St. Johannis-Krankenhaus Landstuhl

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"Wenn ich jetzt gehen könnte, wäre ich versöhnt damit"

veröffentlicht um 14.05.2009 00:49 von Melanie Müller von Klingspor   [ 14.05.2009 01:11 wurde aktualisiert. ]
Ein langes leben, ein enges Leben, ein einfaches Leben - aber ein gelungenes Leben: Die Mallersdorfer Schwester Irmenburgis wurde am 1. Mai 80 Jahre alt. Am "Tag der Arbeit" - und das war ihr Leben immer gewesen: Arbeit, viel Arbeit, aber erfüllende Arbeit.

"Ich würde immer alles noch einmal ganz genau so machen, wie ich es gemacht habe", sagt sie. Schwester Irmenburgis müsste nach heutigen weltlichen Vorstellungen bedauern, vieles nicht gehabt und erlebt zu haben, was im Ordensleben nicht ging, aber: "Nein", sagt sie mit einem kleinen, leisen Lächeln, "es war alles gut so".


Schwester Irmenburgis wurde 1929 in Herbitzheim im Bliestal geboren. "Wir waren elf Geschwister und ich war die achte", erzählt sie. Die Eltern hatten einen Bauernhof. Als ich zehn Jahre alt war, 1939, da mussten wir zum ersten Mal fliehen wegen dem Krieg, nach Oberfranken. 1941 sind wir wieder zurückgekommen, aber nach Webenheim, und 1944 mussten wir wieder fliehen, diesmal nach Baden-Württemberg, für ein halbes Jahr. In dem Jahr ist auch mein Vater gestorben."
Im Juli 1945 konnte die Familie dann endlich nach Hause nach Herbitzheim zurückkehren.

"Einer meiner Brüder war schon vor uns da", erinnert sich Schwester Irmenburgis. "Der lief mit Hausschuhen an den Füßen im Hof herum, weil ihm in Rußland die Füße erfroren waren."
Der Krieg hatte in der großen Familie aber noch schlimmere Spuren hinterlassen: "Drei meiner Brüder waren vermisst." Der Bruder allerdings, der mit erfrorenen Füßen aus Russland kam, ist erst vor kurzem mit 86 Jahren gestorben.

"Jetzt leben von uns elfen noch vier Schwestern", erzählt sie, und es klingt nicht so, als wäre sie bitter. Eher nüchtern, weil das Leben eben so ist. "Eine Schwester war als Lehrerin in der Mission in Brasilien, die war bei den Steyler Missionaren. Von uns Geschwistern waren vier im Orden, zwei bei den Steylern und zwei bei den Mallersdorfern. Das war doch eine gerechte Aufteilung", meint sie. Die anderen Geschwister haben alle geheiratet.

"Als wir auf der Flucht waren, habe ich im Kindergarten geholfen. Da haben zwei Schwestern gearbeitet und da hat eine gute Atmosphäre geherrscht, das hat mir gefallen. Die haben mir auch ein gutes Zeugnis geschrieben." Nach dem Schulabschluss, so erinnert sie sich, hat sie ein so genanntes Pflichtjahr im Krankenhaus gemacht und danach wieder im Kindergarten gearbeitet. "Die Oberin dort hat meine Mutter gefragt, ob ich nicht im Kindergarten helfen kann. Meiner Mutter hat das nicht so gut gefallen, die hätte lieber gehabt, dass ich einen Beruf lerne. Alle meine Geschwister haben einen Beruf gelernt."

Schwester Irmenburgis, die damals noch Rosa hieß, hat aber schon länger mit dem Gedanken geliebäugelt, ins Kloster zu gehen. "Als ich es meiner Mutter gesagt habe, dass ich gerne Ordensschwester werden würde, da hat sie dann auch zugestimmt."
Aber dann sei es ihr doch schwer gefallen: "Die endgültige Entscheidung, die hat mich doch gequält", erinnert sie sich. "Schließlich hat das ja bedeutet, meine Familie und meine Heimat ganz zurückzulassen - das war schon schwer."

