Ein Chatter wie jeder, sonst nichts …
Geburt und 1.
Lebenstag
Als der kleine Chatter geboren wurde, war er 22 Jahre alt.
Für kleine Chatter ist das ein normales Geburtsalter, fast schon ein bißchen zu
alt. Aber Chatter werden eben zu unterschiedlichen Zeiten geboren. Als der
kleine Chatter noch gar kein Chatter war, hatte er auch schon einen PC und
konnte auch seine Programme anwenden, aber eines Tages hörte er von einer neuen
Sache, die "In" wäre: das Internet. Viele seiner Kollegen redeten von
heißen "Chats", die sie im Internet gehabt hatten und von "Blind
Dates", die alle natürlich auf die gleiche Art ausgingen. Unser Kleiner
meldete sich bei einem Provider an und kaufte ein Dutzend
Internet-Zeitschriften. In einer der Zeitschriften las er über Chats und über
den größten und besten: Metropolis.
Er tippt die Adresse langsam ein. h-t-t-p.... und murmelt
die Buchstaben mit. Er hangelt sich durch die Einführung und schließlich landet
er bei der Registrierung. Ein Nickname. Himmel, was nimmt man da? Er versucht
seinen Vornamen - gibt es schon, sagt die Maschine. Vorname mit Alter? - auch
schon. Die Maschine ist unerbittlich. Schließlich fällt ihm nichts mehr ein und
er registriert sich als "Der kleine Chatter". Die Maschine wirft ihn
im Metropolis ab. "98 Chatter online" verkündet das Eingangsbild.
"Ab in den Chat"
Erstmal sieht der kleine Chatter staunend zu und liest sich
durch die Onlineliste. Diese Namen! Fast tut es ihm leid, daß er keinen
besseren Einfall hatte. Dann folgt er der Unterhaltung. Manches ist ziemlich
albern, ein paar Zweideutigkeiten. Jemand erzählt einen Witz, aber den kennt
der kleine Chatter schon. Die meisten anderen Chatter auch, wie er an den
Kommentaren sieht. Nach dreimal Hingucken ist ihm auch die Bedeutung der
Smileys klar, jedenfalls meistens. Bis sich jemand namens "fiese
Bazille" einloggt und alle mit diesem Symbol begrüßt: :o) Was soll das
denn jetzt heißen?
Plötzlich erhält er eine "private Mitteilung", sie
flimmert rot im linken Frame: "Na Kleiner, neu hier?". Und jetzt? Was
antwortet man darauf? Der kleine Chatter hat vor Aufregung feuchte Hände, tippt
drei Buchstaben, löscht sie wieder. Äh - privat, wie war das noch? Ach ja, ankreuzen.
Und wer hatte denn da geschrieben? - Zurückscrollen, Namen suchen.
"Mädchen19". Wieder ans Ende, damit er den Chat nicht verpasst. Und
was schreiben? Halt, erst "Mädchen19" anklicken. Ja, das geht. Jetzt
schreiben. Geht nicht - ach, doch, erst wieder mit der Maus in das Feld
klicken. Was schreibt man jetzt? Was intelligentes, nicht zu sehr, aber es muß
doch Eindruck machen. Aber wenn es ihr zu abgehoben ist? Er schreibt. löscht.
schreibt. löscht. Schließlich entscheidet er sich und tippt: "Ja".
Enter.
Er schaut wieder in die rechte Seite, seine Meldung müßte
jetzt dort auftauchen. In rot, das hat er schon verstanden. Die rote Schrift am
Ende taucht auf: "Mitteilung vom Channelmaster: Mädchen19 ist nicht mehr
online".
Immerhin kann er heute abend seinen Kollegen erzählen, er
sei von einem Mädchen angebaggert worden. Zufrieden beendet der kleine Chatter
seinen ersten Lebenstag und schaltet den PC aus.
2. Lebenstag
Der kleine Chatter kommt von der Arbeit und wirft sofort den
PC an. Gestern war er ja nicht so erfolgreich, aber irgendwann muß es doch
klappen... Metropolis hat er schlauerweise gebookmarked. Log-in, Nickname und
Password eingegeben. Ab in den Chat. Er hat schon was gelernt, jetzt begrüßt er
alle freundlich "Hallo, zusammen". Antwort bekommt er natürlich
nicht, und "Mädchen19" ist auch nicht online. Etwas frustriert sieht
er wieder den anderen zu.
