchten den
Dauer-Verkehrsinfarkt mit einer völlig unzumutbaren Lärm- und
Abgasbelastung, den Verlust eines guten Nachbarn und wichtigen
Grünpuffers.
Die Hausausstellung zählt auf eine rechtzeitige
Klärung der politischen Gemengelage, wünscht weiter die Verlängerung des
2013 auslaufenden Mietvertrages, bietet den Kauf des Areals an und ist
bereit, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Folgen für Klima-, Natur
und Umwelt wurden bislang ebensowenig ernsthaft hinter-fragt wie die
Kostentragung für zwingend notwendige Infrastruktur-Großmaßnahmen.
Fazit:
Diese Überlegungen fordern dringend eine r a s c h e
Kosten-Nutzen-Analyse. Seit nunmehr zweieinhalb Jahren werden
plakative Halbwahrheiten kommuniziert statt erbetener Daten, Fakten und
Zahlen öffentlich gemacht.
Liegen Wunsch und Wirklichkeit vielleicht zu weit auseinander, und man mag dies einfach nicht akzeptieren?
Wem aber nutzt es, wenn am Ende ein langjähriger
Geschäftspartner mit erheblichem Potential für die Zukunft unserer Stadt
/ Region abgewandert und der IKEA-Homepark am Wunschstandort gar nicht
realisierbar ist ?
Frage:
Auf dieser Grundlage sollen Sie als diejenigen, die
dem Wohle der Stadt Wuppertal verpflichtet sind, eine ausgewogene
Sachentscheidung treffen?
Kongress am 15.7.2011
Bestimmt wird der Zukunftskongress viele hilfreiche
Anregungen geben und hoffentlich die Aufbruchstimmung weiter ausbauen
können, unsere Bergische Region auf dem Weg zur „Versorgung zu 100% aus
erneuerberen Energien“-Region umzustrukturieren.
Für mich gilt heute schon:
Die Zahl derer, die den Weg in die Zukunft
unterstützen, kann nicht groß genug sein. Ressourceneffizienz ist eine
sehr wichtige Komponente des Gesamtprozesses „Energiewende“, der eine
ehrgeizige Herausforderung darstellt, aber unumgänglich ist. Wir werden
diese weitreichende Entscheidung gemeinsam meistern, wenn alle mit
eingebunden werden.
„Partner auf Augenhöhe“: Dies kann nur gelingen,
wenn dabei Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Bürger/innen frühzeitig
umfassend beteiligt werden.
In diesem Sinne verbleibe ich mit besten Grüßen aus W-Nord
Beate Petersen