In diesem Jahr feierten wir das
Jubiläum des 75-jährigen Bestehen Wuppertals. Lange Zeit war das
wirtschaftliche Leben in unserer Stadt durch die Textilindustrie
geprägt. Die Anfänge hiervon liegen jedoch Jahrhunderte vor der
Städtevereinigung. Das Stadtjubiläum soll Anlass sein, hieran nochmals
zu erinnern.
Zur Zeit der ersten Erwähnung Heckinghausens als
Ort in der Beyenburger Amtsrechnung 1466 war die Haupterwerbsquelle der
Heckinghauser noch die Landwirtschaft. Doch schon um diese Zeit hatten
die ersten Bauern, die das Glück hatten, an der Wupper ansässig zu
sein, die Kunst des Gambleichens entdeckt. Das Rohmaterial, aus Flachs
gesponnenes Garn, ist von grauer, unansehnlicher Farbe. Hier waren nun
die weiten Wiesen in den Wupperauen, das klare, eisenfreie Wasser der
Wupper sowie das feuchte Klima von grossem Nutzen. Wiesen, Wasser und
Sonne hatten zusammen eine gute Bleichwirkung. Der Flachs selbst wurde
in Wuppertal nur in geringen Mengen angebaut und gesponnen. Man
importierte das Garn, z.B. aus Ostwestfalen, Nordhessen und anderen
Gebieten, die die Sammelbezeichnung “Garnland” bekamen.
Das Garn wurde zunächst in grossen Kesseln mit
speziellen Laugen aus Holz-, Wald- und Pottasche gekocht. Die
Rezepturen für die Laugen, die Kenntnisse und Fähigkeiten für ihre
Zusammensetzung waren ein wichtiges Kapital der Bleicher. Man versuchte
deshalb auch, die Rezepturen nach Möglichkeit geheim zu halten. Nach
dem Kochen wurde das Garn auf den Wupperwiesen und später teilweise
auch an den Bächen beiderseits der Wupper ausgebreitet. Dabei musste
das Garn ständig feucht gehalten werden. Dazu diente die Güte, eine Art
Wasserschaufel. Mit ihr warfen die Bleicher das aus der Wupper und aus
speziell in den Bleicherwiesen angelegten Gräben geschöpfte Wasser über
das Garn und verteilten es mit geschicktem Schwung. Die Reichweite
betrug dabei über 15 m. Der Bleichvorgang selbst dauerte bis zu drei
Monate. Auf diese Weise wurde aus dem grauen Rohstoff schneeweisses
Garn, das auf den Messen, z.B. In Frankfurt am Main, aber auch in
Flandern und anderen Orts hohe Preise erzielte.
Der Sage nach war es 1450 Gödert Wichelhaus, der
die erste Bleiche anlegte. Tatsächlich werden aber mehrere Bauern
unabhängig voneinander diese Kunst entdeckt haben. Die Bleicherei
expandierte rasch; aus Bauern wurden Bleicher, aus Knechten
Bleicherknechte. Mit dem Garnhandel wuchs auch das Fuhrwesen. Die
Bleicher bleichten nicht nur ihr eigenes Garn. Vielmehr liessen bald
mehr Leute Garn bei ihnen bleichen, als selbst mit der Bleicherei
beschäftigt waren.
Auch die Heckinghauser beteiligten sich an diesem
neuen, lukrativen Erwerbszweig. Die Wiesen um Heckinghausen und an der
Bockmühle, auf der Rosenau und an einem Bach oder Nebenarm der Wupper
von der Bleiche bis zum Wupperfeld sowie auf dem Clef waren geradezu
ideal. Zur besseren Wasserversorgung der Bleichen wurde ein Seitenkanal
zur Wupper angelegt. Er zweigte am Hof Bockmühle ab, lief am Fusse des
Norrenberg (= Deisemannskopf) entlang und mündete an einer Wupperturt,
wo jetzt die alte Heckinghauser Brücke steht, wieder in die Wupper. Er
existierte noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und
erlaubte damals die Anlegung einer “Russischen Eisbahn", dort, wo
später die Fa. Robert Zinn, Engels & Co. stand und inzwischen das
Art-Hotel eingerichtet wurde. Zahlreiche kleinere Gräben zweigten von
ihm ab und durchzogen die Wiesen wie ein Netzwerk. Ähnlich sah es
westwärts auf der Rosenau und auf dem Clef aus. Lag das Garn auf den
Wiesen, konnte man meinen, es habe mitten im Sommer geschneit.
Später wurden auch im Murmelbachtal Bleichen angelegt. Hierzu zweigten
auf der Gosenburg zwei Gräben ab, einer nach links, der in Höhe der
späteren Spiekerstrasse in die Wupper mündete, einer nach rechts, der
wieder zum Murmelbach zurückkam. Beide Gräben speisten an verschiedenen
Stellen Kolke, die den Bleichem als Wasserreservoire dienten. Bevor man
die Kolke im Kaiserreich zuschüttete, wurden sie noch über Jahrzehnte
von den Frauen zum Aufwaschen der Wäsche benutzt.