Ein paar Mal versucht er, einen weiblich klingenden Nick
anzusprechen, und nach einigen Versuchen ist er erfolgreich, sie grüßt
zumindest zurück. Langsam tastet er sich nach vorn, frag sie nach ihrem Alter
und Wohnort. Aber er muß lange auf die Antwort warten. Es kommen immer mehr
Leute und der Chat wird ziemlich langsam, außerdem wiederholen sich Teile des
Chats einige Male. Unser kleiner Chatter ist ein wenig genervt und tippt ganz
mutig an die Allgemeinheit: "Ich bin neu hier, kann mir jemand sagen,
warum das hier so langsam geht?". Keine Antwort.
Er schickt es noch einmal. Oh, doch eine Antwort. Der
Schmähbruder: "Kleiner Chatter: Einfach Alt+F4 drücken, dann geht es
schneller." Der kleine Chatter bedankt sich artig. Er sieht noch eine
Message von yolanthe: "Schmähbruder... kannst es nicht lassen
*grins*" , dann drückt er die Tastenkombination - und steht wieder im
Windows. Chat ist aus, Explorer ist aus. Totaler Absturz. Erst da fällt ihm
ein, daß diese Tastenkombination generell die Programme beendet. Das hätte ihm
doch auffallen müssen! Er schimpft sich selbst einen Esel und startet wieder
von vorn. Explorer ein, Metropolis. Log-in. Und was steht dort: "Kanal
Metropolis (105), voll"
Fluchend schwört sich der kleine Chatter, nie, aber auch nie
wieder einen Fuß ins Metropolis zu setzen und schaltet den PC aus.
3. Lebenstag - erste
Chatliebe
Eine Woche hat sich der kleine Chatter nach der Enttäuschung
zurückgehalten. Aber schließlich landet er doch wieder im Metropolis, begrüßt
die Anwesenden und erhält (wie immer) keine Antwort. Er weiß aber längst, daß
nur den Stammchattern geantwortet wird, und deshalb macht es ihm nicht ganz so
viel aus und er liest sowieso nur mit. Plötzlich sieht er, daß sich
"Mädchen19" einloggt, er wird ganz nervös, aber er weiß, wenn er sie
zu früh anspricht, sieht sie es vielleicht noch nicht, weil sie vorher ihre
Metromail liest oder von anderen angesprochen wird. Mühsam beherrscht er sich
zwei Minuten.
Sie wirft ein lässiges "Hallo" in den Chat,
bekommt keine Antwort und der kleine Chatter sieht darin seine Chance. Ein
private Message an Mädchen19: "Hallo, wie geht es dir?". Enter. Es
ist getan! Er hat sie angesprochen! Mit Herzklopfen beugt er sich vor, die Nase
dicht am Bildschirm. Wird sie antworten? Eine Minute, zwei Minuten. Da!
"Hallo, kleiner Chatter. Schön dich zu sehen." Der kleine Chatter
schlägt sich vor Freude auf die Schenkel... sie hat geantwortet! Ihm! Eifrig
tippt er zwei Fragen an sie - er weiß nicht, daß gerade diese Fragen absolut
ausgeleiert sind und daß sie jede Frau im Chat nerven - die Fragen brennen ihm
auf den Nägeln, und so fragt er sie nach Name und Wohnort. Die Antwort fällt
anders aus, als er erhofft hat: "Bah, immer die gleichen blöden
Fragen" und Mädchen19 scheint in unerreichbare Ferne gerückt.
Der kleine Chatter ist verzweifelt. Jetzt braucht er eine
Idee, aber sein Gehirn scheint sich verflüssigt zu haben... was tun? Er liest,
was die anderen so öffentlich in den Chat schreiben... meist wird geknuddelt,
aber das scheint ihm dann doch zu gewagt zu sein. Dann loggt sich Chefkoch ein,
und wird von allen Seiten bestürmt, etwas Essbares zu fabrizieren und der
kleine Chatter hat eine Idee. An Mädchen19: "Ich wollte eine Torte backen,
mit deinem Namen darauf und sie zu Dir schicken.". Die Antwort läßt auf
sich warten, der kleine Chatter kaut auf seinen Nägeln. Da, die Antwort:
"das ist ja süß... *knuddel*". Sie hat ihn geknuddelt! Er kann es
nicht fassen...
Aufgeregt tippt er weiter und sie antwortet weiter, es ist
zu schön um wahr zu sein. Dann sagt sie, sie habe keine Zeit mehr, und ob er
morgen zur gleichen Zeit wieder hier wäre. Er verspricht es ihr und schaut zu,
wie sie den Chat verläßt. Und auf Wolken schwebend beendet er ebenfalls den
Chat. Er hat seinen Kollegen heute abend viel zu erzählen, schließlich ist sie
jetzt "sein" Mädchen.
