Brief an den Vater Lieber Valentin, ![]() wie viele Stufen durchläuft ein Mensch in 21 Jahren, wie viele Wandlungen beinhalten diese zeitlichen Abgrenzungen! MCMXC- MMXI, oder MCMXLV-MMXI was sagen uns schon diese Zahlen? Wie viele Parallelen durchziehen die Betrachtung von Vater und Sohn? In mir leben viele Elemente, inspirierende Mentoren, einschneidende Erlebnisse, große Namen, viele Unbekannte aber besonders du lieber Vater. Wenn ich mir meine Neigungen, Strebungen, Bilder- und Seelenlandschaften die in mir inne wohnen genau betrachte, dann muss ich immer schmunzeln, da der Name meines Vaters Valentin in sehr viele Facetten, Wortspielen, Lebensperspektiven philosophischer, beruflicher und spiritueller Natur erscheinen. Ein Resümee über Lebensjahre zu ziehen kann erheitern aber auch erschüttern, dennoch sollten wir uns die groben Züge einmal genauer betrachten. Ich bin wohl aus einer ethno-sprituellen Strömung entsprungen, diese alternativen Züge sind Fundament meines Denkens, Schreitens und Lebens geworden. Ich habe tolerantes, kritisches, mitfühlendes und sensitives Betrachten durch dich gelernt, diese entscheidende Fähigkeit durch dich erworben. In mir lebt dein Geist, in mir pocht dein Blut, in mir kreisen ähnliche Laster und imaginäre Diskurse mit sich Selbst – wie wohl auch bei dir-. Mein radikaler Wille, meine reformartige Umsetzung von neuen Schritten, neuen Wegen – sei es Klagenfurt, sei es Salzburg – sind wohl entsprungen aus einer freiheitsorientierten, wandlungs-unterstützenden Erziehung deinerseits! Auch wenn ich kein recht einfaches Unterfangen bin und war, auch wenn ich ein dem Scheitern sehr oft bedrohlich nahe zugeneigtes Erziehungsprojekt war, Lebensaufgabe Sohn genannt, denke ich, nun nach einem langen Irrweg des Wahnsinns meinen Rhythmus gefunden zu haben. Ich würde nicht hier sitzen, in diesem wahrlich bezaubernden Salzburg, nicht so denken und schreiben, wie ich es soeben tue, wenn es dich nicht so wie du bist gäbe. Es gibt Kinder die von Alkoholikern geboren werden, Kinder die aus Gewalt heraus erzogen wurden, Kinder die auf Fragen keine Antworten bekommen haben… diesen Kindern habe ich nichts gemeinsam, und dass ich mitfühlend und verständnisvoll auf solche Kinder blicke, ist dein Werk und Schaffen! Ja dein kleines Wagnis, dein irrwitziges Kunstprojekt „Jeremias“ – wie wenig du auch realen Kontakt in 21 Jahren mit mir hattest, wie sehr warst du doch unwissentlich mit mir verbunden! Ich habe dich wohl nur in deiner außerordentlichen Zeit, vielleicht sogar in deiner intellektuell-spirituell blühensten Zeit kennengelernt, dafür muss und will ich dir danken! Wenn es jemanden gibt, der für mich Zeilen eines Hermann Hesses „Stufen“, Strophen eines Rilkes „Wolle die Wandlung“ real durchschritten hat, dann bist es du, geliebter Vater. Auch wenn du summa summarum familiär betrachtet wohl nie ganz glücklich warst, wohl nie endgültig vereint warst, ja sogar Splitterbeziehungen des Konflikts durchleben musstest, in mir wirst du niemals eine Trennung fühlen – da ich meine Tränen fühle-- wenn ich an dich liebster Vater denke, du der in meiner Brust, in meinem Leib und Geiste als Verführer, als Mentor, als Vorbild wirkst und lebst!Dieses stufensteigende Leben, dieses sich selbst immer durchleuchten und kritisieren, das jederzeit zum Aufbruch bereite Wesen in dir, ist wohl das schönste und tiefste Vermächtnis in meinem Leben. Auch wenn meine Beziehungsunfähigkeit, meine innere Unruhe wohl aus deinem Freiheitsdrang – der auch in mir lebt – gründet, bin ich dankbar, überhaupt die Bedeutung von innerer und äußerer Freiheit und das Glück, das in ihr liegt als 20 Jähriger zu kennen. Du bist in meinen Augen ein großes, strahlendes Wesen – und es ist und war - eine schöne Zeit mit dir! Ich sitze hier, denk an dich und lache, weine…. verstehe! Und wenn du nur wüsstest, wie stolz ich jeden Arbeitskollegen, jeden Freund, jeder Freundin von meinem Vater erzähle, als Mensch der mir gezeigt hat, das Wandlung, Abschied, Aufbruch, Neubeginn auch in einem Leben mehrmals möglich sind. Danke für deine Unterstützung der letzten Jahre. Danke für deine aufopferungsvolle Liebe. Danke, dass du niemals den Glauben in mich verloren hast. Wie unsere Wege auch weiter gehen, wie sehr wir uns auch irgendwann einmal verlieren, im Innersten werde ich dich immer in Liebe spüren. Jeremias, 04.01.2011 |


