zur Konzertchronik seit 1966
die Anfänge
oder: Warum Chormusik im 19. Jahrhundert so modern war ...
Streng genommen gibt es den Chor der Konzertgesellschaft in seiner heutigen Form zwar erst seit 1968 – immerhin lang genug, um eine durchaus ansehnliche Tradition vorzuweisen. Doch genauere Betrachtung (und ein wenig kreative Buchführung) fördert ein Gründungsdatum im frühen 19. Jahrhundert zutage. Die ersten Anfänge des Chors fallen damit in eine Zeit, die sich durch einen bemerkenswert unverkrampften Umgang mit "Klassikern" auszeichnet und musikgeschichtlich wohl ebenso bedeutende Umwälzungen hervorbrachte, wie sie sich im 20. Jahrhundert während der "Roaring Sixities" ereigneten.
Das zuvor in erster Linie höfisch bestimmte Musikleben wird hier endgültig vom Bürgertum übernommen. Seit 1810 organisiert man allerorten mit großem Engagement Musikfeste, die in jeder Hinsicht einen bis heute unerreichten Höhepunkt des demokratischen Umgangs mit Musik darstellen und eine Massenwirkung erreichen, die sich durchaus mit den frühen Popfestivals in Woodstock oder Monterey messen kann. Genau dies geschah auch im Wuppertal.
1811 wurde von Johannes Schornstein die Elberfelder Singschule gegründet. Ursprünglich bestand sie aus 21 Mitgliedern, doch der Zulauf war enorm: Bereits 1817 konnte der Chor unter dem Namen Elberfelder Gesangverein mit 110 Sängerinnen und Sängern Haydns "Schöpfung" aufführen. Der überwältigende Erfolg führte dazu, daß Schornstein im folgenden Jahr gemeinsam mit dem Düsseldorfer Musikdirektor Friedrich August Burgmüller das Niederrheinische Musikfest aus der Taufe hob.
Die Entwicklung des Chorlebens in der konkurrierenden Nachbarstadt Barmen verlief weitgehend parallel. Daß sie ein wenig verzögert erscheint, liegt im wesentlichen an den politischen Umständen jener Zeit. Denn auch in Barmen entstand 1811 eine Singschule; da ihr Begründer Karl Gotthelf Gläser sich in folgenden Jahren an den Befreiungskriegen beteiligte, konnte aus diesem Anfang eben erst 1817 der Singverein hervorgehen, der von 1841 an den Namen Städtischer Singverein trug.
In beiden Nachbarstädten geht also der eigentlichen Chorgründung der Aufbau einer "Singschule" voraus. Damit setzen sich diese Initiativen deutlich von der zeitgenössischen Liedertafelbewegung ab. Dort ging es – nach dem Vorbild der von Karl Friedrich Zelter 1809 begründeten Liedertafel – um reine Männerbünde, die in erster Linie zur Pflege der Geselligkeit zusammenkamen und sozusagen nur nebenbei zum eigenen Vergnügen auch Chorgesang betrieben. Deshalb wollte man sich hier nicht erst mit langwieriger Probenarbeit abgeben und setzte bei den Mitgliedern die Fähigkeit voraus, ihren Part vom Blatt zu singen.
Die musikalischen Initiativen im Wuppertal standen dagegen in einer anderen Tradition. Schornstein und Gläser wollten "Dilettanten" – das Wort war damals keineswegs negativ besetzt – rekrutieren, mit denen sich eben auch größere Programme aufführen ließen. Oratorienchöre waren seinerzeit ausgesprochene Mangelware, was sich angesichts der zunehmenden Popularität Haydns als großes Problem erwies: bei der Leipziger Erstaufführung der "Schöpfung" mußte man die Thomaner zur Verstärkung hinzuziehen; in Dresden wurden die "Jahreszeiten" 1801 sogar in italienischer Sprache aufgeführt, weil außer dem Opernchor kein adäquates Ensemble zur Verfügung stand. Schornstein und Gläser reagierten also durchaus auf musikalische Erfordernisse und Interessen ihrer Zeit.
Die vergleichsweise enge Verbindung beider Vereine ist sozusagen fast vom Start weg vorgegeben. Schornsteins Sohn Hermann übernimmt 1831 die Leitung des Städtischen Singvereins, ehe er nach dem Tode seines Vaters im Jahr 1854 zum Elberfelder Gesangverein überwechselt. In die Ägide Schornstein fallen auch die ersten Koproduktionen. 1833 führt man gemeinschaftlich Mozarts "Requiem" auf. Damit ist zugleich ein Charakteristikum jener frühen Chorzeiten angedeutet: eine ausgesprochen lebendige Beziehung zu vergleichsweise aktueller Musik.
Die Werke Mozarts und Haydns stammten schließlich aus keiner allzu fernen Vergangenheit. Noch deutlicher wird dies bei der nächsten Gemeinschaftsproduktion beider Chöre: 1837 führt man Mendelssohns "Paulus" auf – nur ein Jahr nach der Düsseldorfer Uraufführung im Rahmen des Niederrheinischen Musikfests. Werke zeitgenössischer Komponisten finden sich gerade im 19. Jahrhundert (aber nicht nur dort) – mit schöner Regelmäßigkeit auf dem Konzertplan. Daß auch Bach hier seit etwa 1860 eine besonders prominente Stellung einnimmt, muß dabei kein Widerspruch sein, denn schließlich hielt sein Werk erst hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten Einzug in die Konzertsäle.
Nachdem man im Wuppertal über zwei Oratorienchöre verfügte, mit denen sich auch große Programme bewältigen ließen, waren auch die allgemeinen Anforderungen gestiegen. Damit trat ein neues Problem auf: Solisten, die diesen Anforderungen genügten, waren nicht gerade billig. Man suchte also nach Möglichkeiten, qualitativ angemessene Aufführungen zu finanzieren und gründete – abermals zeitgleich – in Elberfeld wie auch in Barmen im Jahr 1861 Konzertgesellschaften. Nachdem Elberfeld und Barmen 1929 zur Stadt Wuppertal vereinigt wurden, folgten auch diese beiden Trägervereine dem Zug der Zeit und schlossen sich 1932 zu einer einheitlichen Konzertgesellschaft Wuppertal zusammen.
Die beiden Chöre behielten zwar ihre Selbständigkeit bei, hatten aber bereits einige Jahre früher der Entwicklung vorgegriffen und einen gemeinsamen Leiter gewählt, was die weitere Zusammenarbeit natürlich erheblich förderte. Im Jahr 1968 fand diese Entwicklung dann mit dem Zusammenschluß des Elberfelder Gesangvereins und des Städtischen Singvereins zum Chor der Konzertgesellschaft ihren konsequenten Abschluss.
Zur Musikgeschichte Wuppertals im 19. Jahrhundert
Wer sich umfassender über die Musikgeschichte Wuppertals im 19. Jahrhunder informieren möchte, findet unten im Anhang einen Aufsatz aus dem Heft 5 der Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Wuppertal von 1954.
Der Text des Beitrags wurde von Silke Wiesemann (für die Konzertgesellschaft Wuppertal) mit der Genehmigung der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte erfasst.