Der 4. Tag
Der kleine Chatter schaltet den PC ein. Er weiß ja immer
noch nicht, wie "Mädchen19" wirklich heißt und wo sie wohnt. Aber er
hat den ganzen Tag an sie gedacht und in seinen Gedanken ist sie wunderschön.
Auch jetzt seufzt er verklärt, als er an sie denkt. Sie ist noch nicht da. Er
schaut auf die Uhr - eigentlich ist das doch ihre Chatzeit? Naja, um die Zeit nicht
allzu lang werden zu lassen, spaziert er ein bißchen in Metropolis herum. Hier
gibt es ja noch mehr, als nur den Chat. Er landet in den News. Die Themen sind
nicht so überaus interessant, ein Valentinsgruß, ein anonymer Antifaschist,
jemand sucht eine Wohnung... aber da: "Die wichtigsten Regeln für
Chatneulinge".
Begeistert öffnet er das Dokument, Tips kann man ja immer
gebrauchen. Naja, Begrüßungsregeln, die findet er schon recht seltsam. Dann
werden die Fragen, die er auch immer stellt, als wichtig angegeben. Gut, hat er
wenigstens nichts falsch gemacht. Zuletzt sagt der Autor, er habe allerdings
mit diesen Regeln auch noch nie Erfolg gehabt und bei Punkt 11 kommen dem
kleinen Chatter Zweifel über die Ernsthaftigkeit des Beitrages. Unten steht
eine Eingabemöglichkeit für einen Untereintrag. OK, denkt der kleine Chatter,
versuchen wir es mal. Er frag natürlich erst einmal, ob das alles ernst war,
und dann wird er eine wichtige Frage nach der anderen los. Die wichtigste ist
natürlich: "wie schafft man es, von einem Stammchatter gegrüßt zu
werden?" Herzklopfend schickt er den Beitrag ab, schaut noch mal auf
Rechtschreibfehler und dann schickt er es endgültig. Dann aktualisiert er die
News. Ja - da steht sein Beitrag. Er muss ihn unbedingt noch einmal aufrufen
und ansehen.... ja, ist OK, aber das mit der Schuhgröße hätte er besser
weglassen sollen. Naja, läßt sich nicht mehr ändern.
Er geht wieder in den Chat, aber Mädchen19 ist immer noch
nicht da. Er wird unruhig. Ob sie einen Freund hat? Oder einfach nur so nicht
da? Es kann ja so vieles dazwischen kommen. Er zählt innerlich alle
Möglichkeiten auf, sie sind alle akzeptabel, aber er hat doch richtig Sorge,
daß sie schon in festen Händen sein könnte. Chatten macht auch so keinen Spaß,
trotzdem er gerade von einer "Laura100" angesprochen wird, aber er
ist einfach nicht richtig bei der Sache. Er verläßt den Chat.
Die 3. Woche
Der kleine Chatter kommt von der Arbeit. Eigentlich ist er
ja mit seinen Freunden verabredet, aber er will doch noch mal kurz in die News
schauen. Antwort von Ember:
"als erstes möchte ich dich mal grüßen, damit du auch mal von einem
stammchatter gegrüß wirst. und keine angst. die shuhgröße hat keinen einfluss
auf die online zeit, sonst hätte sunmaster entweder latschen wie öltanker *sun
zu zwinker* oder ich hätte mehr online zeit als er. *gg* hat also nix
miteinander zu tun."
Hm, irgendwie versteht er den letzten Absatz nicht so recht,
wer ist sunmaster und überhaupt? Aber ein Stammchatter hat ihn gegrüßt! Der
kleine Chatter ist ganz stolz. Jetzt wüßte er nur noch gerne, ob ember männlich
oder weiblich ist. Bei "Mädchen19" ist das irgendwie einfacher.
Leider klingeln gerade seine Freunde an die Tür und er schaltet den PC aus.
Der kleine Chatter und das große Chattertreffen
Als der kleine Chatter den Hinweis auf das Chattertreffen in
Essen sah, faßte er sofort den Entschluß, auch daran teilzunehmen. Und vor
allem: wenn "Mädchen19" ihn auf der Liste sähe, würde sie vielleicht
auch kommen... So ließ sich der kleine Chatter bei Nemesis registrieren und
nach einigen Rückfragen, z.B. ob die 25 DM Eintritt oder für das Essen seien
oder ob das Essen in Essen extra bezahlt werden müßte und was wäre wenn er gar
nicht essen wollte und wie das mit dem Hotelzimmer sei. Nemesis verwies ihn
freundlich, aber bestimmt nach der dritten Anfrage an yolanthe, die für ihn das
Hotelzimmer buchte und ihm sicher bestätigte, daß sein Realname auch wirklich
geheim bleibe, ebenso wie seine Adresse und Schuhgröße. Nach weiteren zwei
Mails wußte er auch, daß er keine Handtücher mitbringen brauchte und daß das
Frühstück im Preis inbegriffen wäre.