1947 ist sie dann eingetreten, mit 18 Jahren. "Der Weg nach Mallersdorf war weit, das war eine Reise von zwei Tagen. Als wir da angekommen sind, war ich ziemlich erschöpft. Da bin ich während der Messe in der Kapelle zusammengebrochen. Danach habe ich richtig Angst gehabt, dass sie mich zurückschicken, denn dann hatte ich mich ja entschieden und wollte unbedingt bleiben." Und sie durfte bleiben und eine Krankenpflege-Ausbildung machen.

"Am 30. März 1952 bin ich nach Landstuhl gekommen, da ist jetzt 57 Jahre her. Und ich war nie woanders." Sie hätte sich melden können, um auch mal woanders hin zu gehen, aber sie hat es nicht gemacht. "Ich weiß nicht, warum ich mich nie gemeldet habe, hätte ich ja machen können. In einen anderen Konvent wurde ich nie geschickt und nachgefragt habe ich nicht. Das war halt so...", sagt sie und zuckt nur leicht mit den Achseln. "Es hat mir halt gefallen hier."

46 Jahre lang hat sie im Johannis-Krankenhaus im Stationsdienst auf der chirurgischen Station gearbeitet. "Erst im alten Krankenhaus, dann im neuen. Im April 1998 habe ich aufgehört, da war ich 69 Jahre alt. Da ging es dann nicht mehr." Aber sie sagt, der Umgang mit den Kranken fehlt ihr heute noch. "Ich bin gerne zu den Kranken gegangen, meine Arbeit hat mir viel Freude gemacht, ich habe auch immer mit gutem Personal zusammengearbeitet."

Heute arbeitet sie in der Patientenbücherei mit, verwaltet die Bücher und fährt mit dem Bücherwagen durch die Zimmer. "Wenn da ein Patient sagt, er braucht eine Telefonkarte, oder was aus der Cafeteria, dann bringe ich ihm das und das macht mir Spaß."

Nie habe sie gedacht: "Es reicht, heute habe ich keine Lust." Die Arbeit sei ihr nie zuviel gewesen. "Ordensschwester sein, das war mein Weg. Eine eigene Familie, Mann und Kinder, das habe ich nicht vermisst." Schwester Irmenburgis erzählt, dass sie ihre Geschwister im Urlaub oft besucht habe "aber nie in den Schulferien, immer während der Schulzeit, denn die Kinder waren ganz schön anstrengend", erinnert sie sich und lacht.

Deprimierend findet sie, dass dem Orden der Nachwuchs fehlt: "Manchmal liege ich nachts wach und kann deshalb nicht schlafen. Aber dann versuche ich zu denken, der liebe Gott wird es schon wissen, wie es weiter gehen soll."
Gesundheitlich geht es Schwester Irmenburgis gut. "Ich mache viel Handarbeit, stricke und sticke und ich lese viel." Am liebsten Biographien und den Pilger, die Bistumszeitung von Speyer. "Biographien von Heiligen lese ich gerne. Meine Lieblingsheilige ist meine Namenspatronin, Rosa von Lima, die erste Heilige von Peru, eine Mystikerin."

Ansonsten mache sie ab und an Urlaub bei ihrer Schwester in Herbitzheim. "Besonders gerne im Frühling, wenn im Bliestal die Natur aufblüht, das ist so herrlich." Ja, die Natur, da liegt auch ihr einziger Wehmutstropfen: "Das ist mir schon arg, dass ich mich seit dem Umzug aus dem Franziskushaus nicht mehr um die Blumen kümmern kann. Das hab ich wirklich gerne gemacht und das geht mir richtig ab."

Zum Geburtstag hat sie sich nichts gewünscht. "Ich brauch doch nichts mehr", sagt sie. Und zum Sterben hat sie auch eine schlichte Haltung: "Ich wäre versöhnt damit, wenn ich jetzt gehen könnte, ohne lange Krankheit und Niederliegen. Ein Pflegefall will ich nicht werden. Wenn ich jetzt so über Nacht sterben könnte, dann wäre doch ordentlich aufgeräumt", meint sie ganz pragmatísch.