Intuitionen werden in der philosophischen Literatur eine sehr starke Rechtfertigungskraft zugeschrieben, die aber nicht weiter hinterfragt wird. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass René Descartes seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie die intuitive Erkenntnis, dass er selbst existiert, als unumstößliche Gewissheit darlegt. Der kartesische Täuschergott vermag über Außenwelt und Logik zu betrügen, aber die sich aus dem Zweifelsgang ergebende Intuitionen werden nicht bezweifelt: Es ist sicher, dass man gewiss existiert, solange man wenigstens zweifelt. Es ist intuitiv, dass eine Täuschung immer ein Objekt benötigt, das getäuscht wird. Der Täuschergott vermag scheinbar den meditierenden und zweifelnden Descartes weder in Bezug auf das Verständnis der relevanten Begriffe (Täuschung, Zweifel) zu betrügen, noch wird die Rechtfertigungskraft der Intuition bezweifelt. Intuition wird hier als Einsicht in eine notwendige Wahrheit charakterisiert, wie es auch in der aktuellen Debatte üblich ist. Nun, wenn er [der Täuschergott (genius malignus), CR] mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin. Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertigbringen, daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas sei. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: „Ich bin, ich existiere“, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist. [Descartes, 1976, S.22] Der Begriff ,Intuition’ wird von Descartes in den Meditationen nicht explizit benutzt, aber in der dritten Meditation schreibt er: „Und somit glaube ich bereits als allgemeine Regel aufstellen zu dürfen, daß alles das wahr ist, was ich ganz klar und deutlich einsehe.“ Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass eine fundamentale Rechtfertigung benutzt wird, ohne diese weiter zu spezifizieren oder zu diskutieren. Dieses ,klare und deutliche Einsehen’ ist bei Descartes mit der Wahrheit verbunden. Dies scheint problematisch zu sein. Es ist unplausibel, dass etwas wahr sein soll, nur weil man es klar und deutlich einsieht. Hier sollen aber nicht die Meditationen über die Grundlagen der Philosophie diskutiert werden, sondern dieses Beispiel soll lediglich paradigmatisch veranschaulichen, wie unkritisch oft der Begriff ,Intuition’ benutzt wird und welche starke Rechtfertigungskraft ihm zugetraut wird, ohne dass wirklich klar ist, was Intuitionen eigentlich sind. Intuitionen sind für das Selbstverständnis der Philosophie wichtig, da man sich in keiner anderen Wissenschaft innerhalb ihrer Methodologie so sehr auf Intuition verlässt wie in der Philosophie. Dies erkennt man unter anderem daran, dass sie benutzt werden, um einen Begründungsregress zu stoppen. Mit zunehmender Häufigkeit von der Antike bis heute werden Gedankenexperimente als argumentative Mittel für oder gegen eine Theorie eingesetzt, welche wesentlich auf Intuitionen beruhen. Da Intuitionen also offensichtlich wichtig für das theoretische Fundament der Philosophie sind, soll versucht werden, sie zu klassifizieren und ihre Natur zu klären. [Im Anhang findet sich die vollständige Arbeit, welche diese Frage untersucht] |