Roland Wehap war zusammen mit Manuela Hinterberger drei Wochen in
Bangladesh um das Schicksal der Rohingya mit der Filmkamera zu
dokumentieren. Die Aufnahmen sind Bestandteil des Filmes BURMESE
DREAMS, der über Flüchtlinge aus Burma handelt und voraussichtlich
Ende 2009 fertig gestellt wird. Man könnte im Nachhinein sagen, dass Bangladesh nicht unbedingt zu den "Top 5" - Tourismusidestinationen dieser Welt gehört. Man könnte auch nicht sagen, dass wir uns einsam gefühlt haben, was bei einer Bevölkerungsdichte von rund 1000 Menschen pro Quadratkilometer nicht weiter wundert. Dass wir nun drei Wochen lang bei den - laut einer Studie - "glücklichsten Menschen der Welt" waren, lässt uns die Definition des Begriffes "Glück" neu überdenken. Dass aber genau in dieses Land Menschen flüchten, weil es anderswo noch viel schlimmer ist, grenzt fast ans Unbegreifliche. Vor etwas mehr als einem Jahr waren wir an der Burmesischen Grenze in Nordthailand unterwegs um für unseren neuen Film "BURMESE DREAMS" über Flüchtlinge aus Burma zu drehen. Wir besuchten legale und illegale Flüchtlingslager diesseits und jenseits der Grenze, führten unzählige Gespräche und hörten unglaubliche Geschichten über Folter, Krieg und Menschenrechtsverletzungen in Burma. Die Stimmung war nicht gut, aber nicht hoffnungslos. Die Menschen haben noch Träume, die sie leben und die sie am Leben erhalten. Unterstützung finden sie in Thailand von vielen NGO's, wie der Österreicherin JULIA MAYERHOFER mit ihrer Organisation CHILD'S SMILE oder dem Südtiroler BENNO RÖGGLA mit HELFENOHNEGRENZEN, dessen Slogan "Ein Strahl Hoffnung" symptomatisch für die Situation dort ist: Licht am Ende des Tunnels. Und nun Bangladesh. 460 US Dollar BIP klingt abstrakt, 2 Euro für einen Tag Schwerarbeit schon konkreter. Wir haben in drei Wochen viele Baustellen in Bangladesh gesehen, aber keinen einzigen Bagger. Wozu auch? Handarbeit ist billig und Menschen gibt es genug. Auch Cox's Bazar, ganz im Süden von Bangladesh, nahe der burmesischen Grenze, boomt. Riesige Hotelkomplexe entstehen, eine Art "Costa del Sol" für die Mittel- und Oberschicht in Bangladesh soll es einmal werden. Auf einer Großbaustelle wühlen sich unzählige Arbeiter mit Hauen und Körben ausgerüstet in den Boden. Angeheuert werden sie auf der Straße, jeden Morgen an einer Kreuzung in der Ortsmitte von Cox's Bazar. Als wir sie fragen, woher sie kommen, antworten sie ausweichend "nicht von hier" und wir wissen, sie meinen Burma. Jenseits der Grenze spielt sich seit Jahrzehnten ein geplanter Völkermord ab. Erhalten die Karen und Shan an der Grenze zu Thailand noch ein geringes Maß an internationaler Öffentlichkeit, so sieht es hier ganz anders aus. Ein Rohingya Exilpolitiker spricht von den "Silent Killing Fields", denn niemand nimmt Notiz von dem, was hier passiert. Die Existenzberechtigung der Rohingya, einer moslemische Minderheit in der Provinz Arakan, im Nordwesten Burmas, wird schlichtweg geleugnet. Die offizielle Auslegung der Burmesischen Junta: Die Rohingya sind aus Bangladesh eingewandert und sollen gefälligst dorthin zurück. Wir sind mit einem Fotografen unterwegs, der für die eine Rohingya Nachrichtenagentur in Bangladesh arbeitet. Mit ihm kommen wir in ein illegales Flüchtlingslager, das sich am Rand des offiziellen UN Flüchtlingslagers gebildet hat. Schätzungsweise 20.000 Menschen leben allein hier unter erbärmlichen Umständen, unter Plastikplanen, ohne sauberes Trinkwasser, ohne medizinische Grundversorgung. Es sind die, die weniger als nichts haben und die Geschichten, die sie uns erzählen, klingen wie die Gebrauchsanweisung zum geplanten Genozid. Die meisten sind hier, weil sie in Burma auf der sogenannten "Black List" stehen, einer Liste, die eine Rückkehr unmöglich macht. Gefängnis, Zwangsarbeit, Folter und Tod - das sind die Erwartungen, die sie noch an ihre Heimat haben. Zuvor wurde ihr Land enteignet, ihre Männer für Zwangsarbeit verschleppt, ihre Frauen und Kinder vergewaltigt, ihre Moscheen zerstört. Aus Zentralburma wurden und werden Familien umgesiedelt um die