Wie viele Barmer behielten die Heckinghauser
neben der Bleicherei ihre Landwirtschaft bei, so dass der Begriff
„Blekerschburen" (Bleicherbauern) aufkam. Allerdings wurden die
fruchtbaren Wupper- und Bachauen mit der Zeit fast in Gänze zur
Bleicherei genutzt. Da die höher gelegenen Flächen an den Hängen des
Deisemannskopfes und des Barmer Waldes aufgrund der schlechten Böden
nur zur Weidewirtschaft taugten, kam der Getreideanbau mit der Zeit
fast völlig zum Erliegen. Wie in ganz Barmen sah man auch in
Heckinghausen schliesslich fast nur Bleichwiesen und Viehweiden, aber
keine Äcker und Getreidefelder mehr. Als heimische landwirtschaftliche
Erzeugnisse gab es vornehmlich nur noch Fleisch und Milchprodukte. Noch
1789 schrieb hierzu der Schwelmer Pastor Müller: „Eigentliche Äcker
gibt es hier nicht. Es sind bloß die Viehweiden, die alle 10 bis 12
Jahre gedüngt, umgepflügt, mit Roggen und im folgenden Jahre mit Hafer
besäet werden und hernach wieder zur Weide liegen bleiben."
Einen weiteren Aufschwung nahm das
Bleicherhandwerk, als Herzog Johann III. seine Geldsorgen dadurch
verminderte, daß er gegen Zahlung von 861 Goldgulden den Barmern und
Elberfeldern das Recht einräumte, als einzige in seinen Landen (Jülich,
Cleve, Berg, Mark und Ravensberg) Garn zu bleichen. Allen anderen
Untertanen des Herzogs wurde dies verboten. Dieses Privileg der
Garnnahrung datiert vom 29. April 1527 und verschaffte den Barmern und
Elberfeldern ein Monopol. Die Bleicher schlossen sich in der Zunft der
Garnnahrung zusammen, die sich strenge Regeln zur Bewahrung des
Monopols und zur Regulierung der Märkte gab. Wer Mitglied der
Garnnahrung wurde, hatte eine Aufnahmegebühr sowie andere Abgaben an
die Zunft zu zahlen. Weiterhin musste er einen Eid schwören, die Regeln
der Zunft strikt zu beachten. Zu diesen Regeln gehörte unter anderem,
dass niemand sein Garn außerhalb des Wuppertales bleichen ließ oder gar
selbst als Bleicher ausserhalb tätig war. Von der Obrigkeit ernannte
Garnmeister wachten über die Einhaltung der Regeln. Ihre Unkosten
wurden aus den Mitgliedsbeiträgen der Zunft bestritten. Es sind
allerdings nur wenige Namen von Garnmeistern überliefert, darunter nur
einer aus Heckinghausen: Peter Hustert war 1615 Garnmeister in Barmen.
Uneingeschränkt liess sich das Monopol aber nicht
durchsetzen. Weder die Märker, insbesondere Langertelder und Schwelmer,
noch die Ravensberger, dort vor allem Herforder und Bielefelder, ließen
sich durch die herzogliche Verfügung beeindrucken, zum Teil unterstützt
durch die eigenen Landesbehörden. Dies musste naturgemäss zu Streit
führen. Aber auch untereinander waren sich die Garngenossen nicht grün.
Sie zerfielen schon bald in zwei Klassen: die kleineren Bleicher, die
als Handwerker ausschliesslich mit der Bleiche gegen Lohn beschäftigt
waren, und die großen Handelsherren, die nur teilweise noch selbst
bleichten, aber mit dem Garn handelten, Messen und Märkte bereisten,
Preise aushandelten und letztlich den Garnhandel beherrschten. Manchmal
nutzten diese Handelsherren ihre Macht auch aus, um die Regeln der
Garnnahrung zu ändern, was nicht immer im Interesse der Lohnbleicher
war.
Zeugnis legt hiervon ein Streit aus dem Jahre 1596 ab. Die reichen
Kaufleute fanden die Märkte von Brabant und Holland derart mit Garn
übersättigt, dass der Verkauf stockte. Sie setzten deshalb mit Hilfe
der Garnmeister und unter Zustimmung der Richter von Barmen und
Elberfeld eine Garnordnung durch, die Mengenbeschränkungen enthielt und
die Überproduktion zu drosseln suchte. Die kleineren „Hausleute,
Bleicher, Zwirner und Lintwirker" fühlten sich überfahren und
protestierten mit einer Eingabe vom 2. März 1596 beim Amtmann zu
Beyenburg, Wilhelm von Bellinghausen. Unter den 55 Unterzeichnern
dieser Petition sind auch die Heckinghauser Hans zur Bockmühlen, Johann
Hustert zu Heckinghausen, Heinrich Mennecken zu Heckinghausen, Hans
Schwarz, sein Sohn Peter Schwarz und Peter Heckinghausen. Der Einspruch
wurde zurückgewiesen, da die Kaufleute den Amtmann davon überzeugen
konnten, dass nicht sie selbst für die Zustände auf den holländischen
Märkten verantwortlich waren, wie die Bittsteller oder vielmehr deren
unbesonnene Rädelsführer fälschlich angeben". Tatsächlich wirkte sich
hier der holländische Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier negativ
auf das Wirtschaftsleben aus.
Daß in der benachbarten Mark das Garn billiger
gebleicht werden konnte, führte natürlich auch zu emsigen Gamschmuggel
über die Wupper, wobei Heckinghausen aufgrund seiner Lage an der Grenze
häufig im Zentrum stand (siehe Heckinghauser Jahrbuch 2002/03).
Erst gegen Ende des 18. Jahrhundert verlor das
Privileg der Garnnahrung an Bedeutung. Sein Ende kam in der
Franzosenzeit. Seit 1808 faktisch außer Vollzug gesetzt wurde es mit
Inkrafttreten des Code Napoleon am 1. Januar 1810 wie alle derartigen
Sonderrechte aufgehoben. Es passte nicht mehr zu den neuen Ideen der
Gewerbefreiheit.
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Gerhard Dabringhausen
Quelle: Jahrbuch 04/05, Seiten 79, 80, 81