Der kleine Chatter freute sich mächtig auf das Treffen und
kontrollierte jeden Tag die Anmeldeliste nach "Mädchen19". Aber dann
war die Anmeldefrist herum und die Abmeldefrist auch, aber er tröstete sich
damit, bei dem Treffen jede Menge Stammchatter kennenzulernen, schließlich
hatte er bereits einige Vorstellungen davon, wie diese sein müßten.
Die 3. Woche / Nr. 2
Der große Tag ist da! Samstag, 28. Februar 1998, sechzehnuhrfünfundzwanzig:
der Kleine Chatter betritt das Foyer des großen Hotels und fragt ein wenig
schüchtern nach seinem Einzelzimmer. Es ist auf dem gleichen Flur, wie der
Saal, das hört er gleich und außerdem hört er einige Frauen kichern. Verstört
bringt er erst einmal sein Gepäck ins Zimmer. Richtig, Handtücher sind auch da,
obwohl er vorsichtshalber doch eines mitgebracht hat. Naja. Er kämmt sich
nochmal die Haare, schaut, ob er keine Speisereste an den Zähnen hat und ob er
Geld und Zigaretten eingesteckt hat. Dann taucht er sich noch einmal heftig in
sein After Shave und verläßt, eine Wolke des Wohlgeruchs nach sich ziehend, das
Zimmer. Noch immer Frauengelächter auf dem Flur. Er schluckt, aber er muss ja
dran vorbei.
Drei stehen vor dem Eingang, vor sich auf einem Tisch
etliche bunte Buttons liegend. Sie fragen nach seinem Namen, er bezahlt den
Eintritt und die eine, die blonde, kommt sogar auf ihn zu und befestigt den
Button direkt an seinem Hemd. Das macht ihn nervös, vor allem, weil die anderen
ständig von "piercen" reden. Aber es geht gut, außer daß Nemesis von
seinem After Shave niesen muß. Vielleicht war es doch zu viel. Im Saal herrscht
buntes Treiben. In erster Linie sieht man Leute, die sich mit schräggestelltem
Kopf auf den Brustkasten sehen. Buttons lesen. Einige kommen auf ihn zu, lesen
seinen Namen und sagen "komisch, noch nie gesehen..." und drehen sich
sofort wieder weg. Aber ein paar freundlichere gibt es auch. Nur wenn sie ihn
nach seine Zugehörigkeit zum Metropolis fragen, wird es schwierig. Bei seiner
Angabe "ein paar Wochen", lächeln sie und drehen auch schnell wieder
ab. Es stört ihn. Beim nächsten Mal sagt er: "Ja so ein paar Monate"
und siehe, er kommt schon besser ins Gespräch. Zur Not kann er sich immer
herausreden, er würde zu ganz anderen Tageszeiten chatten.
Eine hat einen Hund mit, das gefällt ihm. Das Tier verläuft
sich in die Küche und wird von einem mürrischen, affektiert redenden Kellner
wieder hinausgeworfen. Der kleine Chatter setzt sich an einen freien Tisch im
Saal und betrachtet die Leute. Sehr gemischte Gesellschaft, da sind doch
tatsächlich Leute um die 40 dabei... das hätte er nicht gedacht. Er hat sich
alle Chatter immer jung und studentenmäßig vorgestellt, aber hier sieht es eher
aus, wie auf einer Familienfeier. Einige Chatterinnen tragen Miniröcke (das war
mal ein Gag in den News, der ihm sehr gefallen hat), einige tragen noch kürzer
als Mini und er starrt verlegen woanders hin. Alle Leute scheinen sich
durcheinander zu bewegen, also geht er auch ein wenig herum, ebenfalls mit
schräggelegtem Kopf, um die Nicknamen zu lesen. "Sunmaster" - der
Rekordhalter der Onlinezeit. In seiner Vorstellung war das immer ein
strahlender Held, mindestens 1.80 groß, breite Schultern.... naja, einen Teil
seiner Vorstellungen muß er eben revidieren.
"Zauberin von Oz" - das ist die, die ihm immer
hilft, wenn er nicht weiter weiß. Sie schaut so lieb aus und sie spricht sogar
mit ihm. Jetzt gefällt es ihm schon besser hier. Das Essen in Essen ist eßbar,
pardon, einigermaßen gut. Als die meisten Chatter satt sind, wollen einige
tanzen und räumen Tische zur Seite. Der kleine Chatter tanzt nicht gerne, er
sieht dabei immer so unbeholfen aus, aber er schaut auch gerne zu. Plötzlich
entsteht ein riesiger Trubel und er sieht, wie eine Frau auf einen Tisch
gehoben wird - stimmt, jetzt fällt es ihm ein, man hatte ja Tabledancing
angekündigt. Voller Vorfreude drängt er sich nach vorne, aber die Frau springt
gerade in diesem Moment unter Blitzlichtgewitter vom Tisch. Der Einsatz war
wohl doch nicht geplant, schade.