Dominanz der Bamar, der größten Volkgruppe, der auch die Generäle angehören, zu untermauern. Ganze Musterdörfer sind auf diese Weise entstanden. Morden im Namen Buddhas - das ist neu für unsere Ohren. Ohne behördliche Bewilligung darf auch nicht geheiratet werden, doch ohne Hochzeit keine Kinder, so will es die strenge islamische Tradition. Diese Bewilligung ist aber an eine unrealistisch hohe Gebühr gebunden, die sich niemand leisten kann. Nicht ganz unpraktisch aus der Sicht der Junta. Wer heimlich ohne Genehmigung heiratet, wandert ins Gefängnis. Die einzige Lösung: die Flucht nach Bangladesh. Schon seit 30 Jahren flüchten Rohingyas aus Burma nach Bangladesh. Zweimal gab eine große Flüchtlingswelle, 1978 kamen 200.000 Flüchtlinge und zwischen 1991 und 1992 gab es eine weitere Welle mit 250.00 Rohingyas. Doch auch jetzt kommen jeden Tag neue Flüchtlinge hinzu. Viele leben in den offiziellen UNHCR Flüchtlingslagern und haben auch den Status eines Flüchtlings und damit das Recht auf Grundversorgung. Doch die meisten leben als U-Boote außerhalb und nicht wenige hatten schon die Integration in die Gesellschaft in Bangladesh geschafft, eine kleine, wenn auch illegale, Basis geschaffen. Doch das Glück war nicht von langer Dauer: mit der Militäroffensive "Operation Clean Heart" 2002 wurden sie ihrer Grundlage beraubt und sahen sich einem ähnlichen Schicksal gegenübergestellt wie in ihrer alten Heimat Burma: enteignet und entrechtet. Die Rückkehr nach Burma hätte für sie den sicheren Tod bedeutet, also siedelten sie sich in provisorischen Lagern an, erreichtet aus Zvilisationsmüll. Wir stehen nun mitten in so einem Lager und von allen Seiten strömen die Menschen herbei um die "weißen Engel" zu begrüßen. Denn weiße Menschen bedeuten Hoffnung auf Hilfe. Schon bald werden uns Kranke gezeigt, mit einem verzweifelten Blick, der mehr als tausend Worte sagt. Ein Vater hält uns sein sichtbar todkrankes Baby hin und unsere Antwort dass wir ihm nicht helfen können weil wir keine Ärzte sind, fällt besonders schwer. Doch die Menschen verstehen rasch warum wir hier sind, dass wir gekommen sind um Filmaufnahmen zu machen und versuchen sie aus der Vergessenheit zu holen. Wir schütteln unzählige Hände und immer wieder hören wir das Gleiche: "Danke, dass ihr gekommen seid und euch für unser Schicksal interessiert!!" Und dann beginnen sie zu reden, erzählen von ihren Albtäumen in Burma und vom harten Leben hier in Bangladesh. Ein Frau fragt mich, warum ich sie beim Kochen filme, wo sie doch nichts zu kochen hat. Nur eine Handvoll Reis, einmal am Tag. Zuviel zum Sterben, aber viel zu wenig zum Leben. Die Männer arbeiten als Tagelöhner, von der Hand in den Mund, oft auch nur für einen Euro pro Tag Schwerarbeit. Die Frauen gehen betteln, aber es ist zu wenig, vor allem für die vielen Kinder. Als wir einen siebenfachen Vater fragen, warum seine Frau nun mit dem achten Kind schwanger ist, wo es doch jetzt schon nicht für alle reicht, ist seine Antwort: "Allah hat es so gewollt!" Über dem ganzen Lager liegt die Stimmung unendlicher Resignation: Keine Selbstinitiative, sondern Ergebenheit mit dem Schicksal. Die Antworten auf unsere Standardfrage - im Sinne des Filmtitels BUREMSE DREAMS - überraschen daher nicht. Sie haben keine Träume, keine Visionen, keine Hoffnungen, sie wollen nur in Ruhe leben. Und sie machen das, was die Führer machen, gehen die zurück nach Burma gehen sie mit, bleiben sie da, wollen auch sie bleiben. Einige Tage später treffen wir in Chiattagong auf die höchsten Repräsentanten der Exilregierung. Es ist eine Runde ehrenwerter älterer Herrn, richtige Gentlemen. Wir werden freundlich begrüßt und nach islamischer Tradition gastfreundlich bewirtet. Wir machen einige Interviews, werden aber immer trauriger. Denn die Stimmung ist auch hier resignierend. Sie träumen zwar von einem Rohingya Staat in einem freien Burma, aber in ihrem Tiefsten Inneren haben sie wohl die Hoffnung dafür aufgegeben. Fotos und Text © 2009 by rowe productions Mehr zum Thema Burma: Der Dokumentarfilm BURMA ALL INCLUSIVE |