Im Laufe des Abends wird viel getrunken, auch der kleine
Chatter trinkt einige Bierchen und unterhält sich danach sehr angeregt mit
einigen Chatterinnen und manchmal auch mit Chattern. Den DJ findet er voll in
Ordnung, der ist echt professionell und der kleine Chatter schaut ihm
bewundernd zu. Wow - so ein DJ in seinem Heimatort und er würde sich nie wieder
nach der Großstadt sehnen. Die Stimmung wird immer besser, feuchtfröhlich und
manchmal erwischt er auch einen heimlichen Schluck aus der heimlichen
Tequila-Flasche, die unter den Tischen kursiert. Und kleine Feiglinge, die
mühsam und geheimnisvoll vor den Kellnern versteckt und dann von allen in der
Runde lautstark auf den Tisch geklopft werden... Die Kellner stellen sich blind
und vor allem taub und so gibt es keinen Ärger.
Bis spät in die Nacht feiern die Chatter, aber so gegen drei
fällt der kleine Chatter in sein Bett, von der Feier hört er kaum etwas, er ist
viel zu angetrunken. Aber es hat ihm gut gefallen, denkt er beim Einschlafen.
Wenn nur "Mädchen19" hier gewesen wäre....
Am "Morgen danach" sitzt ein Großteil der Chatter
im Frühstücksraum, alle ohne Button (der kleine Chatter nimmt seinen
blitzschnell ab und steckt ihn in die Tasche). Keiner kennt keinen, und
irgendwie sehen alle anders aus... das Licht ist erbarmungslos und scheint auf
Augenringe, blasse Gesichter und schwere Lider. Kollektivgähnen und nur leise
Unterhaltungen. Der kleine Chatter findet nette Aufnahme an einem Tisch, obwohl
er nicht einen einzigen Chatter daran mit Namen nennen könnte. Aber das ist
nicht so wichtig, der Kellner mit dem Kaffee ist viel wichtiger... Die Kellner
sind übrigens die gleichen wie am Abend und von denen sieht auch keiner besser
aus als die Chatter. Gefrühstückt wird bis gegen 13.00 Uhr, dann ist
Aufbruchstimmung. Alle wünschen sich gute Heimfahrt, knuddeln sich noch mal
herzlich, und der kleine Chatter bekommt auch ein paar Knuddel ab, weil ja
keiner weiß, daß er noch kein Stammchatter ist. Aber er nimmt sich ganz fest
vor, einer zu werden. Jawohl!
Der kleine Chatter
und die Liebe
Nach vielen Wochen und Monaten im Chat und nach der
Vereinbarung mit seinen Eltern, die Telefonrechnung künftig selbst zu zahlen,
nach ca. 80 Gesprächen und ebensovielen E-Mails mit Mädchen19 hat es der kleine
Chatter endlich geschafft: sie will sich mit ihm treffen!
Er wohnt im Ruhrgebiet, sie wohnt in Süddeutschland. Das
heißt sparen, vor allem, weil das meiste Geld für die Telefonrechnung
draufgeht. Aber schließlich ist der große Tag da und der kleine Chatter sitzt
im Intercity Richtung Süden. Sechs Stunden dauert die Fahrt. Sechs Stunden
überlegt er, wie SIE aussehen mag, denn Fotos wollte sie nicht austauschen. In
seinem Kopf ist sie zu einer Mischung zwischen Claudia Schiffer und Dornröschen
geworden, schön, elegant, groß und einfach umwerfend. Der kleine Chatter ist in
sein eigenes Bild von "Mädchen19" so verliebt, daß er sich nicht auf
seine Zeitschriften konzentrieren kann. Er träumt von ihr, von der Begegnung
und ziemlich viel, wie dieses Wochenende ausgeht und daß er das Hotelzimmer
vielleicht gar nicht braucht oder auf Doppelzimmer umbuchen muß. Er überlegt
sich, wie er sie mit zu seinen Freunden nimmt und ihn alle bewundern, daß er
diese Schönheit aus dem Internet gefischt hat. Beate heißt sie. Ach, Beate...
München Hauptbahnhof. Sie haben sich am Bahnsteig
verabredet, ganz vorn, wo die Lokomotive steht. Sein Platz war in der Mitte des
Zuges, also muß er noch ein wenig nach vorn laufen. Er ist aufgeregt und hat
gleichzeitig Angst, daß er ihr nicht gefallen könnte. Seine Hände sind ganz
verschwitzt. Peinlich. Ob er ihr besser nicht die Hand gibt und sie vielleicht
gleich in den Arm nehmen soll? Dann merkt sie die feuchen Hände vielleicht gar
nicht. Oh Gott! - Hoffentlich riecht er nicht nach Schweiß. Es ist Herbst, kalt
draußen, und er hat das Gefühl, in seiner Jacke zu verdampfen. Jetzt ist das
vordere Ende des Zugs erreicht. Keine blonde Schönheit in Sicht. Sie ist nicht
da! Ich wußte es ja, sie kommt gar nicht erst! Er ist völlig verzweifelt,
bleibt stehen und schaut sich um.
Da zupft ihn jemand an der Jacke. "Bist du
Markus?". Er dreht sich um, sieht im ersten Moment niemanden und senkt
dann seinen Blick. Da steht ein Mädchen, 20
cm kleiner als er, blonde ausgeblichene Dauerwelle. Mehr
sieht er nicht, bis sie ihn ansieht, graue Augen hinter Brillengläsern. Er
schluckt. "Ich bin Bea" sagt sie leise. Er schluckt nochmal, schluckt
all die Illusionen und Bilder hinunter und sagt Hallo. Auf dem Weg zur U-Bahn
sieht er sie verstohlen von der Seite an. Sie ist so unscheinbar. Gut, daß er
nur zwei Tage in München bleibt, die wird er schon irgendwie überstehen.
Verlegen schweigend bringen sie seine Reisetasche ins Hotel
und gehen in ein Café in der Nähe. Jetzt sitzen sie sich gegenüber und der
kleine Chatter kann es kaum vermeiden, sie anzusehen. Sein Mädchen19, das so
witzig und intelligent mit ihm im Chat geflirtet hat - das soll diese kleine
graue Maus sein? Sie rührt angelegentlich in ihrem Kaffee. Dann schaut sie auf
und ihm direkt in die Augen. "Du bist enttäuscht" stellt sie fest und
senkt den Blick nicht wieder. Irgendwie ist ihm das unangenehm. "Nein,
nein" beeilt er sich zu sagen, aber er hört selbst, daß es nicht ehrlich
klingt. Sie hört es auch.
Vor lauter Verlegenheit beginnt er zu erzählen, über sich,
seinen Job, seine Freunde. Über das Internet, über seine Familie und über seine
kleinen Sorgen. Sie hört zu, sie hört richtig zu und ihre Bemerkungen sind nie
oberflächlich. Als ihm das klar wird, stockt er und schaut sie wieder an. Sie
gefällt ihm schon besser, irgendwie. Und sie lächelt ganz sympathisch. Er
bittet sie, von sich zu erzählen und das tut sie auch. Er merkt, daß er ihr
gerne zuhört.
Als der kleine Chatter sonntags im Zug nach Hause sitzt, hat
er nicht die große Liebe gefunden, die er sich erhofft hat. Keine Traumfrau,
mit der er seine Freunde beeindrucken kann. Aber eine gute Freundin, die
zuhören kann und die ihn versteht. Der kleine Chatter lächelt. Richtig gute
Freunde findet man selten.
© Andrea Kalmer 1999

















































































































































































































































































































































































































































































































